Signor Polegato, Sie sind der Gründer und Präsident eines großen italienischen Schuhherstellers. Wie viele Paar Schuhe besitzen Sie selbst?Momentan habe ich ungefähr 30 Paar. Ich bin seit elf Jahren im Schuhgeschäft. Ich versuche, fast jeden Herrenschuh, den wir herstellen, selbst zu testen. Da kommt schon allerhand zusammen.Haben die Deutschen bei Schuhen andere Vorlieben als die Italiener?Ja, die Geschmäcker sind überall anders. Deshalb haben wir für jedes Land eine eigene Kollektion. Unser Ziel ist es nämlich, in allen Ländern, in denen wir aktiv sind, Marktführer zu werden. In Italien und Spanien sind wir das schon. Wir wollen das auch in Deutschland werden. Das schaffen wir aber nur, wenn es uns gelingt, den Geschmack der Deutschen genau zu treffen.Worin liegen denn die Unterschiede zwischen einem deutschen und einem italienischen Schuhkäufer?Die Deutschen mögen breitere, bequemere Schuhe. Die Italiener bevorzugen dagegen legere, elegantere Schuhe. Und die Damen lieben bei uns, anders als in Deutschland, hohe Absätze. Zudem verwenden wir in Deutschland ein festeres Leder als in Italien. Das hat natürlich mit dem kühleren Klima zu tun. Außerdem bevorzugen die Deutschen Schuhe in Naturfarben. Die Italiener dagegen lieben kräftige Farben.Geschmäcker ändern sich laufend. Woher wissen Sie, was gerade in jedem Land angesagt ist?Wir haben in jedem Land einen Produktmanager, der den Markt beobachtet, mit Kunden spricht und sich ansieht, welche Schuhe die Menschen tragen. So wissen wir immer, was die Leute gerade wollen.Woher kommt der Name Geox?Geox ist abgeleitet aus Geo, dem altgriechischen Wort für Erde. Gemeint ist damit: Am besten ist es, barfuß zu laufen, also direkt auf der Erde. Das ist in der modernen Zivilisation nur selten möglich. Aber mit unseren Schuhen kommen sie dem schon sehr nahe: dank der revolutionären Technologie, die ich erfunden habe - der Gummisohle, die atmet. Dafür haben wir ein weltweites Patent. Wir sind deshalb praktisch ohne Konkurrenz.Irgendwann läuft aber das Patent aus. Was machen Sie dann?Da machen wir uns keine Sorgen. Das Patent läuft noch einige Jahre. Zudem entwickeln wir die Technologie ständig weiter und melden immer neue Patente an. Drei Prozent unseres gesamten Umsatzes investieren wir in die Forschung. Wir betreiben eine Schuhforschung auf wissenschaftlichem Niveau: Wir sind gewissermaßen das "Microsoft" der Schuhbranche. Doch damit nicht genug: Wir haben kürzlich auch eine atmungsaktive Jacke erfunden. Dadurch bleibt unser Vorsprung gegenüber der Konkurrenz erhalten. Derzeit haben wir noch 35 Patente in der Schublade, die wir noch gar nicht nutzen.Geox wächst um über 30 Prozent pro Jahr. Wie lange können Sie dieses rasante Tempo noch beibehalten?Unser Potenzial ist noch immer gewaltig: 90 Prozent aller Schuhe, die heute weltweit hergestellt werden, haben eine Gummisohle. Dank unserer Technologie sind wir die einzigen, die kein Hygiene-Problem haben. Derzeit verkaufen wir nur Straßenschuhe. Künftig wollen wir aber auch Sportschuhe herstellen. Dieser Bereich macht 50 Prozent aller weltweit verkauften Schuhe aus. Ich bin überzeugt, dass wir einer der größten Schuhfabrikanten der Welt werden können. Ich gebe mich nicht damit zufrieden, nur die Nummer eins in Italien zu sein.Dazu müssen Sie aber erst noch viel bekannter werden. In Deutschland zum Beispiel kennen viele Menschen die Marke Geox noch gar nicht.Das stimmt nicht ganz. In Deutschland haben wir einen sehr hohen Bekanntheitsgrad und fast die Marktführerschaft im Bereich Kinder- und Komfortschuhe erreicht. Von Anfang an haben wir verstärkt auf Werbung gesetzt. Zehn Prozent unseres gesamten Umsatzes fließen in das Marketing. Wenn man schon eine revolutionäre Technologie hat, muss man das den Menschen auch mitteilen.In Deutschland kostet ein Paar Geox-Schuhe zwischen 80 und 150 Euro. Das kann sich längst nicht jeder leisten. Wie wollen Sie da angesichts der wachsenden Billigkonkurrenz aus China dauerhaft bestehen?Mit unseren Preisen liegen wir im gehobenen Bereich des mittleren Segmentes. Wir wollen kein Billiganbieter sein. Unsere Strategie ist es, den Menschen die bestmöglichen Schuhe zu einem vernünftigen Preis anzubieten. Wir wollen dazu beitragen, dass die Menschen ein glücklicheres Leben führen. Wir verstehen das als Mission.Warum führen Sie als Gründer der Firma nicht selbst die Geschäfte und firmieren nur als Präsident?Viele traditionelle Familienbetriebe in Europa machen einen großen Fehler: Sie geben die Geschäftsleitung nicht aus der Hand. Heute im Zeitalter der Globalisierung brauchen sie aber Spezialisten in allen Bereichen, wenn sie mit der weltweiten Konkurrenz mithalten wollen. Und das geht nur, wenn sie Manager einstellen, die Experten in ihrem Gebiet sind. Das kann ein einziger Unternehmer gar nicht leisten. Ich zum Beispiel bin nicht mehr der Vorstandschef, der das operative Geschäft leitet, sondern der Präsident des Unternehmens. Nur so kann es funktionieren. Hier ist ein radikaler Mentalitätswandel nötig.Woran hapert es noch?Es wird viel zu wenig in die Mitarbeiter investiert. Wir bilden zum Beispiel jedes Jahr auf einer eigenen Management-Schule 20 Talente für anspruchsvolle Führungsaufgaben aus. Nach sechs Monaten haben alle die Geox-Philosophie verinnerlicht. Die meisten europäischen Firmen haben aber ein noch viel grundsätzlicheres Problem.Verraten Sie es?Sie versuchen, sich abzuschotten statt die Herausforderung der Globalisierung anzunehmen. Wenn sie heute in einen Markt einsteigen, seien es Möbel, Besteck oder Schuhe, haben sie nur eine Chance, wenn sie mit einer echten Innovation kommen - so wie wir es getan haben. Zudem: Wer heute in Europa produziert, ist im kommerziellen Bereich nicht mehr wettbewerbsfähig. In anderen Ländern ist es einfach viel billiger. In Europa sollten nur noch die Schaltzentralen, also die Köpfe der Unternehmen sein.Und die sind dann nur noch für Innovationen zuständig?In Europa muss eine Patent-Kultur wie in den USA entstehen. Ein Beispiel: Die italienische Pizza ist unbestritten die beste der Welt. Doch das große Geld damit verdienen nicht die Italiener, sondern amerikanische Ketten wie Pizza Hut. Da ist etwas grundsätzlich falsch gelaufen. Das gleiche gilt für viele andere Bereiche: Die Italiener sind sehr fantasievoll was Mode, Kultur oder Küche angeht. Doch nur wenige haben ihre Ideen auf dem Markt durchgesetzt wie ich.Gespräch: Sebastian Wolff------------------------------Foto : Mario Polegato ist Gründer und Präsident von Geox. 2006 verkaufte er 16 Millionen Paar Schuhe in weltweit 68 Ländern. Produziert wird unter anderem in Asien und Südamerika. Der Aktienkurs hat sich seit dem Börsengang 2005 fast verdreifacht.