BERLIN, 5. Mai. Kurz bevor die Müllerstraße die nördliche Stadtbezirksgrenze des Wedding erreicht, fallen rechterhand die englischen beziehungsweise irischen Straßennamen auf. Auf die Dubliner Straße folgen die Liverpooler Straße, die Themsestraße, die Londoner und die Belfaster Straße. Sie führen hinein ins Englische Viertel, eine beschauliche Wohngegend mit viel Grün, an der die großen Verkehrsströme scheinbar in großerr Ferne vorbeiziehen. Einzige Störquelle sind die Flugzeuge, die im Landeanflug auf Tegel vor allem im Norden des Viertels zu hören sind. Davon abgesehen ist es eines der ruhigsten Wohnviertel im Wedding.Geprägt wird das Englische Viertel von einer großen Vielfalt einzelner Wohngebiete, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Genau wie andere Berliner Bezirke hat eben auch der Wedding mehr zu bieten als einförmige Wohnblöcke. Ein Kleinod des Englischen Viertels ist zum Beispiel die Siedlung "Schillerpark" der Berliner Bau- und Wohngenossenschaft 1892. Am nördlichen Rand des Parks, zwischen Dubliner, Corker und Bristolstraße, baute die Genossenschaft nach Plänen von Bruno Taut in den 20er-Jahren im Stil des neuen Bauens zwei- bis viergeschossige Wohnhäuser. In der Bristolstraße 19 entstand sogar ein genossenschaftseigener Kindergarten.Mieter auf LebenszeitIn den 50er-Jahren folgten weitere Wohnbauten, konzipiert vom Taut-Schüler Hans Hoffmann, in Berlin wegen seiner transparenten Bauweise auch als "Glashoffmann" bekannt. "Wir haben in der Schillerpark-Siedlung 600 Wohnungen. Die Leute fühlen sich hier wohl, manche wohnen schon über 50 Jahre hier", sagt Sylvia Walleczek von der Genossenschaft 1892. Entsprechend hoch ist das Durchschnittsalter.Am anderen Ende der Dubliner Straße, zwischen Müller- und Edinburger Straße, entstand in den 20er-und 30er-Jahren ein Wohnkomplex der Degewo mit knapp 700 Wohnungen. Die Wohnungen sind relativ klein, aber gut geschnitten und besitzen fast den Charme einer typischen Berliner Altbauwohnung. Allerdings unterschreitet die Zimmerhöhe nicht die Drei-Meter-Marke. Manuela Klar wohnt seit 15 Jahren in der Edinburger 79. Sie sagt: "Mir gefällt hier die Ruhe. Und in den Schillerpark oder zu den Rehbergen ist es nur ein Katzensprung. Außerdem haben wir im Haus einen sehr guten Kontakt miteinander. Hier wohnt es sich wunderbar." Als die Wohnung über ihr frei wurde, zog gleich die Tochter mit Enkelin ein.An der Themsestraße stehen sieben Zeilen Reihenhäuser. Sie bilden eines der beiden Einfamilienhausgebiete des Wedding. Hier wohnen viele ehemalige Kommunalpolitiker des Stadtbezirks, die in den 60er-Jahren die Häuschen gekauft haben. In der Themsestraße befand sich früher übrigens auch die französische Gendarmerie, was zur Folge hatte, dass im Englischen Viertel viele Franzosen wohnten. Heute erinnern noch das französische Zentrum in der Müllerstraße und der deutsch-französische Schülerladen "Karotte" in der Glasgower Straße - inzwischen ohne französische Schüler - an diese Zeit.Zwischen Müller-, Belfaster und Cambridger Straße entstand Anfang der 60er-Jahre ein gepflegtes Wohngebiet mit Zwei- bis Dreiraumwohnungen, alle mit Balkon, die Erdgeschosswohnungen mit Gärten. Bendzko-Immobilien kaufte das Areal 1978 und verkaufte bis heute 76 Prozent der 730 Wohnungen - eine bislang einzigartige Aktion. Denn damit befindet sich heute das in Berlin größte zusammenhängende Gebiet mit Eigentumswohnungen im Englischen Viertel.Nächste Folge: Der Graefe-Kiez in Kreuzberg