Ausgerechnet dort, wo Berlin besonders laut ist, der Verkehr auf sechs Spuren rollt, Busse hupen und Laster quietschen, liegt der "Raum der Stille". Direkt im Brandenburger Tor, hinter zwei dicken Glastüren, sollen die Passanten auf Stühlen und Sitzkissen zur Ruhe kommen. Doch was macht das Ohr? Es lauscht. Hört in der Ferne dann doch die polternden Autos und die grollende S-Bahn. Den Geräuschen der Großstadt, das erfährt man hier im Raum der Stille, ist nur schwer zu entkommen.18 Prozent aller Bundesbürger, so ergab eine DAK-Studie im vergangenen Jahr, leiden unter der permanenten Geräuschkulisse, unter dem Dröhnen der Autos, dem Hämmern der Baustellen, dem lauten Fernseher der Nachbarn. Und mehr als jeder sechste Bundesbürger fühlt sich durch den Lärm sogar in seiner Gesundheit beeinträchtigt.Krach macht krank - das vermuten Lärmwirkungsforscher schon seit Jahrzehnten. Jetzt erhärtet eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) diesen Verdacht. "Wer sich ständig durch einen hohen Schallpegel belästigt fühlt, zeigt stark erhöhte relative Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch für Asthma und Bronchitis oder entzündliche Gelenkerkrankungen", so Christian Maschke vom Forschungsverbund Lärm und Gesundheit an der TU Berlin, der mit seinen Kollegen die Daten der WHO-Lares-Studie analysierte.Der Fluglärm interessierte die Lärmwirkungsforscher besonders: Um 80 bis 100 Prozent erhöhte sich das Risiko, krank zu werden, wenn der Krach der Flieger nervte. Wie Lärm, der die Nachtruhe stört, auf den Blutdruck wirkt, hatte Maschke erst wenige Monate zuvor ermittelt. Bei den Befragten des "Spandauer Gesundheitssurveys", vor deren Schlafzimmerfenstern ein Pegel von 50 bis 55 Dezibel gemessen wurde, lag die Wahrscheinlichkeit an Bluthochdruck zu erkranken etwa 60 Prozent höher als bei Personen, die weniger als 50 Dezibel ausgesetzt waren. Bei mehr als 55 Dezibel stieg das Risiko auf etwa 90 Prozent.Was die jüngsten Studien auch zeigten: Das Prinzip "Aquarium", der Versuch, mit dicken Glasscheiben den Lärm, und damit die Belastung, von den eigenen vier Wänden fernzuhalten, wirkt nur bedingt. Wenn der Balkon über der Straße hängt oder der Garten an die S-Bahn-Schienen grenzt, nervt das auch. Lärm wird nicht nur in der Wohnung, sondern im ganzen Wohngebiet zum Problem. In der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung stößt der Krach nicht auf taube Ohren. Ein Viertel der lärmgeplagten Berliner soll spätestens in zehn Jahren wieder seine Ruhe haben, so Manfred Breitenkamp, Abteilungsleiter Umweltpolitik. Bis dahin wird in vier Modellprojekten ausprobiert, wie das gehen soll. Doch von Tempolimits und Umleitungen wollen die Kollegen aus der Verkehrsplanung oft nichts hören. Auf "Zielkonflikte" und eine "schwierige Aufgabe" stellt sich Breitenkamp ein: "Die Lösungen müssen belastbar, finanzierbar und erfolgreich sein."Lobby der KrachmacherDetlef Bramigk von der "Gesellschaft für Lärmbekämpfung e.V." hält von Bemühungen wie diesen nicht viel. "Lärmverwalter" nennt er die Politiker, die allenfalls sehr lose Versprechungen machen. Die bisherigen Grenzwerte seien ohnehin zu hoch, die von der EU geforderten Lärmkarten nur eine "Beschäftigungstherapie für Planer". Seit 1969 berät Bramigk lärmgestresste Berliner und ärgert sich, dass gegen das "Umweltproblem Nummer eins" nichts getan wird.Kein Wunder, die Lobby der Krachmacher sehen zum Beispiel in einem Nachtflugverbot für Flughäfen gleichsam den Absturz des deutschen Wirtschaftsstandorts. Zu gern werden daher die Ergebnisse der Studien, die Christian Maschke und seine Kollegen durchgeführt haben, verharmlost. Wann wird die Politik hellhörig? "Erst wenn der langfristige Vorteil der Anstrengungen in diesem Bereich erkannt wird", so Maschke. "Schließlich könnten dem Gesundheitssystem hohe Kosten entstehen, wenn das Problem weiterhin ignoriert wird." Cornelia Jeske------------------------------WAS IST LAUT ? // Lärmmessung: Die Geräuschbelastung wird in Dezibel, dB(A), gemessen. Ein um 10 dB(A) höherer Schallpegel wird bei üblichen Umweltge-räuschen als Ver-doppelung der Lautstärke empfunden. Das Ticken einer Armbanduhr ist beispielsweise 10 dB(A) laut, ein normales Ge-spräch 55 dB(A), Lkw im Stadtverkehr 85 dB(A). Schallpegeln von über 65 dB(A) sind nach Berechnungen des Umweltbundesamtes knapp 16 Prozent, über 55 dB(A) etwa die Hälfte der Bevölkerung ausgesetzt. Nachts müssen 17 Prozent Pegel über 55 dB(A) erdulden.Lärmwirkung: Studien belegen Zusammenhänge zwischen Lärmbelästigung und Herz-Kreislauf-Erkran-kungen, Asthma, Bron-chitis und entzündlichen Gelenkerkrankungen. Kritische Grenze für die nächtliche Schall-belastung: 50 dB(A).Modellprojekte Berlin: In Köpenick, Charlottenburg, Pankow und Mitte untersucht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, wie der Lärm dauerhaft zu mindern ist. Bis 2007 wird eine Lärmkarte von Berlin erarbeitet. Forschung: Der inter-disziplinäre Forschungs-verbund "Lärm und Gesundheit" ist ein Zusammenschluss von Medizinern und Lärmwirkungsforschern. Er ist verbunden mit dem Berliner Zentrum Public Health.------------------------------Adressen // Gesellschaft für Lärmbekämpfung: Kostenlose Beratung nach Voranmeldung jeden Dienstag 14-17 Uhr, Kaiserdamm 80, Charlottenburg, Tel. 301 60 90.www.gfl-online.deSenatsverwaltung für Stadtentwicklung: Abt. VIII B, "Lärmbekämpfung, nicht genehmigungsbedürftige Anlagen, Bauabfallüberwachung", Tel. 90 25 23 00.Umweltbundesamt: Abt. "Verkehr, Lärm" Tel. 890 30. www.umweltbundesamt.deDeutscher Arbeitsring für Lärmbekämpfung (DAL)Bürgerberatung unter Tel. 0211/48 84 99 (Mo bis Do 9-11 Uhr).www.dalaerm.de------------------------------Foto: Gefährlicher Krach: Studien zeigen, dass das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung bei einer Dauerbeschallung durch Fluglärm deutlich steigt.