Ihr Forschungsgebiet ist die Psychologie der Entscheidungen. Wie machen Sie Laien klar, um was es dabei geht?Ich sage dann oft: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Quizsendung "Wer wird Millionär" und werden gefragt: Welche Stadt hat mehr Einwohner: San Diego oder San Antonio? - Meist sagen die Leute spontan "San Diego" - ohne zu wissen warum. Auf Nachfrage stellt sich oft heraus, dass sie von San Diego schon mal gehört haben, von San Antonio aber noch nie. Die Antwort "San Diego" ist übrigens richtig.Und was lehrt uns das Beispiel?Dass wir über unbewusste Daumenregeln verfügen, die uns beim Entscheiden helfen. In diesem Fall wäre es die Regel: Die bekannte Stadt ist wahrscheinlich auch die größere. Jeder von uns besitzt eine Art innerer Werkzeugkiste, einen unbewussten Schatz kollektiver Weisheit, in dem viele solcher Regeln enthalten sind. Die Regeln sorgen dafür, dass wir schnell und gut Entscheidungen treffen können, auch wenn wir nicht alles wissen.Trifft das auch auf Situationen zu, in denen es um mehr geht als um ein Ratespiel?Ja, und das ist wissenschaftlich gut belegt. In einigen Studien hat man zum Beispiel Leute, die von Aktien nur wenig verstanden gegen Börsenprofis antreten lassen. Beide Gruppen sollten die Entwicklung von Wertpapieren voraussagen und möglichst erfolgreich in Aktien investieren. Erstaunlicherweise schnitten in diesen Untersuchungen die Laien oft besser ab als die Experten. Die Profis konnten ihr großes Wissen nicht für sich ummünzen, die Amateure hingegen profitierten von ihrem Halbwissen.Wozu braucht man dann Experten?Sie können die Sachlage im Nachhinein besser analysieren als Amateure. Wenn es aber um die Entscheidung selbst geht, sind die partiell Unwissenden häufig genauso gut.Ist das ein Plädoyer für Entscheidungen aus dem Bauch heraus?Plädoyer würde ich nicht sagen. Wir müssen erst verstehen, wie solche intuitiven Entscheidungen zustande kommen.Bauchentscheidungen können ja auch falsch sein.Ja, sie können sogar das Leben kosten. Nach dem 11. September hatten viele Amerikaner Angst vorm Fliegen und sind lange Strecken mit dem Auto gefahren. Nach meinen Berechnungen haben dadurch etwa tausend Amerikaner mehr als sonst ihr Leben auf der Straße gelassen - bei dem Versuch, das Terrorrisiko beim Fliegen zu vermeiden.Wie merkt man, ob man richtig oder falsch liegt?Genau darum geht es in unserer Forschung. Wir untersuchen, in welchen Situtationen unbewusste Daumenregeln erfolgreich sind und wo nicht. Nach bekannten Namen zu gehen oder das zu tun, was sich bewährt hat - um zwei wichtige Regeln zu nennen - ist je nach Situation hilfreich oder eben nicht. Ein Beispiel: Der Sohn, der die Firmenführung seines Vaters imitiert, ist so lange erfolgreich, wie die Welt sich nur langsam ändert. Heute, in einer Zeit des schnellen globalen Wandels wird er damit nicht mehr gut fahren.Weniger ist (manchmal) mehr - so lautet das Thema der Diskussion, an der Sie morgen teilnehmen. Kann man auch zu viel wissen, um noch gut entscheiden zu können?Ja, das gibt es. Ein Übermaß an Detailwissen verstellt oft den Blick auf das Ganze. Ein Beispiel dafür ist der russische Gedächtniskünstler Solomon-Veniaminovich Shereshevsky. Er konnte eine ganze Seite eines Buchs lesen und perfekt wiedergeben - falls gewünscht vorwärts und rückwärts. Wenn man ihn aber bat, das Wesentliche zusammenzufassen, war er hilflos. Er hatte große Schwierigkeiten, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Diese Fähigkeit zur Abstraktion ist also die positive Seite des weniger guten Gedächtnisses.Ihre letzte große Bauch-Entscheidung haben viele Deutsche vor 9 Tagen getroffen - mit einem Last-minute-Votum bei der Bundestagswahl. Würden Sie das Ergebnis auch als ein Produkt kollektiver Weisheit bezeichnen?Das ist eine gute Frage. Ich würde das Votum eher als Zeichen der Scheu vor einem Aufbruch verstehen. Die Mehrheit der Wähler scheint Reformen zu fürchten. Ich wünschte mir einen entspannteren und informierteren Umgang mit den heute anstehenden Risiken - etwa der Globalisierung - und mehr Mut zu klaren Entscheidungen.Interview: Lilo BergDiskussion: Um Entscheidungen in einer komplexen Welt geht es am morgigen Dienstag bei einem Podiumsgespräch, das Gerd Gigerenzer mit dem Publizisten Roger de Weck führt. Die Veranstaltung - sie trägt den Titel "Weniger ist (manchmal) mehr" - wird vom Max-Planck-Forum organisiert. Sie beginnt um 18 Uhr im Kultursaal im Quartier 110, Friedrichstraße 180 - 184 (Ecke Taubenstraße) in Berlin-Mitte. Der Eintritt ist frei; es wird um Anmeldung per E-Mail gebeten: MPG-Forum@vf-holtzbrinck.de------------------------------Detektiv der PsycheFoto: Der Psychologe Gerd Gigerenzer (58) ist seit 1997 Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Sein Forschungsinteresse gilt der menschlichen Rationalität und dabei vor allem dem Verhalten in Risikosituationen. Mit einem interdisziplinären Team analysiert Gerd Gigerenzer das unbewusste Regelwerk menschlicher Entscheidungen.