JERUSALEM. Er hätte alle Ausreden gehabt, untätig zu bleiben. Als ägyptischer Arzt in Nazi-Deutschland steckte er selbst in einer misslichen Lage. Mohamed Helmy, geboren 1901 in Khartum, 1922 zunächst Medizinstudent und dann Urologe in Berlin, war vom Regime aus dem öffentlichen Dienst verbannt worden, weil er „kein Arier“ sei. Aus dem gleichen Grund war ihm und seiner deutschen Verlobten Emmy die Heirat untersagt. 1939 kam Helmy sogar mit anderen Ägyptern zeitweise in Arrest. Als einer, der kein Geheimnis daraus machte, dass er von der Nazi-Ideologie nichts hielt, musste er damit rechnen, unter verschärfter Beobachtung zu stehen.

Aber das alles hielt ihn nicht ab. Als 1941 die Deportation der Juden aus Berlin begann, versteckte Helmy die 21-jährige Anna Boros in seiner Gartenhütte in Berlin-Buch. Die Laubenkolonie diente der Jüdin bis zum Kriegsende als Unterschlupf.

Moabit, Krefelder Straße

Gemeinsam mit der Deutschen Frieda Szturmann half Helmy auch der Mutter, dem Stiefvater und der Großmutter von Anna Boros, der Verfolgung zu entkommen. Die Gestapo hatte ihn mehrfach in Verdacht. „Aber er schaffte es, sich aus all ihren Verhören zu winden“, notierte Anna Boros, die nach dem Krieg in den USA heiratete und den Ehenamen Gutman annahm. Wenn die Lage besonders gefährlich wurde, brachte er sie bei Freunden unter, wo er Anna als eine Besucherin aus Dresden vorstellte. So überlebten alle vier Mitglieder ihrer Familie. „Ich bin ihm bis in alle Ewigkeit dankbar“, schrieb Anna Gutman, geborene Boros.

Frieda Szturmann starb 1962, Mohamed Helmy 1982. In diesem Jahr nun hat die israelische Gedenkstätte Jad Vaschem ihnen postum die Ehrung als „Gerechte unter den Völkern“ zuerkannt. Warum erst so spät – das ist schon wieder eine eigene Geschichte.

Den Anstoß, berichtet Irena Steinfeldt, Abteilungsleiterin in Jad Vaschem, lieferte ein Berliner Ehepaar vor einem Jahr. Es war bei Nachforschungen über ein Wohnhaus in der Krefelder Straße in Moabit auf den ägyptischen Doktor gestoßen. Im Archiv des Berliner Senats fanden sich alte Briefe, die Aufschluss gaben. „Auch wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben, die Akten sprechen noch“, sagt Steinfeldt.

Als das Israel-Radio über die Ehrung des Ägypters Helmy berichtete, klingelte im Studio gleich das Telefon. Eine aufgeregte Frau erklärte, bei dieser Person könne es sich nur um den couragierten Mann handeln, dem ihre inzwischen verstorbene Cousine das Überleben verdanke. Deren Tochter Carla lebe heute in den USA und wisse sicher Genaueres über diesen Doktor.

Über diese Tochter stellte sich heraus, dass Helmy und Anna Boros-Gutman sich Jahre nach dem Krieg noch einmal wiedersahen. Ein Foto aus dem West-Berlin des Jahres 1969 zeigt sie gemeinsam auf einer Hollywood-Schaukel: In der Mitte der Ägypter, zu seiner Rechten Emmy, die Liebe seines Lebens, zu seiner Linken Anna und an deren Seite Tochter Carla. „Es ist nicht nur meine Mutter, die Helmy gerettet hat“, hat Carla, die das Bild jetzt nach Jad Vaschem schickte, angemerkt. „Auch wir, ihre drei Kinder und sieben Enkel, verdanken ihm unser Leben.“

Rund 25 000 Namen mutiger Menschen, die alles aufs Spiel setzten, um jüdischen Verfolgten eine Zuflucht zu verschaffen, sind auf der steinernen Tafel im „Garten der Gerechten“ von Jad Vaschem eingraviert. Auch mehr als sechzig Muslime sind unter ihnen: „Albaner, Tataren, Tscherkessen“, listet Irena Steinfeldt auf – Muslime aus Osteuropa eben. Ein Araber jedoch war zuvor noch nicht dabei. „Araber“, sagt Steinfeldt, „gab es damals ja auch eher selten in Europa.“

Ein Araber, der seinerzeit mit Hitler kollaborierte, war der damalige Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der die Jahre zwischen 1941 und Kriegsende in Deutschland verbrachte und Muslime aus den besetzten Gebieten auf dem Balkan für die Waffen-SS rekrutierte. Mohamed Helmy, der Ägypter, ist als stiller Held das Gegenmodell zu dem unrühmlichen Mufti. Vielleicht kann seine Geschichte künftig Palästinensern einen anderen Blick auf den Holocaust ermöglichen. Ist doch in der arabischen Welt nach wie vor die Ansicht verbreitet, die Anerkennung des jüdischen Leidens laufe auf eine Rechtfertigung Israels als Besatzungsmacht hinaus.

Ein Mensch und das Universum

Das ist auch der Resonanzboden für den Missklang, der gerade aus Kairo herüberhallte. Eine ferne Verwandte Helmys, die Ehefrau eines Großneffen, beschied, die Familie wolle mit einem von Jad Vaschem vergebenen Titel nichts zu tun haben. Journalisten gegenüber war die Frau, die 66-jährige Mervat Hassan, ansonsten voll des Lobes über den Großonkel Helmy. Der habe niemals eine Vorliebe für eine bestimmte Nationalität, Rasse oder Religion gehabt und allen Patienten, wer immer sie waren, geholfen. Doch auch wenn der Islam das Judentum respektiere, wolle sie keine Ehrung aus Israel. Das Verhältnis zwischen Ägypten und Israel sei belastet, Friedensvertrag hin oder her.

Die ägyptische Botschaft in Tel Aviv hingegen hat auf eine Bitte von Jad Vaschem, bei der Suche nach weiteren Helmy-Verwandten zu helfen, sehr freundlich reagiert, wie Irena Steinfeldt berichtet. Sollte sich doch noch ein Erbe finden, der bereit ist, nach Jerusalem zu kommen, wird ihm wie allen Hinterbliebenen der „Gerechten unter den Völkern“ in einer Zeremonie die Medaille mit der Inschrift ausgehändigt: „Wer ein Menschenleben rettet, hat gleichsam ein ganzes Universum gerettet.“