GOSLAR, 22. Januar. Ein willigeres Publikum hätte sich der Kandidat nicht wünschen können. Die Reihen sind dicht besetzt, die Gesichter erwartungsvoll. Achthundert Anhänger der SPD sind in das Goslarer Odeon-Theater gekommen, um einem der ihren Mut zu machen: Sigmar Gabriel, dem Lehrer aus Goslar, dem Ministerpräsidenten, der in diesen Tagen einen nahezu aussichtslosen Kampf um die Macht in Niedersachsen führt. Auch Kanzler Gerhard Schröder, der frühere Ministerpräsident des Landes, ist an diesem Abend nach Goslar gekommen, um seinem Erben zu helfen. Gemeinsam reichen er und Gabriel in der Eingangshalle des Theaters Autogramme aus, bevor sie, Arm in Arm versteht sich, die Bühne betreten. Einigkeit soll das zeigen, Freundschaft und Siegeszuversicht. Das Publikum macht mit: Die Zuschauer stehen auf und klatschen. Freundlich ist das und wohlwollend.Begeisterung, die gibt es an diesem Abend erst später. Und zwar genau in jenem Moment, als Gerhard Schröder auf den drohenden Krieg gegen den Irak zu sprechen kommt. "Ich sage das hier jetzt ein Stück weit weitergehend als das, was ich in dieser Frage sonst formuliert habe", leitet der Kanzler ein. Keiner seiner Zuschauer soll die nächsten Worte überhören. Schröder lehnt sich über das Stehpult, ganz nah an die Mikrofone, um jede Silbe deutlich zu intonieren. "Rechnet nicht damit, dass Deutschland einer den Krieg legitimierenden Resolution zustimmt."Mit welcher Art Zustimmung er rechnen kann, weiß Schröder seit dem Bundestagswahlkampf. Knapp siebzig Prozent der Deutschen, so wird es auch eine Umfrage am nächsten Tag zeigen, fordern in der Irak-Frage ein deutsches Nein. Zwanzig Prozent wollen, dass sich Deutschland im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen enthält. Im Odeon-Theater braust der Applaus auf, aus dem Publikum kommen laute Zustimmungsrufe. Auch in einem Landtagswahlkampf, wo die Außenpolitik doch normalerweise keine Rolle spielt, funktioniert das Thema. "Das war sehr bewegend", sagt später die SPD-Kandidatin für den Harz-Kreis, Petra Emmerich-Kopatsch, die mit Schröder und Gabriel auf der Bühne stand. "Die Leute haben einfach Angst vor dem Krieg."Dieses Wort in Goslar war ein Geschenk für Gabriel, das einzige, das Schröder seinem politischen Zögling für den Wahlkampf bisher mitgegeben hat. Der schlechte Start, den Rot-Grün nach der Bundestagswahl hinlegte, hat den niedersächsischen Sozialdemokraten schwer geschadet. Nicht ohne Grund schimpft man in der Hannoveraner Staatskanzlei lautstark über die "Chaos-Truppe" in Berlin. Sigmar Gabriel, der sich noch im Sommer 2002 eines Sieges bei der Landtagswahl sicher war, liegt in den Umfragen inzwischen nur noch bei 36 Prozent. Die CDU steht dagegen bei 48 Prozent - und das, obwohl ihr ewiger Spitzenkandidat Christian Wulff in den neunziger Jahren bereits zweimal gegen Schröder verloren hat.Seit Schröder in Berlin herrscht, nimmt er auf Niedersachsen kaum noch Rücksicht. Gabriel hatte seinen Wahlkampf auf ein sozialdemokratisches Traditionsthema ausrichten wollen: die soziale Gerechtigkeit. Einfacher gesagt, den Reichen soll es genommen und den Armen gegeben werden. Dafür wollte Gabriel die Vermögensteuer wieder einführen, im Einvernehmen mit dem Bundeskanzler, wie der Kandidat eine Zeitlang glaubte.Als allerdings nicht nur die Vermögenden, sondern auch die Wirtschaftsbosse sich empörten, besann sich Schröder anders. Mit einem Machtwort beendete er die Diskussion um die Vermögensteuer; seither favorisiert seine Regierung eine neue Zinssteuer. "Sagen wir s einmal so: Er hat dem Pferd erst einen Klaps gegeben und es dann erschossen", beklagte sich Gabriel bitterlich. Seine Wahlkampfmanager, die Niedersachsen-Kampa, musste ihre Plakate ("1 Prozent Vermögensteuer für 100 Prozent Bildung") einstampfen.Auch Gabriels nächster Vorstoß misslang kläglich. Die Steuerreform wollte er um ein halbes Jahr vorziehen, um noch in diesem Sommer Entlastungen zu schaffen. Seine Begründung: Die Hochwasserschäden, wegen derer die Steuerreform überhaupt erst verschoben worden war, seien geringer ausgefallen als zunächst befürchtet. Doch auch hier blieb Schröder hart. "Das war ein ordentlicher Tritt in die Speichen", bilanzierten Gabriels Leute.Dann hatte der Ministerpräsident noch eine letzte Hoffnung für seinen Wahlkampf: Der Kanzler könnte doch auf die Erhöhung der Dienstwagensteuer verzichten, die das Berliner Finanzministerium geplant hat. Der alte Automann Schröder sollte dem jungen Automann Gabriel beispringen. Immerhin stammt fast jeder zweite Dienstwagen in Deutschland aus den Fabriken des niedersächsischen Volkswagen-Konzerns. "Wir beten, dass der Kanzler bei der Dienstwagensteuer etwas für uns tut", sagte ein Wahlkampfstratege. Unruhig hat Gabriel dann am Dienstagabend auf Schröders Ankunft in Goslar gewartet. Im historischen Café am Markt reißt der Ministerpräsident Witze mit den örtlichen Würdenträgern, etwas lautstärker als nötig. Dann springt er auf. "Ich gucke mal, ob der Meister hier gleich auftaucht."Schröder steigt aus der Limousine und läuft auf das Café zu, im schnellen Schritt über den dunklen Marktplatz. Gabriel kommt ihm entgegen, ein breites Lächeln, ein Händeschütteln, eine Umarmung. Der Jüngere knufft den Kanzler mit der Faust in die Rippen. Dann wendet sich Schröder den Fernsehkameras zu. "Niedersachsen ist in besonderer Weise auf die Automobilindustrie angewiesen", sagt er den Journalisten. Doch Gabriels Wunsch in Sachen Dienstwagensteuer könne er nicht erfüllen. Ende der Hoffnung."Inhalt von Freundschaft ist nicht, immer einer Meinung zu sein", fügt der Kanzler noch hinzu. "Sondern Freundschaft bewährt sich gerade dann, wenn man nicht derselben Meinung ist."Zumindest sind sich Gabriel und Schröder an diesem Abend einig, dass sie Zuneigung demonstrieren sollten. "Mein Freund", sagt Schröder auf der Bühne im Odeon. Und meint wieder den Ministerpräsidenten. "Sigmar muss bleiben, dafür müssen wir kämpfen." Doch wirken die Umarmungen hölzern, das Lachen aufgesetzt. Gabriel gibt gar auf der Bühne zu: "Der Gerd und ich haben ein bisschen Fingerhakeln im Moment." Dabei benötigt der Ministerpräsident dringend die Hilfe aus Berlin, wenn er diesen Wahlkampf noch gewinnen will. Allerdings braucht auch Schröder den Sieg in Niedersachsen: Wird ausgerechnet Gabriel am 2. Februar abgewählt, schwächt das Schröder in der eigenen Partei. Denn Gabriel gilt in Berlin als Schröders Kronprinz. Zumindest war das lange so. Und wirklich gibt und gab es viel, das die beiden Männer verbindet: Die Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen, die Jugend ohne Vater, das Studium auf dem zweiten Bildungsweg. "Beide sind schlagfertig, beide können mit Menschen umgehen", sagt ein langjähriger Weggefährte. "Und beide haben ein ungestörtes Verhältnis zur Macht. Oppositionssehnsucht ist ihnen fremd."Ähnlich ist auch der Politik-Stil, den beide pflegen. So lange Schröder noch Ministerpräsident war, pflegte er sich ebenfalls auf Kosten der Bundespartei zu profilieren. Wenn Gabriel nun dasselbe tut, versucht Schröder, sich nicht allzu sehr zu ärgern. "Ich habe ja auch schon hinter manchem Busch gesessen und kenne mich da deswegen so ein bisschen aus", sagt Schröder. Wenn das herablassend klingt, ist das sicherlich kein Zufall. Dafür spricht auch, wie ein führender Sozialdemokrat in Berlin das Verhältnis zwischen Schröder und Gabriel beschreibt: "Großer Bruder, kleiner Bruder."Doch nichts fuchst Gabriel mehr als solche Beschreibungen. Auch der Spitzname "der kleine Schröder", den er 1999 beim Amtsantritt verpasst bekam, ärgert den Ministerpräsidenten außerordentlich. "Er will unbedingt aus Schröders Schatten heraus", beschreibt es ein Vertrauter. Zu Jahresbeginn verblüffte Gabriel die Genossen mit einem Interview, in dem er unverblümt Führungsansprüche auch auf Bundesebene anmeldete: Chef der SPD-Programmkommission wolle er werden und stellvertretender Parteivorsitzender. "Bei allem Respekt vor den Leistungen der 68er Generation: Die werden jetzt in absehbarer Zeit 68", sagte Gabriel. Das galt auch dem Bundeskanzler.Da fühlte Gabriel sich noch stark. Doch die Umfragen werden immer schlechter für ihn, und er scheint mittlerweile so entmutigt, dass er einen Wahlkampf führt, wie man ihn eher von einem Oppositionsführer erwarten würde: Mit scharfen, persönlich beleidigenden Angriffen auf seinen Rivalen Christian Wulff. Der sei ein "blasser Leisetreter und Warmduscher", erklärte Gabriels Wahlkampfzentrale vor wenigen Tagen. Der CDU-Politiker wolle nicht nur einen Polizei- und Überwachungsstaat errichten, sondern Niedersachsen auch noch zum "Atomklo der EU" machen.Auch auf der Bühne in Goslar zieht Gabriel bösartig über Wulff her, und dem Publikum gefällt s. Der Kandidat redet sich in Fahrt, spricht über die Sicherheit der Rente, über die Gesundheitsreform, und immer wieder über sein Thema, die soziale Gerechtigkeit. Gerhard Schröder wartet derweil stehend am Nachbartisch, lässig in der Hüfte eingeknickt, die linke Hand über dem rechten Handgelenk verschränkt. Das Publikum gibt Gabriel Zwischenapplaus; Schröder allerdings regt sich nicht. Anders ist das Bild ein paar Minuten später, als Schröder redet. Gabriel klatscht mit."Der Gerd und ich haben ein bisschen Fingerhakeln im Moment. " Sigmar Gabriel.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK "Freundschaft bewährt sich gerade dann, wenn man nicht derselben Meinung ist. " So sah es Gerhard Schröder, als er Sigmar Gabriel in Goslar besuchte.