Gert Voss kommt auf die Bühne, und die Musik war schon vorher da. Es handelt sich um einen sehr schnellen, sehr aufgekratzten, fast hysterischen Country-Song und Voss durchtanzt ihn zur Gänze, außerdem zieht er sich dabei beschwingt um, steigt via Kostüm in seine Rolle ein. Dieser Übergang ist ein schöner Einfall und zugleich ein kleiner Trick. Denn jener Krapp aus Becketts Monodrama "Das letzte Band", in den sich Voss hier verwandelt, zählt gerade neunundsechzig Jahre. Es ist sein Geburtstag und same procedure, wie jedes Jahr, wird er sein Tonbandtagebuch fortsetzen und alte Spulen erneut abhören, um in Erinnerungen einzutauchen und letztendlich ganz darin zu verschwinden. Der äußere Kontrast könnte nicht größer sein, zuerst Musik und beschwingt jugendliche Leichtigkeit, dann ein völlig gebrechlicher, fast in Zeitlupe schlürfender und steinalter Mann. Dieser Zeitraffereffekt hat aber auch etwas sehr Gemachtes, man merkt gleich, Voss kann jetzt zeigen, wie virtuos er zu spielen imstande ist aus dem Stand auf hundert. Er macht dies ebenso aufgekratzt wie in der Nummer am Beginn. Sein Krapp ist stark altersvertrottelt, er schneidet Grimassen, grunzt, wimmert und "isst" seine Bananen so, dass man froh ist, sich mit ihm nicht in Gesellschaft zeigen zu müssen. Voss führt den ganzen Altersschwachsinnskosmos wie einen Hund an der Leine vor sich her eine kleine Demenzstudie. Damit aber ist der Kontrast zum Darauffolgenden eine Spur zu hart geschnitten. Das Stück wird nämlich immer ruhiger, Krapp taucht, seiner Jugendstimme vom Band lauschend, mehr und mehr in die traurige Liebesgeschichte seiner Vergangenheit ein. Dann hat Voss auch sehr berührende Momente, wenn er sich ans Tonband schmiegt, als sei es die ehemalige Geliebte, wenn er mit versteinertem Gesicht seiner wirklich jünger und spöttischer klingenden Stimme vom Band lauscht. Die Verwandlung aber ist recht unglaubwürdig, sie geht zu schnell und bleibt unvorbereitet. Voss erspielt sich alles aus dem Stand, ruck, zuck, so ganz ohne Anlauf.Was mehr verwundert, ist eine ganz andere Verwandlung. Manchmal meint man statt Gert Voss plötzlich Ignaz Kirchner zu sehen. Wie ähnlich sich die beiden geworden sind! Irgendwie erschreckend. Als Theatertraumpaar gelten sie in Wien seit Zadeks "Ivanov" von 1990. Eine andere Aufführung, nämlich Taboris von leichter Hand inszenierte Spielanordnung von Becketts "Fin de Partie" von vor zwei Jahren mit Voss als Hamm und Kirchner als Clov auf der Bühne, ist eigentlich der große Bruder dieser kleinen Inszenierung in der Josefstadt, die diesmal ganz ohne väterliche Aufsicht auskommen wollte. Luc Bondy, der als Regisseur vorgesehen war, hat aus Zeitgründen, wie er betont, die Arbeit zurückgelegt, Voss, Kirchner und Ursula Sessler, die mit Voss verheiratet ist, haben übernommen, und zugleich auch sich ein wenig übernommen. Ihre Rohfassung ist mehr ein Puzzle, bei dem man die einzelnen Teile noch genau erkennen kann. Ein bisschen wie im Stück: Zusammengesetzt aus alten Erinnerungen und Erfahrungen.