Nach dem überraschenden Rückzug des Bundesvorsitzenden der rechtsextremen NPD, Holger Apfel, hat die Parteiführung dem 42-Jährigen nun den Parteiaustritt nahegelegt. Mit Befremden habe das Präsidium zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Begründung Apfels für seinen Rücktritt nur ein Teil der Wahrheit gewesen sei, ließ die NPD-Führung jetzt verlauten. „Weitergehende Vorwürfe, die Verfehlungen in der Vergangenheit betreffen, hat Apfel bislang nicht entkräftet“, heißt es in der Mitteilung der Partei. Sollten sich diese Vorwürfe bestätigen, solle Apfel die NPD verlassen.

Am vergangenen Donnerstag hatte Apfel überraschend mitgeteilt, sich von seinen Ämtern aus Krankheitsgründen zurückziehen zu wollen. Die soziale Stigmatisierung seiner Familie, also seiner getrennt von ihm lebenden Ehefrau und seinen drei Kindern, wegen seines NPD-Engagements, aber auch das Gefühl, unter einem „Burnout“ zu leiden, hätten zu seinem Entschluss geführt, hatte Apfel angegeben. Neben dem NPD-Bundesvorsitz wollte er auch die Fraktionsführung im sächsischen Landtag abgeben. Sein Landtagsmandat will der gelernte Verlagskaufmann aber vorerst behalten; im Herbst stehen die Landtagswahlen in Sachsen an.

Homosexualität als Tabuthema

Um welche „Verfehlungen“ es sich gehandelt haben könnte, auf die sich das NPD-Präsidium bezieht, lässt die Parteimitteilung bewusst offen. In NPD-Parteikreisen sowie in links-gerichteten Watchblogs im Internet ist von internen Vorwürfen die Rede, Apfel habe während des vergangenen Bundestagswahlkampfs einen 20-jährigen NPD-Sympathisanten sexuell bedrängt. Homosexualität gilt in der männerbündlerischen NPD als absolutes Tabu.

Denn die Rechtsextremisten machen nicht nur Front gegen Ausländer, Migranten, Linke und Andersdenkende, sondern auch gegen Homosexuelle. Entsprechende Vorwürfe werden allerdings zugleich als Kampfinstrument gegen partei-interne Rivalen eingesetzt. In der Szene gab es von Zeit zu Zeit immer wieder Gerüchte, führende Repräsentanten der NPD seien homosexuell. Unklar ist, ob an den aktuellen Behauptungen etwas dran ist.

Das NPD-Präsidium kündigte an, einen umfangreichen Fragekatalog an ihren früheren Vorsitzenden Apfel zu schicken, und verlangte von ihm einen „substanziellen Beitrag zur lückenlosen Aufklärung aller Fragen“. Andernfalls drohe der Parteiausschluss.

Partei in der Krise

Die NPD befindet sich gegenwärtig in einer tiefen existenziellen Krise. Seit 4. Dezember läuft ein Parteiverbotsverfahren beim Bundesverfassungsgericht gegen die Rechtsextremisten. Der Bundesrat sieht die NPD als Wiedergänger der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP) von Adolf Hitler. Die NPD folge einem klar rassistischen Weltbild, spreche anderen Völkern die Menschenwürde und die universellen Grundrechte ab.

Finanziell steht die Partei aufgrund äußerst schlecht da, unter anderem wegen hoher Strafzahlungen an die Verwaltung, weil die NPD bei ihren Rechenschaftsberichten falsche Angaben gemacht. Auch politisch stecken die Rechtsextremisten in der Krise, zuletzt fuhren sie teils verheerende Ergebnisse ein. Apfels Konzept einer „radikalen Seriosität“ gilt als gescheitert. Die Europawahlen im Mai sowie die Landtagswahlen in Apfels sächsischer Heimat im Herbst sind für die NPD deshalb von enormer Bedeutung.

Am Wochenende zeigt sich Apfels Widersacher, der langjährige NPD-Chef Udo Voigt, bei der Präsidiumssitzung in Frankfurt am Main. Vor zwei Jahren hatte Apfel ihn aus dem Amt gedrängt, nun mischt Voigt wieder mit. Kommissarisch soll nun Udo Pastörs, Fraktionschef der NPD im Schweriner Landtag, die Rechtsextremisten anführen.