Die Geschäfte würden gerade nicht so gut gehen, sagt Hosni Al-Ourfali. „Gott sei Dank!“ fügt er hinzu. Mit hochgezogenen Schultern schaut er auf den Hafen hinaus: „Das Wetter ist viel zu schlecht, um die gefährliche Überfahrt zu wagen. Zum Glück haben das auch die Flüchtlinge eingesehen.“ Der 37-jährige betreibt ein kleines Geschäft für Bootszubehör am Hafen der libyschen Hauptstadt Tripolis.

Er verkauft Schwimmwesten, GPS und alles, was man braucht, wenn man sich in kleinen Booten aufs Mittelmeer hinaus begibt, um am anderen Ufer ein neues Leben zu beginnen. Skrupel plagen ihn dabei nicht, im Gegenteil: „Ich kann die Menschen verstehen. Das sind doch arme Schlucker. Sie kommen aus Ländern, in denen sie keine Zukunft haben, und sie träumen davon, dass es ihnen dort drüben besser geht“, sagt er und zeigt Richtung Horizont. Riesige Wellen brechen an der Hafeneinfahrt.

Eine Schwimmweste mit Kragen kostet rund 12 Euro. Kindermodelle hat er auch, die sind ein bisschen teurer. Manchmal sind es auch die Schlepper, die für ihre Kunden einkaufen. „Es hat sich herumgesprochen, dass die Fahrt gefährlich ist“, sagt Hosni Al-Ourfali. Mit einem Stock holt er eine Schwimmweste vom Regal: „Made in Italy. Die kommt von dort, wo die Leute hin wollen.“ In den Sommermonaten, wenn sich viele Flüchtlinge auf den Weg machen, verkauft er bis zu 50 Schwimmwesten am Tag.

Unbewachte Küste

Jetzt im Winter bleibt es in seinem kleinen Geschäft relativ ruhig. Ein paar Angler decken sich mit Haken und Ruten ein, halten mit al-Ourfali ein Schwätzchen. Sie verstummen, als ein junger Mann mit Aktentasche hereinkommt. Er spricht englisch mit afrikanischem Akzent: „Ich brauche ein GPS, Standardmodell. Was kostet?“ Al-Ourfali nennt ihm einen Preis. Der Kunde rümpft die Nase und geht. Zu teuer.

Die meisten Flüchtlinge brechen nicht direkt vom Hafen von Tripolis auf, sondern von einem der verlassenen Strände außerhalb der Hauptstadt. Hunderte Kilometer Küste sind unbewacht. Die Überfahrt kostet rund 1000 Euro pro Person. Dafür werden die Flüchtlinge in kleine, meist offene Boote gesetzt. Die Schleuser begleiten sie bis in internationale Gewässer. Unterwegs weisen sie einen Passagier in die GPS-Navigation ein. Sobald sie libysches Seegebiet verlassen haben, fahren die Schleuser zurück. Die Flüchtlinge steuern weiter Kurs auf Malta oder Lampedusa.

„Sogar heute schleichen da unten an der Mole so ein paar Gestalten herum“, erzählt Abdullah. Seinen Nachnamen verrät er nicht. Neun von zehn Flüchtlingen, die in dieser Jahreszeit aufbrechen, werden sterben, davon ist der 40-Jährige überzeugt. Woher er sei Wissen bezieht, will er nicht preisgeben. „Ich bin Seemann“, sagt er nur und weist den Verdacht weit von sich: „Nein, nicht Schlepper, Seemann!“

Libyen ist der wichtigste Startpunkt. „60 Prozent der Flüchtlinge, die in Italien ankommen, sind in Libyen losgefahren“, sagt Emanuel Gignac, Leiter der Mission des UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Tripolis. Aus Libyen starteten auch die 395 Flüchtlinge, die im Oktober starben, als ihr Schiff vor Lampedusa zuerst Feuer fing und dann sank. „Bis jetzt gehen wir von 23000 Bootsflüchtlingen aus, die 2013 von Libyen aufgebrochen sind. Das sind dreimal mehr als 2012 und fast so viele wie 2011, als wegen der Revolutionen in Nordafrika besonders viele Menschen flohen“, so Gignac. Grund für den Anstieg sei vor allem das ruhige Wetter im Sommer. „Es liegt aber natürlich auch an der Lage in Libyen: Die Behörden sind guten Willens, aber schlicht überfordert“, sagt er.

Noch sind neue Armee und Polizei in Libyen im Aufbau. „Wir haben ziemlich genau vor einem Jahr angefangen, die Polizeieinheiten zu trainieren. Inzwischen haben wir hier in Tripolis 5051 neue Polizisten. Einige von ihnen kümmern sich natürlich auch um die Kontrolle der Strände und die Verfolgung illegaler Grenzübertritte“, versichert Haschim Bischr.

Der ehemalige Rebellenführer ist heute Chef der neuen Polizei-Truppe. Stolz berichtet er, dass seinen Männern gerade den Versuch vereitelten, 180 Flüchtlinge auf den Weg zu bringen. Sie waren gerade dabei, in ihr Fluchtboot zu steigen, als die Küstenwache auftauchte. Die Schleuser machten sich mit einigen Flüchtlingen davon, die anderen ließen sie am Strand zurück. „Wir haben sie in ein Auffanglager gebracht. Sie wurden anschließend abgeschoben und haben einen Stempel in den Pass bekommen, dass sie nicht wieder legal nach Libyen einreisen können“, so Bischr.

„Die Bedingungen in den Auffanglagern machen uns große Sorgen“, sagt Gignac. Es handele sich um elende Baracken, oft ohne fließendes Wasser oder auch nur Fenster. Mit mobilen Krankenstationen und Hilfspaketen versuche das Hilfswerk, die größte Not zu lindern. Problematisch sei auch der Umgang mit Flüchtlingen aus Bürgerkriegsländern und mit politisch Verfolgten: „Libyen hat bisher noch kein richtiges Asylverfahren und in der derzeitigen Situation kann die Sicherheit der Flüchtlinge nicht garantiert werden. Manchen Flüchtlingen gelingt es, aus den Lagern auszubrechen. Die versuchen dann gleich noch einmal die Flucht nach Europa oder zumindest, in Tripolis unterzutauchen“, erklärt Gignac.

Gerade hat das UNHCR in Libyen eine Studie vorgelegt, in der die Herkunftsländer und Fluchtrouten der Flüchtlinge dokumentiert werden. Neben den klassischen Routen östlich des Mittelmeeres über die Türkei und Griechenland sowie der Strecke von Marokko nach Spanien hat danach die mittlere Strecke deutlich an Attraktivität zugenommen. Darüber hinaus wuchs die Zahl der Syrer unter den Bootsflüchtlingen dramatisch an. Insgesamt sind in Libyen 16000 Syrer beim UNHCR registriert, die eine Flucht versucht haben. Gignac schätzt die tatsächliche Zahl auf 110000.

„Anfangs wurden die Flüchtlinge aus Syrien hier mit offenen Armen aufgenommen, alle hatten großes Mitgefühl mit ihnen. Das hat sich leider geändert. Auch viele Syrer sehen hier keine Zukunft mehr für sich hier. Das liegt an der Sicherheitslage, der Wirtschaftskrise und daran, dass inzwischen sehr viele Syrer in Europa sind“, erklärt er. „In den Booten sitzen die ganz Verzweifelten, die weder hier noch in ihrer Heimat eine Zukunft sehen.“

Anklage gegen Europa

„Natürlich träume auch ich von einer besseren Zukunft“, versichert der Schwimmwesten-Händler Al-Ourfali. „Ich bin eigentlich Designer, aber ich habe keine Anstellung gefunden. Deswegen arbeite ich im Handel. Man muss sich seine Nische suchen.“ Er selber würde sich aber nie in die Hände der Schleuser begeben, die Flüchtlinge über das Meer bringen. „Dafür bin ich wohl nicht verzweifelt genug.“

Angeblich geht es ihm nicht nur ums Geschäft. „Wo kommt denn der Reichtum Europas her?“, fragt er. „Der geht doch auf die Kolonialzeit zurück und bis heute plündert Europa Afrika aus.“ Solange es kein Umdenken gebe und Europa etwas tue, damit es den Menschen auf der Südseite des Mittelmeeres besser gehe, würden sich Menschen aufmachen, um sich ihren Teil vom Glück abzuholen. „Das ist ihr Recht“, sagt Al-Ourfali. Sein Freund Abdullah nickt: „Das Schlimme ist nur, dass so viele für diesen Traum sterben müssen.“