Am 1. Dezember 1949, nur wenige Jahre, nachdem er den "Brief über den Humanismus" auf seine bis heute andauernde postalische Irrfahrt geschickt hatte, hielt Martin Heidegger im "Club zu Bremen" vier selbst für seine Verhältnisse ungemein dichte Vorträge. Ihre Titel sind ebenso prägnant wie programmatisch: "Das Ding", "Das Ge-Stell", "Die Gefahr", "Die Kehre". Bis auf den dritten, "Die Gefahr", wurden alle Vorträge noch zu seinen Lebzeiten gesondert publiziert. Das wird dazu beigetragen haben, dass man ihren inneren Zusammenhang aus den Augen verlor. Der Vortragszyklus selbst war überschrieben mit "Einblick in das was ist". Welchen "Einblick" in welche Verfasstheit von Wirklichkeit aber meinte Heidegger, den er mittels dieser vier Grundworte seines späten Denkens zu erschließen versuchte?Das vierte Grundwort, "Kehre", machte alsbald Karriere. Vielleicht gibt es keinen Ausdruck, der sich allgemein so sehr mit der Gestalt Heideggers verschränkte wie dieser - im Guten wie im Schlechten. Denn während er längst zum geflügelten Wort nicht nur der Sekundärliteratur avancierte, ist keineswegs klar, was genau man darunter zu verstehen habe. "Kehre" ist einer der schillerndsten Begriffe philosophischer Terminologie des 20. Jahrhunderts. In ihm verschränken sich vielfältige philosophische, biografische und politische Sinnbezüge, die präzise auseinander zu halten letztlich wohl unmöglich ist.Zum einen, grob gesagt, umschreibt er als hermeneutischer Terminus technicus die Heidegger sche Selbstdeutung eines mehrfachen Neuansatzes seines Denkens; wobei die Frage nach der Kontinuität und Diskontinuität seines Denkweges nach wie vor strittig ist. Stets aber geht es in diesen Kehren um eine grundlegende Verschiebung der Perspektive: Stand im ausgeführten Teil von "Sein und Zeit" (1927) noch das menschliche "Dasein" im Zentrum des Interesses, rückte später das "Sein selbst" an seine Stelle als dasjenige, auf das dieses Dasein immer schon bezogen ist. Mitte der dreißiger Jahre schließlich taucht ein Ausdruck auf, der nach einer Inkubationszeit von rund zwanzig Jahren zum Leitwort seiner Spätphilosophie werden wird: "Ereignis". Es erlaubt, jenen Bezug von Sein und Dasein, die wechselseitige "Zusammengehörigkeit" von Sein und Mensch zu denken.Wer aber genau liest und hinter der Bewegung philosophischer Begriffe den politischen Antrieb aufspürt, bemerkt bald, dass das Wort "Kehre" noch mehr meint. Unter der hermeneutischen Ebene schimmert eine andere, ins Politische ausgreifende durch. Heidegger antwortete auf seine Verstrickung in den Nationalsozialismus, Anfang der dreißiger Jahre, mit einer großen Serie von Vorlesungen zu Nietzsche. Im Laufe einer unterschwelligen, allmählich erst deutlichere Konturen gewinnenden Verschiebung projizierte er in Nietzsche die Totalisierung, die seinen Ansatz aus "Sein und Zeit" zuvor dem Nazismus kompatibel gemacht hatte. Eine projektive Abspaltung Heideggers in Heideggers "Nietzsche", die wohl nur mittels einer psychoanalytisch versierten Lektüre überhaupt fassbar wird und den heiklen Versuch einer inneren Bewältigung des Nazismus beschreibt: Heideggers "Kehraus".Was, um das Mindeste zu sagen, gegen Nietzsche ungerecht war. Aber auch wenn diese im Medium philosophischer Exegese betriebene Schuldabwehr fragwürdig bleibt (zumal der philosophisch verklausulierten Selbstanalyse Heideggers keine genuin politische Rechenschaft seines Versagens folgte, vor allem auch kein Wort zur Vernichtung der europäischen Juden), bleibt die Bestimmung des Phänomens Nazismus zumindest in einer Hinsicht bedenkenswert. Gegen die Mär von dessen regressivem Charakter betonte er seine Modernität. Der Nationalsozialismus erschien Heidegger als extremer Ausdruck eines der wesentlichen Merkmale der Moderne: der Technik. Er offenbarte sich ihm als äußerste Zuspitzung technischer Verfügungsgewalt, reiner Machtwille, dessen einziger Sinn und Zweck nur mehr die Eskalation dieses Machtwillens selbst war, die rückhaltlose Mobilisierung aller ökonomischen, ökologischen, kulturellen Ressourcen um einer ins Maßlose ausgreifenden Raserei willen, des totalen Krieges.Womit eine dritte Bedeutungsebene von "Kehre" ins Spiel kommt, die technikphilosophische. Ihr ganzer Sinn entfaltet sich erst im Kontext der anderen Grundworte aus dem Bremer Vortragszyklus. Denn die "Gefahr", von der dort die Rede ist, ist für Heidegger eben jene ins planetarische ausgreifende, neuzeitliche Technik selbst, genauer: das "Ge-Stell" als deren Wesen. Dieses Wesen ist aber seinerseits "nichts Technisches" mehr, mithin nicht das faktische Inventar aller Instrumente, die man als Hilfsmittel zu beliebigen Zwecken einsetzt. Das "Ge-Stell" ist die fundamentale Weise, wie wir das, was ist, uns "vor-stellen", d. h. sein und in Erscheinung treten lassen. Technik ist ein Weltbezug: das aller Erfahrung vorgängige Raster, wie Welt als Welt überhaupt zum Vorschein kommt. Sie ist somit kein Sachverhalt der Realität unter anderen, sondern deren Bedingungsmöglichkeit. Was Kant noch als strukturelle Leistung des Erkenntnissubjekts auswies - die Objektivität der Objekte zu stiften -, ist Resultat technischer Zurichtung. Das aber hat seinen Preis. Im "Brief über den Humanismus" bilanziert Heidegger ihn. Denn die Präparation des Seienden zum jederzeit identifizierbaren Objekt macht vor dem Subjekt, das sie betreibt, nicht halt. Der Mensch wird der Ordnung, die er hervorbrachte, einverleibt. Er wird sich selbst zum Mittel, zum Objekt unter Objekten.Die Anklänge an Theodor Adornos Kritik des Subjekts als Kritik seiner Selbstverdinglichung sind in der Tat frappant. Von einer tiefen Affinität zwischen Heidegger und Adorno, seinem feindlichen Bruder im Geiste Nietzsches, spricht man heute nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand. Doch fruchtbar wurde sie nicht. Für Habermas war die Nähe zwischen Adornos "Eingedenken der Natur" und Heideggers "Andenken des Seins" allenfalls "schockierend". Ihr gegenwartsdiagnostisches Potenzial blieb ungenutzt. Wie Adorno wird auch Heidegger in Kunst und Kunsterfahrung einen Gegenentwurf zum "stählernen Gehäuse der abendländischen Rationalität" skizzieren. Sein Denken der Technik, die noch in "Sein und Zeit" keine nennenswerte Rolle gespielt hatte, brach sich 1938 mit "Die Zeit des Weltbildes" Bahn. Ungefähr zeitgleich manifestierte sich mit "Der Ursprung des Kunstwerks" (1935) sein kunstphilosophisches Interesse.Entscheidend ist hier, was meist übersehen wird: dass Kunst und Technik in einer unhintergehbaren Konstellation miteinander verschränkt sind. Sie gehören zwar grundverschiedenen Sphären an, sind aber auch wesensverwandt. Beides sind Weisen der "Hervorbringung": einerseits des Seienden als allzeit disponibles Objekt; andererseits eines von aller Objektheit freigestellten Seienden, das so erst zu dem werden kann, was es von sich aus zu sein trachtet: ein "Ding". Privilegierter Ort der Erfahrung des Dings in seiner unverstellten Singularität, seiner bleibenden Fremd- und Andersartigkeit, die sich nicht den Mustern des immer schon Vertrauten und Gleichförmigen fügt, ist die Kunst.Für den Bereich der Technik indes heißt dies, dass allein in ihr selbst die Möglichkeit eines anderen, nichttechnischen Zugangs zur Wirklichkeit, zur Welt, zu den Dingen, zum Menschen gesucht werden kann. Nicht in der blinden Flucht vor ihr, in einem "Zurück zur Natur" oder irgendwelchem ethischen Expertenwissen ist das Andere technischer Instrumentalisierung zu erlangen, sondern nur (Fortsetzung auf Seite 12) im Durchgang durch sie. Was mit dem oft kolportierten Vorwurf der "Technikfeindlichkeit" platterdings unvereinbar ist: denn die "Kehre" der Gefahr, die allein die Aussicht auf ein nichtobjektivistisches Weltverhältnis öffnete, vollzieht sich, wenn überhaupt, nur in der und als "Einkehr in die Gefahr". Nur sie selbst, wie in einem Vexierbild, böte die Motive einer möglichen Wendung ins "Rettende". Weshalb Heidegger bis zum Überdruss jenen Vers aus Hölderlins Gedicht "Patmos" zitiert: "Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch".Auch wenn längst mancher Philosophiestudent höheren Semesters die formale Kombinatorik dieses Gedankens schlüssig auszubuchstabieren vermag, bleibt fragwürdig, ob wir überhaupt schon in der Lage sind, ihn in seiner ganzen Radikalität zu erfassen. Das Gros dessen, was Heidegger in Bezug auf die Technik und das Wesen der Technik tastend vorgedacht hat, scheint auf verstörende Weise noch verschlossen zu sein. Nach der Revolution der Transporttechniken, während der der Telekommunikations- und Informationsmedien und am Vorabend der biotechnologischen Revolution, beginnen wir aber zu ahnen, dass die Erfahrung Heideggers uns eigentlich erst noch bevorsteht. Seine Investitur zur Persona non grata des philosophisch-politischen Diskurses ist dabei so wenig sinnvoll wie das blinde Epigonentum seiner selbst ernannten Nachlassverwalter. Aber an der Zeit, ihn zu lesen, gründlich, Wort für Wort, ist es schon.Der Mensch wird der Ordnung, die er hervorbrachte, einverleibt: Er wird sich selbst zum Mittel.ULLSTEIN Nach der Kehre: Martin Heidegger um 1964. Politische Rechenschaft hat der Verfasser der "Holzwege" nicht abgelegt.

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