BERLIN. "Hier hat sich jemand umgebracht", sagt das Mädchen in Konrad Wolfs Film "Ich war neunzehn" und führt den jungen Kommandanten der Roten Armee in das Zimmer einer Greisin. Das Mädchen, ein Flüchtling, ist im Frühjahr 1945 in Bernau stecken geblieben. Aus Angst vor Vergewaltigungen geht die junge Frau abends zum Kommandanten und sagt: "Lieber mit einem als mit jedem." Ihr passiert nichts, am nächsten Tag ziehen die Russen weiter. Das Mädchen steht allein auf der Straße.Der Regisseur hatte eine junge unbekannte Schauspielerin gesucht und Jenny Gröllmann besetzt. Eine kleine Rolle, drei Drehtage. Der Autor Wolfgang Kohlhaase war 1967 dabei und sagt: "Jenny hatte dieses merkwürdig helle Gesicht, das sie durch den Beruf begleitete."Die Schauspielerin war 27 Jahre am Maxim-Gorki-Theater engagiert und arbeitete immer auch für Kino und Fernsehen. Ihr mädchenhafter Typ changierte zwischen verträumter Melancholie und heiterem, auch schnippischem Selbstbewusstsein. Sie war in der DDR sehr beliebt, aber im vereinten Deutschland ist ihr Name nie so bekannt geworden wie in den letzten Wochen.Ihr früherer Ehemann, der Schauspieler Ulrich Mühe, erhob im März den Vorwurf, dass seine damalige Frau als IM für die Staatssicherheit gearbeitet habe. Das geschah kurz vor der Premiere des Films "Das Leben der Anderen", in dem Mühe die Hauptrolle spielt.Die Schauspielerin gab im April 2006 eine eidesstattliche Erklärung ab: "Ich habe zu keiner Zeit wissentlich mit dem Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR zusammengearbeitet. Insbesondere habe ich mich nie als Inoffizieller Mitarbeiter verpflichtet. Ich habe weder im November 1989, noch zu einer sonstigen Zeit Gespräche mit Personen geführt, die mir als Führungsoffiziere des MfS bekannt gewesen wären."Vorwurf gegen Eid. Die Medien berichteten und druckten auch alte Fotos - Jenny Gröllmann, Ulrich Mühe und ihre kleine Tochter Anna. Eine Familie zum Anstaunen. Heute reden wir über geschiedene Leute.Jenny Gröllmann, Jahrgang 1947, kommt aus einer Künstlerfamilie, die 1949 von Hamburg nach Schwerin und 1955 nach Dresden zog. Die Mutter war Fotografin, der Vater Bühnenbildner. Bei den Nazis kam er als Kommunist und Widerstandskämpfer ins Gefängnis und Konzentrationslager. Einzelhaft in Ketten, Verhöre unter Folter. Der Schriftsteller Willi Bredel holte ihn dann nach Kriegsende in den Osten. Otto Gröllmann arbeitete weiter als Theaterausstatter. Jenny Gröllmanns Eltern waren mit anderen Kommunisten befreundet, mit der Familie von Wolf Biermann oder mit Jean Weidt, dem "Roten Tänzer". Großvater von Jenny Gröllmanns erster Tochter Jeanne ist Rudi Goguel, er hat "Das Lied von den Moorsoldaten" komponiert.Jeanne. Der Name dieser Tochter ist mit einer Akte der Staatssicherheit auf die Mutter übergegangen. "IM Jeanne", das soll von 1979 bis 1989 Jenny Gröllmanns Deckname gewesen sein.2001 hatte ein Journalist der Bild am Sonntag bei der Birthler-Behörde mehrere DDR-Künstler überprüfen lassen und eine Entdeckung gemacht: "Jenny Gröllmann. Stasi-Akte aufgetaucht!" stand am 18. November 2001 in der Zeitung, Super-Illu folgte. Jenny Gröllmann bestritt die Vorwürfe, nachdem ihr die BamS die Akte vorgelegt hatte. Die Stasi-Geschichte blieb zunächst ohne größere Resonanz.Die Schauspielerin war zu dieser Zeit gut im Geschäft. Die dünne Angebotslage nach der Wende hatte der Autor Ulrich Plenzdorf beendet, der sie für "Liebling Kreuzberg" vorschlug, als Partnerin von Manfred Krug. Es folgten nicht die ganz großen Rollen, aber die Schauspielerin etablierte sich. Bis 1999 ihre Krankheit ausbrach. Sie bekämpfte den Krebs mit Chemotherapie und arbeitete weiter, zuerst mit Perücken.Dreieinhalb Jahre bleibt Jenny Gröllmann gesund. Anfang 2002 wird bei einer Routinekontrolle wieder Krebs gefunden. Nochmal Chemo, wieder fallen ihre Haare aus. Aber sie unterbricht die Arbeit nur an den Tagen nach der Behandlung.Zwei Jahre später, sie ist jetzt 57 Jahre alt, heiratet sie einen Filmarchitekten. Es ist ihre dritte Ehe. Inzwischen lebt die jüngere Tochter Anna bei ihr, die nach der Scheidung beim Vater Ulrich Mühe geblieben war, Jenny Gröllmanns zweitem Ehemann.1985 hatte der Defa-Film "Hälfte des Lebens" Premiere. Mühe spielte Friedrich Hölderlin, Jenny Gröllmann spielte Susette Gontard, Hölderlins Liebe und eine verheiratete Frau. "Könnte man ihnen nicht glauben, könnte man nichts glauben in diesem Film", schrieb damals die Berliner Zeitung. Aber man glaubte diesem Paar alles. Vielleicht war es überhaupt die schönste Rolle für Jenny Gröllmann, die sich durch diesen Film liebte, bis Hölderlin unter einer Ledermaske für immer in einer Irrenanstalt verwahrt wurde.Der Film erhielt Preise, einmal trat Mühe zur Laudatorin und dankte "besonders für Ihre schönen Worte über meine Frau". Dieser Mann mit einem zum Spielen geborenen Gesicht war zu der Zeit schon ein bewunderter Star, und sein Ruhm wuchs weiter. Vielleicht verliefen die Karrieren von Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann zu verschieden, vielleicht verliebte sich jemand. Das Paar trennte sich und wurde 1990 geschieden. Jeder lebte sein eigenes Leben, es war nicht von Interesse, dass sie einmal zusammengehörten.Bis zum 22. Oktober 2005. An diesem Tag gab Ulrich Mühe ein Interview - für das Filmbuch "Das Leben der Anderen", das Florian Henckel von Donnersmarck, der Regisseur, vorbereitete. In dem Gespräch wirft Mühe seiner früheren Frau vor, für die Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Das Buch erschien im Frühjahr bei Suhrkamp.Jenny Gröllmann erwirkte nach ihrer eidesstattlichen Erklärung eine einstweilige Verfügung gegen den Verlag: Die betreffenden Passagen mussten geschwärzt werden. Im Handel waren bereits unkorrigierte Exemplare verkauft worden.Im Film "Das Leben der Anderen" spielt Ulrich Mühe einen Stasi-Hauptmann. Er observiert Mitte der Achtziger in Ost-Berlin ein Künstlerpaar, verliert seine Überzeugungen, wechselt die Seiten und wird zum Schutzengel. Er lügt und entfernt, was einen Schriftsteller belastet. Dieser Mann weiß nicht, dass seine Frau IM geworden ist.Mühe hat seine persönliche Geschichte wie einen Wahrheitsbeweis für die Filmgeschichte in die Waagschale geworfen. Er muss das für einen guten Zeitpunkt gehalten haben. Als ihm 2001 die Akte "Jeanne" durch die Super-Illu bekannt wurde, hatte er noch alle Interview-Anfragen strikt abgelehnt.Nun ist diese Akte in vielen Redaktionen unterwegs, die Stunde der Exegeten und Rechercheure schlägt. Der Tagesspiegel hat den damaligen Führungsoffizier getroffen, Major Helmut Menge. Er erklärt, dass die Schauspielerin ohne ihr Wissen als IM registriert wurde, es sei auch keine Verpflichtung ausgesprochen worden. Jenny Gröllmann habe bis zum Schluss nicht gewusst, mit wem sie wirklich redete. Unterm Strich ist das ein Freispruch. Aber was gilt die Aussage eines MfS-Mannes, wenn sie diesmal außerhalb der Akten erfolgt?Jenny Gröllmann hatte der Berliner Zeitung ein Interview zugesagt und es am Vorabend von einer Freundin absagen lassen. Schmerzen verbieten ihr das Sprechen, sie lebt mit starken Medikamenten. Man kann sie nicht fragen.Man kann sich nur über diese Akte beugen, zwischen geschwärzten Zeilen lesen und eine Zeitreise machen. Dann wacht die DDR wieder auf, mit ihr und in ihrer Sprache das Feindbild und dieser Wahn der Wachsamkeit. Jenny Gröllmann kannte den in Ost-Berlin akkreditierten Westkorrespondenten Peter Pragal und seine Frau, so wurde sie für das MfS interessant, als "Zielperson des Gegners". Peter Pragal, vom MfS als "Starnberg" und "Kumpan" observiert, sagt heute: "Die Stasi konnte sich nicht vorstellen, dass die Westkorrespondenten keine geschickten Agenten waren, sondern ein Haufen Individualisten."Major Menge, der sich Holm nennt, nähert sich Jenny Gröllmann im März 1979 als Kriminalpolizist mit einem gefälschten Brief - ein anonymer West-Berliner schreibt, dass aus dem Maxim-Gorki-Theater Hinweise an Westkorrespondenten gehen. Der Brief setzt Jenny Gröllmann unter Druck. Sie wird in einen Raum der Volkspolizei bestellt, "um die Glaubwürdigkeit der Legende dadurch zu untermauern", steht im Bericht des Führungsoffiziers.Jenny Gröllmann ist damals mit einem Regisseur verheiratet, den die Akte IM Franz nennt. Der habe Holm im Juli 1979 den Rat gegeben, dass seine Frau "nicht zu direkt mit dem Gefühl konfrontiert wird, sie arbeitet mit dem MfS zusammen".In der Akte "Jeanne" gibt es kein Dokument, das Jenny Gröllmann selbst geschrieben hat. Manchmal steht unter einer Bandabschrift: "gesprochen Jeanne": Menge erzählte dem Tagesspiegel, dass er Gespräche heimlich aufgenommen habe, mit Mikrofon im Kugelschreiber. Einige Schriftstücke kommen aus der Abteilung 26, da hörte die Stasi Telefongespräche ab. Jenny Gröllmann wurde auch selbst ausgeforscht. "IM Tuspo" schreibt, dass sie nur durchschnittlich begabt sei, keine Perspektive im Theater habe und sich "in moralischer Hinsicht bisher noch nicht an sozialistische Normen gehalten hat". Auch so etwas ist unter "Jeanne" abgelegt.Nach Aktenlage hat Jenny Gröllmann über zu kleine Rollen geklagt, Theaterklatsch und Intimes weitergesagt, Westkontakte gesucht und gemeldet. Über Thomas Langhoff steht zu lesen, er würde die DDR nie verlassen, weil er viele Privilegien habe. "Da hatte sie Recht, aber ich hätte die DDR auch so nicht verlassen", sagt Langhoff heute.Major Menge umschlingt alle Aussagen mit der Kraft seiner Prosa: "politisch-operativ wertvolle Berichterstattung", "geplante Trefftätigkeit", "weitere konspirative Zusammenarbeit", "erfolgte Abschöpfung". Er schreibt aber auch: "Die operativen Kontakte haben sich rückentwickelt." "Ihr politisches Grundwissen ist nicht gefestigt." Oder: "IM weicht aus."Im Treffbericht vom 21.11.1983 sagt "Jeanne", "dass der Lebenskamerad nicht von der Zusammenarbeit mit dem MfS erfahren darf". Das soll Ulrich Mühe gewesen sein, so steht es in mehreren Zeitungen. Vielleicht denkt Mühe es auch. Aber er war es nicht. Es gab noch einen anderen Kameraden in Jenny Gröllmanns Leben. Man muss nur genau lesen, was in der Akte steht: Dieser Mann, der nichts erfahren dürfe, arbeite am Maxim-Gorki-Theater und müsse sich beruflich weiter qualifizieren. Ulrich Mühe war ab August 1983 Ensemblemitglied des Deutschen Theaters und spielte "Gespenster" auf der größeren Bühne.Ende 1989 wird die Akte aus den bekannten Gründen geschlossen. Der letzte Bericht von "Jeanne" datierte vom Februar 1984.Im neuen "Spiegel" begründet Ulrich Mühe die Enthüllungen über seine frühere Frau: Er möchte offen reden dürfen, "sonst hätte ich das Gefühl, vor der eigenen Geschichte zu kneifen". Jenny Gröllmann hat niemals über ihn berichtet. Sie hat in ihrer gemeinsamen Zeit überhaupt nichts berichtet. Jetzt ist sie unheilbar krank. Mensch Mühe.------------------------------Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann trennten sich und wurden 1990 geschieden. Jeder lebte sein eigenes Leben, es war nicht von Interesse, dass sie einmal zusammengehörten.------------------------------Foto: Jenny Gröllmann im Jahr 1974. Nach der Wende spielte sie an der Seite von Manfred Krug in "Liebling Kreuzberg".