Es ist eine dieser Berliner Wohnungen, deren Besonderheit das Treppenhaus nicht erahnen lässt – plötzlich steht man in einem weiten hohen Raum mit einer fast ebenso hohen Fensterfront, die sich auf eine Grünfläche von beinahe parkartigem Ausmaß öffnet. Judith Schalansky erzählt, dass sie an Wilmersdorf zunächst gar nicht dachte, als sie beschloss, ihre von Ferienapartments umzingelte Wohnung in Mitte aufzugeben, beim Anblick dieser Räume dann aber keine Wahl mehr hatte. Während des Gesprächs an ihrem großen Tisch springt sie immer wieder auf – „das muss ich Ihnen unbedingt zeigen!“ – und läuft zu den Bücherregalen. Am Ende des Gesprächs liegen die Reste eines hervorragenden Apfelkuchens und viele Bücher auf dem Tisch, darunter eine alte Bibel, ein Natur-Bestimmungsbuch aus den Achtzigerjahren und die arabische Ausgabe von Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“.

Die Berliner Zeitung müsste Ihnen ja besonders sympathisch sein. Wegen des Schriftzugs in Fraktur.

Ja, da sieht man, dass die Frakturschrift in Nischen überdauert. Dort, wo sie nicht nur Schrift ist, sondern eine Marke. Der Schriftzug zeigt, dass diese Zeitung ein Traditionsblatt ist: Es gibt sie schon lange.

Seit 1945. Wir fragen, weil Ihr erstes Buch „Fraktur mon amour“ verrät, dass Sie die gebrochenen Schriften mögen. Warum eigentlich?

Ich mag Sachen, die ambivalent sind. Gerade weil die Fraktur keine Verkehrsschrift mehr ist, führt sie heute ein seltsames Zombiedasein. Am Schild der Eckkneipe soll sie Gemütlichkeit suggerieren, auf dem T-Shirt eines Rappers Härte und Coolness und als Tattoo auf nackter Haut eine Art Ewigkeitsanspruch. Die Schrift wird zum Bild, zum modischen Accessoire. Dabei mussten sich Schriftsteller bis in die Zwanzigerjahre Gedanken machen, ob sie in Fraktur gesetzt werden wollen oder in Antiqua. Das war ein Statement. Goethes Mutter bat ihren Sohn in einem Brief: „Im Übrigen bitte ich dich, bleibe deutsch, auch in den Buchstaben.“ Damit meinte sie, dass er die volksnahe deutsche Schrift wählen solle. Aber wer sich intellektuell und akademisch geben wollte, nahm die Antiqua-Schrift.

Kann man denn heute noch ein ganzes Buch in Fraktur setzen?

Nein, nein. Man würde sich verdächtig machen. Auch wenn eine zarte Barock-Fraktur nichts mit den sogenannten Schaftstiefelgrotesk-Schriften der Nazi-Ästhetik zu tun hat. Aber da helfen keine historischen Expertisen – es waren die Nazis selbst, die schließlich die Fraktur verboten –, sie wird vom Image her eine Nazischrift bleiben. Es scheint, als ob an ihren differenzierten Buchstabenformen die Botschaften, die sie einst transportierten, hängen bleiben, während an den klaren Formen etwa einer Futura jede verwerfliche Verwendung abperlt. Mein Lieblingsbeispiel für die Verwendung der Fraktur ist „Asterix und die Goten“. Die Goten sprechen Gotisch, die Gallier stehen vor den Sprechblasen mit dunklem Schriftbild und verstehen nichts.

Es ist eben anstrengender zu lesen.

Das ist reine Gewöhnungssache. Ich habe als Kind auf dem Nachtschrank meines Vaters die Bibel gefunden. Es war eine Dünndruckausgabe, in Fraktur gesetzt. Das Buch hatte etwas total Fremdes, Exaltiertes. Ich schlug es auf und dachte: Warum steht das immer „ift“? Ich musste es dechiffrieren: Es heißt „ist“. Und dann kamen diese Sätze: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Die exotische Schrift hatte also noch eine exotische Botschaft! Von Gott hatte ich in meiner Jungpionier-Kindheit in der DDR wenig gehört. Überhaupt hat mich diese Bibel als Objekt wahnsinnig beeindruckt: Sie war aus den Fünfzigerjahren, mit einem flexiblen Einband in schwarzen Kunstleder, sie hatte dieses feine Papier und roch wahnsinnig gut.

Gab es bei Ihnen viele Bücher zu Hause?

Meine Eltern waren beide Lehrer, gehörten also zur Intelligenzia in der DDR, aber mit dem westlichen Verständnis von Bildungsbürgertum hatte das nicht viel zu tun. Es gab Bücher, klar, viele sind leider nach einem Umzug durch einen Wasserrohrbruch verlorengegangen. Die lagerten in Kisten im Keller, als das Wasser kam. Das tut mir noch in der Seele weh, weil es viele dieser DDR-Ausgaben waren, nach denen sich die Leute alle verzehrt hatten.

Die aber heute ein bisschen vergilbt sind.

Ja, weil das Papier einen sehr hohen Holzanteil hatte. Daran kann man die Bücher aus der DDR gut erkennen. So ist es auch bei einem Buch aus der Kindheit, das ich noch habe, „Der kleine Naturführer“. Ich mag Bücher, die einen etwas lehren. Die haben oft auch einen Trostcharakter. Eines meiner Lieblingsbücher ist „Ich sag dir alles“. Das gab es im Westen in den Fünfzigerjahren bis in die Siebziger. Es enthält Tabellen über neuzeitliche Attentate, die Namen der Päpste, es wird aufgeführt, welcher Zahn im Gebiss wie heißt, welche Spuren welche Tiere hinterlassen. Heute muss man an „Schotts Sammelsurium“ denken, aber damals war das durchaus ernst gemeint.

Heute wirkt das rührend, all das Wissen in ein Buch packen zu wollen.

Genau, es ist rührend! Und darin sind die Bibel, „Der kleine Naturführer“ und „Ich sag dir alles“ verwandt.

Waren Ihnen Bücher denn schon als Kind so wichtig wie heute?

Gar nicht so sehr das einzelne Buch, sondern die Gegenwart von Büchern. Ich war oft in der Bibliothek, und ich erinnere mich an die Zeit, als ich zwischen Kindheit und Erwachsensein steckte und die Bibliothekarin in Greifswald mich eines Tages eine Etage höher schickte. Unten standen die Kinderbücher, oben war der Bereich der Erwachsenen. Schon allein dieses Wort „Belletristik“! Ich hatte als Kind immer Probleme mit Fremdwörtern, hatte lange Zeit in einer Fantasiesprache gesprochen. Und nun stand mir diese Etage offen!

Sie sprachen in einer Fantasiesprache?

Es gibt doch Kinder, die sehr früh sprechen. Ich habe auch viel geredet, aber man hat mich nicht immer verstanden, weil ich meine eigenen Wörter benutzte. Ich bin auch furchtbar unbegabt für Fremdsprachen. Aber ich habe die Theorie, dass die meisten Menschen etwas für sich auswählen, womit sie eher Probleme haben, um diese zu bezwingen. Insofern ergibt es schon Sinn, dass ich mich heute mit Sprache beschäftige. Außerdem nähere ich mich einem Text von der Gestaltung her und nicht von der Sprache. Ich habe ja nicht Literaturwissenschaft oder Germanistik studiert.

Sondern Grafikdesign. Wussten Sie denn gleich, dass Sie Bücher gestalten wollen?

Nein, ich wollte alles Mögliche, ich wollte Lyrik in Leipzig studieren oder Dokumentarfilm in Ludwigsburg. Dann hab ich diese Kombination Kunstgeschichte und Grafikdesign gefunden, und während des Studiums wurde mir klar, dass das Buch eigentlich das perfekte Medium für mich ist.

Sie erwähnen im Vorwort zu Ihrem „Atlas der abgelegenen Inseln“ eine Typografie-Professorin, die Ihnen Ihre Sammlung zeigte, eine wahre Schatzkammer: alte Atlanten, Poesiealben, Bestimmungsbücher. Das klingt, als hätten Sie auch dank dieser Professorin herausgefunden, was Ihnen liegt.

Das war die Förderin schlechthin für mich. Typografie ist ja als Kunst umso vollendeter, je weniger man sie wahrnimmt. Eine stille Kunst, die demütig hinter dem Inhalt zurücktritt. Das hat mich total angesprochen. Die Professorin, die das erkannte, hat einen kleinen Verlag in Potsdam, ich hab mit ihr Obstbücher gemacht, die „Potsdamer Pomologischen Geschichten“ und das Handwerkliche gelernt. Oft haben wir uns auch einfach schöne Bücher gezeigt.

Und wann haben Sie gemerkt, dass Sie auch Autorin sind?

Ich hab immer geschrieben, als Jugendliche Gedichte, später waren es mehr Essays. Sich zu trauen, sich dem Literarischen zu stellen, war ein großer Schritt. Während des Studiums habe ich mich mit der Matrosenuniform beschäftigt, die ja ähnlich ambivalent ist wie die Fraktur. Man kann an Thomas Mann denken, an die Flottenbegeisterung von Wilhelm II. oder an die russische Revolution, sie gehört auf jede Schwulenparade oder in einen Fünfzigerjahre-Schlagertraum. Ich schrieb eine kleine Kulturwissenschaft, mit recherchierten und persönlichen Texten und Bildern, danach war ich bereit für den „Matrosenroman“.

Wie Ihr erster Roman „Blau steht dir nicht“ im Untertitel heißt. Dieses Buch haben Sie aber noch nicht selbst gestaltet.

Erst danach konnte ich das Bücher-Schreiben und Bücher-Machen nicht mehr getrennt sehen, so entstand der „Atlas der abgelegenen Inseln“.

Es folgte der Roman „Der Hals der Giraffe“, der nicht nur von der Kritik sehr gelobt, sondern im letzten Jahr auch zum „schönsten deutschen Buch“ gekürt wurde. Wie ergänzen sich denn Ihre Talente bei der Arbeit? Schreiben Sie erst? Oder sehen Sie erst den Einband vor sich?

Ich mache mir immer eine kleine Wandzeitung mit Bildern, während ich schreibe. Manches nutze ich nur als Anregung, manches muss unbedingt mit hinein. Bei der „Giraffe“ war mir irgendwann klar, ich kann nicht weiterschreiben, wenn ich nicht weiß, wie das Buch am Ende aussieht. Ich brauche das Cover, damit ich mir sozusagen von der Zielgeraden schon entgegenwinken kann. Dann werde ich den Rest des Weges auch schneller gehen. Manchmal habe ich erst ein Bild vor Augen oder eben eine Schrift und weiß dann, was ich schreiben möchte. Wie wenn ein Regisseur mit einem bestimmten Schauspieler arbeiten will. Wenn ich jetzt ein nächstes Buch denke, weiß ich schon, welches Format es haben wird und welches Umschlagmaterial. Und natürlich welche Schrift.

Wenn Sie an einen Ort kommen mit vielen Büchern, etwa jetzt zur Frankfurter Buchmesse, sehen Sie da zuerst die Gestaltung? Hindert die Sie auch manchmal daran, zum Inhalt vorzudringen?

Klar, manchmal freue ich mich, dass ein bestimmtes Buch aufgelegt wurde, und dann sehe ich genauer hin und denke: Da hätten sie sich auch ein bisschen mehr Mühe geben können. Manchmal sieht man aber auch, dass etwas besonders schön gemacht werden sollte, was es dann geradezu hinausposaunt. Es hat eine Ausstattung, die dem nicht angemessen ist. Ich glaube wirklich, dass man beim Buch eine angemessene Verbindung zwischen Inhalt und Form finden kann, so dass beides sich so organisch fügt, so sehr passt, dass es nicht mehr auseinanderzuhalten ist. Manchmal gehe ich auch nur herum und schaue, was gerade in Mode ist, Lack auf den Schutzumschlägen zum Beispiel.

Was ist jetzt noch Trend?

Farbschnitte gibt es immer häufiger, also die farbigen Seitenkanten, das gefällt mir.

Was Sie auch mögen, sind Bücher ohne Schutzumschlag. Keines der von Ihnen gestalteten Bücher hat einen.

Ich mach den immer gleich ab. Und dann weiß ich nicht, was ich damit anfangen soll. Einfach wegschmeißen? Oder benutze ich ihn noch als Lesezeichen, bis er ganz hässlich aussieht. Gehört er zum Buch oder nicht? Toll fand ich, was ich bei Jan Tschichold, dem berühmten Typografen, gelesen habe: Der Einband sei das Kleid des Buches, der Schutzumschlag nur sein Regenmantel. Er hat empfohlen, Schutzumschläge wegzuwerfen, es sei denn, es handle sich um gelungene grafische Beispiele, dann kann man sie in einer Extrabox als gelungene grafische Beispiele aufheben. Ursprünglich dienten sie als Plakat für den Verkauf. Und dann bewahrte man die Bücher ohne auf. Doch der Einband ist inzwischen meistens nackt, wenn man Glück hat, gibt es eine Rückenzeile, damit man das Buch im Regal wiederfindet. Aber früher waren darunter Prägungen, Illustrationen, das eigentliche Cover des Buches. Schutzumschläge müssen verschwinden, damit wir uns wieder dem Einband zuwenden.

Wie konnte denn der Schutzumschlag den Einband verdrängen?

Ich glaube, es hat damit zu tun, dass ein Buch, bevor es fertig ist, ja schon mit einem Cover in den Katalogen angekündigt wird. Das ist dann die Vision eines Buches. Den Schutzumschlag machen in den seltensten Fällen die Grafiker, die dann auch das Buch setzen. Das heißt, es gibt keine Gesamtgestaltung, das fertige Buch wird sozusagen in das Cover nur noch reingelegt.

Haben Sie schon mal ein Buch nicht gekauft, weil Sie es zu schlecht gestaltet fanden?

Ja, das verstellt mir manchmal den Weg zu einer Lektüre. Neulich war ich auf der Suche nach Flauberts „Erziehung des Herzens“. Aber eine Ausgabe hatte viel zu große Schrift, bei der anderen war der Durchschuss nicht ordentlich, die dritte hatte ein hässliches Cover. Ich dachte, das geht alles nicht. Muss ich warten, bis das neu übersetzt wird? Doch wenn wir uns andere Buchmärkte anschauen, können wir uns glücklich schätzen, wir haben zum Beispiel fantastische Qualität, was das Papier angeht. Schrecklich finde ich übrigens auch, wenn Bücher sich nicht aufschlagen lassen, weil die Laufrichtung des Papiers falsch ist.

Was ist denn das?

Bei der Papierherstellung legen sich die Fasern in eine bestimmte Richtung. Das wird auf den Papierballen vermerkt. Die Laufrichtung muss immer parallel zum Bund sein, sonst verhalten sich die Seiten ganz anders als erwünscht. Die schönsten Bücher kann man wegwerfen, wenn die Laufrichtung falsch ist. Sie sperren sich.

Das muss ein Albtraum für einen Autor sein.

Sie sagen es! Als die „Giraffe“ aus der Druckerei kam, dachte ich erst, genau das ist passiert. Ich konnte zwei Nächte nicht schlafen: Mein Buch ist fertig, aber völlig falsch. Was kostet es, die ganze Auflage neu zu drucken? Was machen wir mit der falschen Auflage, um sie nicht einzustampfen? Kann man die Bücher als Dämmmaterial in Häusern nutzen?

So schlimm?

Das war vermutlich so etwas wie eine Kindbettdepression. Glücklicherweise völlig unbegründet, denn die ersten Exemplare waren einfach ein bisschen fest gebunden. Das ist schon ein verstörender Moment, wenn ein Buch fertig ist. Das bedeutet ja auch, dass sich der Möglichkeitsraum geschlossen hat. Das muss man erst einmal aushalten.

Aber es ist doch schön: Sie haben ein fertiges Produkt.

Das ist zugleich das Tröstliche, ja. Wenn ich jetzt irgendwo etwas sehe zu Inseln oder über Darwin, dann muss ich es nicht mehr aufheben. Es kann mir egal sein, denn ich habe das Buch dazu bereits geschrieben.

Und jetzt sind Sie auch noch Herausgeberin einer kleinen, feinen Reihe im Verlag Matthes & Seitz hier in Berlin. „Naturkunden“ heißt sie. Soll man da eher ans Naturkundemuseum oder die neue Landlust denken?

Ich mag den Namen schon sehr, auch das Unzeitgemäße daran. Aber es geht gerade nicht um Natur als Wohlfühl-Faktor, sondern darum, sich wieder mit einer leidenschaftlichen Neugierde der Natur zuzuwenden, ohne gleich ihren Nutzen zu berechnen. Diese Landlust-Nummer läuft ja auch auf Zähmung der Natur hinaus: Wir ernten, wir kochen wieder ein, die Natur wird kuschelig und klein gemacht, streichelzooartig und trostspendend. Aber dass Natur weder gut noch böse ist, sondern eben Natur, die in sogenannter unberührter Form nur noch als Sehnsuchtsbild existiert, ist uns gar nicht mehr so klar.

Woher kommt eigentlich Ihr Interesse an der Natur, gab es einen Großvater wie in „Blau steht dir nicht“, der mit Ihnen ans Meer gegangen ist?

Den gab’s. Mit dem bin ich Bernsteine und Pilze suchen gegangen. Als Mathematiklehrer hat er durchaus an die Zählbarkeit der Welt geglaubt, aber mir gleichzeitig diese Naturerlebnisse ermöglicht. Ich glaube, das ist der Ursprung für mich gewesen. In Biologie, Chemie und auch Physik war ich furchtbar schlecht. Gut war ich nur in den Geisteswissenschaften. Es ärgert mich, dass wir das so getrennt haben, die Natur- und die Geisteswissenschaften. Das eine soll immer das Messbare und Nützliche und das andere das hübsche Beiwerk sein, auf das man im Grunde verzichten kann. Aber ohne Bilderzählung, ohne Mythenbildung gäbe es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Naturwissenschaft ist auch zunächst einmal eine Kulturleistung. Wir können nicht von der Natur erzählen, ohne dabei von uns zu erzählen. Auch das wollen die „Naturkunden“ zeigen. Jetzt im Herbst bringen wir einen Band mit den fantastischen Dinosaurierbildern von Zdenek Burian heraus. Wenn wir an ein Mammut denken, haben wir Bilder vor Augen, die er gemalt hat. Er war ein tschechischer Gebrauchsmaler für paläontologische Sachbücher, aber in seinen großartigen Bilderzählungen zeigt sich auch die Zeit, in der sie entstanden sind. Da steckt der realsozialistische Weltenentwurf mit drin.

Der Band will also nicht zeigen, wie Dinosaurier aussahen, sondern wie sich jemand vorgestellt hat, dass Dinosaurier aussahen.

Ja. Das Besondere eines Buches, im Gegensatz zu einem Medium, das immer aktualisiert wird, ist doch die Zeitlichkeit. Ich habe ein französisches Buch aus dem 19..Jahrhundert über die Urzeit, der Titel lautete „Die Welt vor der Erschaffung des Menschen“. Da gibt es Dinosaurier-Darstellungen, die sehen irgendwie putzig aus, aber sie machen uns auch deutlich, dass die Dinosaurier der Menschen, die in hundert Jahren leben, ganz anders aussehen werden als unsere. Ein Buch bleibt immer einem Jetzt-Zustand verhaftet. Ich geh gern in die Staatsbibliothek, wenn ich mich mit etwas beschäftige und guck da in alte Brockhaus-Bände. Einmal las ich den Eintrag über Auschwitz und da stand: eine Stadt da und da, so viele Einwohner, so viele Juden, Schluss. In dem Moment, als das Buch gedruckt wurde, war Auschwitz eine Stadt. Punkt. Es erinnert uns daran, dass es diese Zeit einmal gegeben hat. Und das ist etwas Enormes, etwas sehr Wichtiges. Ein Buch ist eben auch eine Flaschenpost. Diese Abgeschlossenheit ist auf der einen Seite unpraktisch, wenn man die neuesten Erkenntnisse haben will, aber sie ermöglicht uns, über die Zeitlichkeit, über den Kontext von bestimmten Erkenntnissen und Erfahrungen nachzudenken. Und so eben auch unseren eigenen Wissensstand zu relativieren.

Mit dem Brockhaus geht das in Zukunft nicht mehr, jedenfalls nicht in gedruckter Form. Er wird nur noch digital erscheinen.Ja, ich hab schon überlegt, ob ich mir die letzte Ausgabe nicht noch besorge.

Würde es Sie denn reizen, ein E-Book zu gestalten?Das interessiert mich gar nicht.

Aber wenn man es wie Sie spannend findet, Form und Inhalt zusammenzubringen, müsste das doch eine Herausforderung sein. Da kann man noch Pionier sein, überlegen, wie man die neuen Gestaltungsmöglichkeiten einsetzen kann.

Ja, da wird es wahrscheinlich ganz neue Erzählformen geben. Ein für das iPad geschriebenes Buch wird kein Buch mehr sein, sondern etwas anderes. Eine Erzählung, die dann vielleicht wie ein Videospiel funktioniert. Aber was mich daran ärgert oder jedenfalls nicht reizt, ist, dass das Trägermedium schon vorgegeben ist. Dass wir den Fetischismus unterschiedlichster Materialien durch ein einziges Gerät ersetzen.

Auf dessen Bildschirm sich aber neue, spannende Dinge abspielen.

Mag schon sein, aber da fehlt mir die Materialität. Weil das Ding an sich stumm ist, wenn kein Strom da ist. Wenn man im Literaturarchiv in Marbach vor den neueren Schriftstellernachlässen steht, dann ist da jetzt eben ein Atari. Als Gerät hat das zwar eine gewisse Attraktivität, aber eine Handschrift erzählt mehr. Datensätze ohne Lesegerät sind stumm. Was macht man zum Beispiel mit seinen alten Disketten? Die hebt man nicht auf, weil sie einem ohne Laufwerk nichts mehr sagen. Ich glaube, es wird eine Generation geben, die keine Kinderbilder hat, weil die Eltern sich nicht um die Datenspeicherung gekümmert haben. Natürlich könnte ich ohne das Internet überhaupt keine Bücher machen. Um an Informationen zu kommen, zu recherchieren, ist es unglaublich toll. Aber in einer Welt voll überbordender Informationen werden ausgewählte, arrangierte Inhalte, wie sie ein Buch bietet, gerade wieder interessant.

Wird die digitale Konkurrenz die Bücher, die künftig noch gedruckt werden, schöner machen?

Sicher. Das erleben wir schon. Es wird natürlich weniger Bücher geben, das ist aber auch gar nicht schlecht. Der Taschenbuchmarkt zum Beispiel wird früher oder später einfach verschwinden, weil es für zwischendurch die E-Books geben wird. Aber Menschen werden immer Geburtstag haben, und man wird immer gern was Schönes mitbringen.

Und lieber ein Buch als einen Amazon-Code.

Ja, man darf den Fetischismus nicht unterschätzen, dem wir auch verhaftet sind, durch die Dinge, mit denen wir uns umgeben. Es gibt ja schon diese neue Wertigkeit, Produkte sollen aussehen wie zu Omas Zeiten. In dem Moment, in dem etwas gefährdet ist, muss es schöner werden.

Aber steckt darin nicht auch eine Gefahr für das Buch? Das ist doch, wie wenn man sich einen Oldtimer kauft. Eine Kuriosität, deren Zeit vorbei ist.

Ja, das ist die Gefahr, es darf natürlich nicht zu kunsthandwerklich werden. Bücher sind ein Industrieprodukt. Man soll sie benutzen, sie sollen gebraucht werden, und man darf ihnen das auch ansehen.

Das Interview führten Petra Ahne und Cornelia Geissler.