Philosophie war früher fast ausschließlich in den Seminaren der Universitäten zu Hause. Neuerdings findet man sie in Ratgeberecken und im Fernsehen. Wie kommt das?Ich finde das gut und keine Perversion der Philosophie. Seneca hat in Wahrheit Selbsthilfebücher geschrieben. Sie enthalten Ratschläge, wie man damit fertig wird, wenn das eigene Kind stirbt oder jemand Arbeit oder Einfluss verliert.Philosophen lehren wieder auf den Straßen wie einst Sokrates?Ja, warum nicht? Die ursprüngliche Mission der griechischen Philosophie, den Menschen etwas zum Denken mit auf den Weg zu geben, wird heute eben in Talkshows übermittelt.Bei welcher Gelegenheit haben Sie heute Philosophie verwendet?Mein Flug war verspätet, und da ist Seneca ein guter Ratgeber. Denn er sagt, du kannst nur enttäuscht werden, wenn du eine bestimmte Erwartung hast. Wir alle wissen, dass Flugzeuge häufig verspätet sind und dass Computer oft nicht funktionieren. Aber wenn diese Dinge nicht laufen, ärgern wir uns gleich und jammern: Warum passiert mir das schon wieder, warum ausgerechnet jetzt, liegt ein Fluch über mir? Wir sollten mit Verspätungen und Computerproblemen philosophisch umgehen. Wir können uns sagen: Es ist wunderbar, wenn alles wie am Schnürchen läuft, aber ich kann nicht erwarten, dass es das tut. Nur unsere Annahme, dass Dinge funktionieren sollen, ist unser Problem.Die Ratgeberecke war jahrzehntelang von der Psychologie besetzt. Findet im Moment die Konkurrenz von Philosophie und Psychologie statt?Der Amerikaner Lou Marinoff startete eine Bewegung, die sagt, wenn du dich schlecht und krank fühlst, sollst du nicht einen Psychologen, sondern einen Philosophen konsultieren. Diese Idee finde ich gefährlich, und sie beruht auf einem Missverständnis darüber, wie Psychologie entstand. Psychologie ist nämlich streng genommen ein Zweig der Philosophie, der sich durch Professionalisierung zu einer eigenen Disziplin entwickelte. Nietzsche, der letzte psychologische Philosoph, stirbt und bald darauf schreibt Freud seine Traumdeutung. In sehr kurzer Zeit ging die Philosophie in eine psychologische Richtung. Die beste Psychologie hat die Philosophiegeschichte verinnerlicht. Ich möchte die beiden nicht trennen.Dennoch bezieht die Psychologie im Unterschied zur Philosophie das Unterbewusstsein als entscheidende Motivation für menschliches Handeln mit ein. Einem Menschen mit ernsthaften psychischen Problemen hilft sicher keine noch so wahre Einsicht aus dem Bereich der Lebensweisheiten.Aber Freud hat das Unterbewusstsein nicht erfunden. Schon immer wussten Menschen, dass wir nicht nur rational handelnde Wesen sind. Epikur erkennt bereits im 3. Jahrhundert vor Christus, dass wir oft zu neurotischem Verhalten getrieben werden, wenn uns Freunde fehlen. Wenn jemand ein gutes Auto bauen will, wäre er schlecht beraten, sich dafür in der Antike umzugucken, da gab es keine. Wenn er dagegen eine Tragödie sehen möchte, kann er auch heute von einem antiken Theaterstück sehr berührt werden. Die antike Philosophie ist in gewisser Hinsicht naiv in ihrem Verständnis des Menschen. Und es ist richtig, dass wir erst im 20. Jahrhundert die Rolle der Kindheit ausreichend würdigen. Das heißt aber nicht, die alten Philosophen hätten uns nichts mehr zu sagen. Es gibt viel Wertvolles, das wir vergessen haben.Was zum Beispiel?Die Idee, dass das Leben ein Erziehungsprozess ist, in dem es auch darum geht, Gefühle zu meistern. Wir leben im Moment in einer postromantischen Phase, wo jedes Gefühl verherrlicht wird. Es heißt, man soll alles rauslassen. Den Stoikern geht es dagegen um Meisterung der Gefühle und um Selbstkontrolle. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich zwischen diesen beiden Extremen. Aber es ist eine wohltuende Abwechslung, die Stoiker zu lesen, im Vergleich zu dem Unsinn, der heute oft veröffentlicht wird.Können Gedanken Gefühle wirklich zähmen?Ja und nein. Seneca sagt, dass uns Denken glücklich macht und die beste Antwort auf die Herausforderungen des Lebens darstellt. Montaigne dagegen betont die Grenzen des Denkens, indem er in seinen Schriften fragt, was Plato wohl getan hätte, wenn er während eines Symposiums hätte furzen müssen. Und er kommt zu dem Ergebnis, dass auch einer der größten Philosophen der Welt machtlos gegen das Bedürfnis zu furzen ist.Welcher Philosoph weiß denn Rat bei Mobbing?Vielleicht Sokrates. Er starb für seine Überzeugung, er lehrt uns, den Mut zu haben, für uns selbst und unsere Rechte einzutreten. Diese Überzeugungen müssen aber auf einem rationalen Fundament stehen. Sokrates ist eine Hilfe für Menschen mit unpopulärer Meinung. Vaclav Havel wurde von ihm inspiriert.Oder Epikur? Er empfiehlt, nicht für Chefs zu arbeiten, die man nicht mag.Ja, auch eine Möglichkeit. Epikur lehrt, dass die Jagd nach materiellen Gütern oder Einfluss gar nicht unser wahres Bedürfnis ist. Wir kaufen uns etwas, aber eigentlich wünschen wir uns Freundschaft, Freiheit oder Ruhe. Epikur hilft, weniger Angst vor dem Verlust von Besitz oder Geld zu haben, denn er macht uns bewusst, dass wir auch mit wenig sehr glücklich sein können, wenn wir Freunde haben und uns frei fühlen.Sie beziehen sich meist auf die älteren Philosophen. Haben die Jüngeren wie Derrida und Foucault denn nichts zu bieten, was sich für die Bewältigung alltäglicher Probleme verwenden lässt?Philosophie ist ein großes Gebiet, man kann es mit der Küche vergleichen. Die einen kochen italienisch, andere japanisch. Und Derrida und Foucault bereiten nicht die "Weisheitsgerichte", sie befassen sich mit anderen, sehr speziellen Themen. Mich hat innerhalb der Philosophie aber immer nur die Weisheit angezogen. Ich bin nicht an der wissenschaftlichen, abstrakten oder mathematischen Philosophie interessiert. Mich beschäftigen nicht Fragen wie: "Ist das ein Tisch?" oder "Existiere ich?". Ich suche in der Philosophie Antworten darauf, was ich bei gebrochenem Herzen tun oder wie ich mit dem Tod fertig werden kann.Sie sagen, dass die dunkelsten Denker den meisten Trost spenden. Warum sind die glücklichen Philosophen weniger tröstlich?Viele unserer dunkelsten Gedanken werden nicht in der Zeitung erwähnt, auch nicht in Gesprächen mit Freunden, Kollegen oder unserem Partner. Denn in der Öffentlichkeit hat man optimistisch, beschwingt und gut gelaunt zu sein. Die dunklen Denker, so wie Schopenhauer, stellen einen Gegenpart zu dieser überoptimistischen Stimmung dar, indem sie die negativsten Gedanken aussprechen. Und das ist tröstlich, denn wir erkennen: Ich bin nicht der Einzige, der denkt, dass das Leben schrecklich oder sinnlos ist. Wenn es uns dann wieder besser geht, brauchen wir Schopenhauer nicht mehr.Schopenhauer, so sagen Sie, hilft auch bei gebrochenem Herzen mit seiner Theorie, dass sich Paare unbewusst trennen, weil sie wahrscheinlich mit dem jetzigen Partner nicht die besten Nachkommen erzeugen können. Finden Sie das wirklich tröstlich?Ja. Denn ich denke, wir interpretieren die Liebe viel zu psychologisch. Dabei ist so vieles in der Liebe instinktiv. Ein Raum voller Leute, und plötzlich sind zwei voneinander magisch angezogen. Attraktion hat etwas Animalisches, etwas Unkontrollierbares. Und ich finde es tröstlich, wenn man abgelehnt wird, sagen zu können: Ich bin okay, so wie ich bin, aber ich war eben nicht ihr Typ. Dieser Gedanke nimmt den Druck weg und macht die Abweisung weniger persönlich.Heißt das, wer Schopenhauer kennt, braucht am Ende einer Beziehung nicht zu weinen?Man muss ja nicht nur Schopenhauer lesen. Vielleicht wäre eine Kombination von mehreren Dingen zu empfehlen. Weinen, Schopenhauer lesen, Schokolade essen und fernsehen.Warum brauchen wir überhaupt Trost?Weil das Leben traurig ist. Wir müssen alle sterben und alle, die wir lieben, auch.Das Gespräch führte Conny Teufl.Alain de Botton // DASS PHILOSOPHIE JEDEM ETWAS ZU SAGEN HAT, versuchen im Moment viele ihrer professionellen Anhänger zu beweisen. Titel wie "Bei Liebeskummer Sokrates" stehen für diesen Trend, aber auch das Vorhaben des ZDF, im Herbst eine philosophische Talkshow zu zeigen. Alain de Botton deutet in seinem neuesten Buch "Trost der Philosophie. Eine Gebrauchsanweisung" das Wissen der alten Philosophen für das Leben von heute und erklärt, was die Denker von einst bei Computerproblemen, Verspätungen und Mobbing geraten hätten. De Botton, 1969 in der Schweiz geboren, hat in Cambridge Geschichte und Philosophie studiert und lebt in London, wo er einen Lehrauftrag an der Universität hat. Seit seinem äußerst erfolgreichen Debüt "Versuch über die Liebe" (1993) hat er zwei Romane veröffentlicht und als Ergebnis langjähriger Beschäftigung mit Marcel Proust 1997 sein erzählerisch originelles Buch - de Botton nennt es "Eine Anleitung" - "Wie Proust Ihr Leben verändern kann". Aus dem Buch über den Trost der Philosophie entwickelte er eine sechsteilige Fernsehserie, die in England ein großer Erfolg war.LITERATUR ZUM THEMA: Alain Botton: Trost der Philosophie. S. Fischer, Frankfurt 2001; Wie Proust Ihr Leben verändern kann. S. Fischer 1998, (Taschenbuchausgabe 2000); Kay Hoffmann: Bei Liebeskummer Sokrates. Ariston, Kreuzlingen, München 2001; Josef M. Werle: Seneca für Zeitgenossen. Goldmann, München 2000; Lou Marinoff: Socrates Couch. Patmos, Düsseldorf 2000.