Als der Geburtstag des Gaskrieges gilt der 22. April 1915. Damals wurde nahe der belgischen Stadt Ypern das erste Mal mit großem Erfolg das Gasblaseverfahren eingesetzt. Von der deutschen Reichswehr. „An diesem Tag erhob sich plötzlich nachmittags um sechs Uhr aus den deutschen Gräben bei Bixschoote und Langemarck mit lautem Zischen eine sechs Kilometer breite, gelbweiße Nebelwand und stürzte mit Windgeschwindigkeit auf den völlig überraschten Gegner los. Beim Vordringen dehnte sich die Wolke weiter aus, erreichte eine Breite von acht Kilometern und eine Tiefe von etwa sechshundert Metern. Wo sie hinkam, vergilbte das Gras. Mensch und Tier erstickten.“ Von der verheerenden Wirkung – die Schätzungen liegen zwischen weniger als tausend und fünftausend Toten – des Gasangriffs waren selbst die deutschen Kommandeure so verblüfft, dass sie die sich für sie daraus ergebenden Vorteile nicht nutzten. So hieß es jedenfalls in der späteren „Manöverkritik“.

So überraschend der Angriff am 22. April auch gewesen war, so wenig überraschend war, dass es überhaupt zum Einsatz von Gas kam. Das war schon während des Burenkriegs geschehen. Die Haager Landkriegsordnung war darum 1907 um einen den Giftgaseinsatz verbietenden Artikel, der freilich allerhand Hintertürchen offenhielt, ergänzt worden.

Alle Kriegsparteien hatten sich Reservoirs angeschafft und auch Versuche mit ihrem Einsatz gemacht. In Deutschland gehörte zu den Wissenschaftlern, die mit Kriegsbeginn an der Massenvernichtungswaffe Giftgas arbeiteten, auch Otto Hahn, dem zusammen mit seinem Team am 17. Dezember 1938 die Entdeckung der Kernspaltung gelang.

Trotz des Erfolgs vom 22. April verwandelte sich der Erste Weltkrieg nicht in einen Gaskrieg. Das Wort Windgeschwindigkeit im Zitat weist schon auf die Wetterabhängigkeit der Waffe hin. So kam es zwar noch zu einer Reihe von Einsätzen während des Ersten Weltkrieges, aber so groß der Schrecken auch war, den das Gas verbreitete, es war viel zu schwierig zu handhaben. Zu oft bedrohte es auch die eigenen Truppen.

Keine moderne Erfindung

Gas als Kriegsinstrument ist keine moderne Erfindung. Der Einsatz von Senfgas ist schon aus dem China des vierten vorchristlichen Jahrhunderts überliefert. Damals wehrten sich Einwohner einer belagerten Festung, in dem sie in die von den Belagerern gegrabenen Gräben heißen Rauch bliesen, der mit Senf und anderen giftigen Kräutern „gewürzt“ war. In chinesischen Manuskripten wird auch Kakodyl als Kampfstoff erwähnt. Das ist eine nach Kot stinkende Flüssigkeit, die sich an der Luft von selbst entzündet. In Sparta wurde brennendes Holz in ein Gemisch von Teer und Schwefel gehalten und so ein hochgiftiger Rauch produziert.

Wenn man der vom Propheten Samuel (I, 4:10 - 6:12) erzählten Geschichte glauben schenkt, vernichtete die Bundeslade alle, die nicht zum auserwählten Volk gehörten, mittels der Beulenpest. Immerhin war es ja der Gott Israels gewesen, der zuvor schon den Ägyptern die berühmten zehn Plagen geschickt hatte, damit sie sein Volk endlich losziehen ließen. Die erste der biblischen Plagen war eine Brunnenvergiftung. Diese Art chemischer oder bakterieller Kriegführung ist so alt wie die Brunnen selbst es sind.

Möglicherweise ist die Verunreinigung von Trinkwasser eine Kampftechnik, die schon von unseren tierischen Vorfahren verwendet wurde. Die zweite der biblischen Plagen waren die Frösche, die das ganze Land bedeckten. Dem Erzähler war wohl nicht mehr klar, was an den Fröschen wirklich so verheerend war. Es war nicht ihre Zahl, sondern es waren die Batrachotoxine, das sogenannte Froschgift. Manche Frösche sind nämlich so giftig, dass es genügt, sie länger in der Hand zu halten, um ernsthaft geschädigt zu werden. Aus ihrer Haut lässt sich ein hochgefährliches Krampfgift gewinnen, in das südamerikanische Indianer und die Einwohner von Hawaii ihre Pfeile zu tauchen pflegten. Offenbar gab es damals in Ägypten dem Phylobates verwandte Frösche.

Im heutigen Syrien – in der römischen Stadt Dura Europos, im europäischen (!) Dura im Gegensatz zu dem in Assyrien – wurden vor ein paar Jahren die Leichen von 20 römischen Soldaten des dritten Jahrhunderts vor Christi an der Basis einer Stadtmauer entdeckt. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die angreifenden Perser einen Tunnel gegraben hatten, um in die Stadt einzudringen. Sie sollen Erdpech und Schwefel entzündet und so dichte Gasdämpfe erzeugt haben. Blasebalge sollen die durch Kamine befördert haben. Die römischen Angreifer waren nach Sekunden bewusstlos und nach Minuten tot. Es wurde auch die Leiche eines persischen Soldaten gefunden. Der ausgrabende Archäologe geht davon aus, dass es sich bei dem Toten um den Mann handelte, der das Gemisch aus Bitumen und Schwefel entzündet hatte.

Von Anfang an gingen die friedliche Nutzung und die für Kriegszwecke Hand in Hand. Aus den Quellen scheint jedenfalls nicht mehr ersichtlich zu sein, ob zum Beispiel giftige Rauchschwaden ursprünglich entwickelt worden waren, um Fliegen den Garaus zu machen, oder ob nicht doch auch hier der Krieg der Vater aller Dinge gewesen war und die – menschlich betrachtet – friedliche Nutzung ein Nebenprodukt gewesen war. In chinesischen Kriegshandbüchern fehlt es nicht an Beschreibungen von Maschinen, die die vergifteten Rauchschwaden in bei der Landung aufplatzenden Behältern über eine größere Strecke katapultierten.

Der Giftrauch-, der Giftgaskrieg, die biologische Kriegführung waren in der Antike so beliebt, dass römische Juristen, sich gegen die römische Brunnen vergiftenden Germanen wendend, erklärten: „armis bella non venenis geri“, also „Kriege werden mit Waffen nicht mit Giften geführt“. Viel half das nicht. Nicht einmal bei den Römern selbst. Als sie in Kleinasien, der heutigen Türkei, Aristonikos besiegt hatten, wehrten seine Anhänger sich mit einem zähen Guerrillakrieg. Rom brannte daraufhin die Dörfer der Aufständischen nieder und vergiftete deren Brunnen.

Ständige Weiterentwicklung

Das sogenannte griechische Feuer war die Waffe, mit der sich das christliche Byzanz im 7. Jahrhundert gegen die Araber zur Wehr setzte. Die Mischung änderte sich immer wieder. Im Wesentlichen aber ging es darum, Menschen mit Erdöl oder Asphalt – je nach dem mit Baumharz oder Schwefel oder beidem gemischt – zu überschütten und dann anzuzünden. Wer jetzt sehr moderne Assoziationen hat, der kann im Wikipedia-Artikel unter Napalm nachschauen: „Napalm gehört zu den Brandstoffen auf Ölbasis. Das Prinzip einer anhaftenden, langsam brennenden Brandmasse wurde erstmals im frühen Mittelalter in Form des griechischen Feuers verwirklicht.“

Der menschliche Geist war stets unermüdlich mit der Weiterentwicklung der chemischen Kriegführung beschäftigt. Leonardo da Vinci machte Vorschläge, Burgen und Festungen mit mit Arsen versetztem Rauch zu bekämpfen, und der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz dachte über den militärischen Einsatz von Stinktöpfen nach.

Wer auf die frühen chemischen und biologischen Waffen hinabblickt, der vertut sich ein wenig. Heutige Massenvernichtungsmittel sind natürlich unvergleichlich effektiver. Aber wie lange dauerte es, bis zwanzig Perser zwanzig Römer – oder umgekehrt – niedergemetzelt hatten? Wie viel Schweiß, wie viel Verletzungen kostete es? Und wie sicher, respektive unsicher war der Ausgang? Denkt man daran, blickt man anders auf die fast zweieinhalbtausend Jahre alten Toten von Dura Europos.

Zurück nach Ypern. Der Giftgaseinsatz war schon in der deutschen Führung höchst umstritten. Selbst der für den Einsatz zuständige General Bertold von Deimling, der Mann, der schon 1904 bis 1908 beim Völkermord an den Herero beteiligt gewesen war und am 15. November 1914 12.000 Soldaten bei Langemarck das Deutschlandlied singend in den Tod geschickt hatte, schrieb später in seinen Memoiren, da war er allerdings schon zum Pazifisten konvertiert: „Ich muss gestehen, dass die Aufgabe, die Feinde vergiften zu sollen wie die Ratten mir innerlich gegen den Strich ging, wie es wohl jedem anständig fühlenden Soldaten gehen wird.“

Der Oberbefehlshaber der 3. Armee, Generaloberst von Einem, schrieb noch während des Krieges an seine Frau: „Ich bin wütend über das Gas und seine Verwendung, die mir widerlich gewesen ist von Anfang an. Wir verdanken die Einführung dieses so unritterlichen, nur von Schuften und Verbrechern sonst gebrauchten Mittels in der Kriegführung …“

Hier wird etwas spürbar von dem Ekel gegenüber einer Waffe, die alle militärische Ausbildung, den ganzen Militärapparat, überflüssig, ja lächerlich erscheinen lässt. Es ist weniger humanistische Empörung als ein Männlichkeitswahn von Rittertum und Heldenmut, der sich hier Ausdruck verschafft. Der Krieg als Kampf unter Männern, einem männlichen Ehrenkodex folgend, der „feige“ Kampfmittel ablehnt.

Aber natürlich wird der Ehrenkodex oder auch die Haager Landkriegsordnung sofort fallengelassen, wenn den eigenen Reihen durch eine Wunderwaffe ein schneller Sieg zu winken scheint. Der Chef des Großen Generalstabs, Erich von Falkenhayn, ging davon aus, dass Deutschland den Krieg nur gewinnen könnte, wenn es ihn schnell gewann. Darum setzte er – glücklicherweise vergebens – auf Gas. Er war nicht der Erste und nicht der Letzte, der das tat – und der sich damit vertat.

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Der Artikel basiert auf: Adrienne Mayor: Greek Fire, Poison Arrows, and Scorpion Bombs – Biological and Chemical Warfare in the ancient world. Jonathan B. Tucker: War of Nerves – Chemical warfare from World War I to Al-Qaeda. Wolfgang Wietzker: Giftgas im Ersten Weltkrieg. Was konnte die deutsche Öffentlichkeit wissen? (Diss). Und natürlich Wikipedia.