Mausgrau und unscheinbar wirkt sie, die Kappe, die Heinz Rühmann 1992 in seiner letzten Filmrolle als Taxifahrer trug. Als Wim Wenders sie für seinen Film "In weiter Ferne, so nah" aus einem Fundus entlieh, ahnte er nicht, daß sein Darsteller sie vor 61 Jahren schon einmal getragen hatte: im Ufa-Film "Bomben auf Monte Carlo". Die kleine Mütze war seither nicht mehr im Gebrauch, weil sie keinem sonst paßte.Jetzt ist die Kappe, die den "frühen" wie den "späten" Rühmann repräsentiert, in den Besitz der Stiftung Deutsche Kinemathek gelangt. Die Stiftung war buchstäblich auf der Hut und hat den gesamten Nachlaß des Schauspielers von seiner Witwe erworben. Er wandert von München nach Berlin, wo Rühmanns Karriere begann. "Ich hänge an dieser Stadt", hat er einst in seinen Memoiren bekannt: "Sie hat mich mehr geprägt als irgendeine andere." Hans Mayer hat den im Oktober 1994 Verstorbenen schon zu Lebzeiten ein "Volkseigentum" genannt; nun wird das Bonmot endgültig Realität: Wenn im Sommer 2000 das neue Filmmuseum am Potsdamer Platz öffnet, wird Rühmann dort einen gebührenden Platz einnehmen. Außerdem wird ihm am 7. März 2002 aus Anlaß seines 100. Geburtstags eine spezielle Ausstellung gewidmet. Vorerst lagert das Stückgut allerdings noch in den Spandauer Lagerhallen der Kinemathek.Zur feierlichen Übergabe des Nachlasses, die gestern vormittag im Wappensaal des Roten Rathauses stattfand, wurden schon erste Kostproben vorgeführt. Sie sind vom 25. bis 28. August auch öffentlich zugänglich: in der Bildergalerie des Rathauses im ersten Stock.Insgesamt umfaßt die Sammlung rund 2 300 Fotos, 39 Drehbücher und Bühnenskripte mit handschriftlichen Vermerken, 180 Film- und Theaterprogramme, diverse Ausweise (unter anderem ein Flugzeugführerschein des passionierten Fliegers und ein Bereitstellungsschein der Wehrmacht aus dem Jahr 1941), 125 Bücher mit persönlichen Widmungen, eine umfangreiche Korrespondenz sowie 36 Auszeichnungen und 51 Urkunden, darunter allein drei Filmbänder in Gold und die stattliche Anzahl von einem Dutzend Bambis (von Stiftungs- Direktor Hans Helmut Prinzler liebevoll als "Bambi-Rudel" bezeichnet). Außerdem dabei: einige Original-Kostüme des Schauspielers, darunter der Frack des Doktor Pfeiffer aus der legendären "Feuerzangenbowle". Der fällt allerdings so zierlich aus wie die Taxi-Kappe. Der große Star war nur 1,55 Meter groß.Die meisten Objekte stammen aus der Zeit nach 1945, weil Rühmanns Haus am Wannsee noch in den letzten Kriegstagen verbrannte. Die interessanteste, weil widersprüchliche Zeit seiner Karriere und seine Rolle innerhalb der Propaganda-Maschinerie des Dritten Reichs sind damit leider ausgeklammert. Dennoch spiegelt die Sammlung einen Großteil deutscher Filmgeschichte anschaulich wider ­ und bietet zudem einen aufschlußreichen Vergleich zu einer anderen Erwerbung des Hauses, dem Marlene-Dietrich-Nachlaß. Zwei Karrieren, die fast zur selben Zeit am selben Ort begannen und sich so unterschiedlich entwickelten, stehen schon jetzt, Kiste an Kiste, im selben Lagerraum und werden sich einmal im Filmmuseum ergänzen.Mit dem Nachlaß der Dietrich können sich die Rühmann-Trouvaillen allerdings nicht messen. Die Diva sammelte alles; der Komödiant trennte sich gern von Staubfängern. "Er hing nicht an der Vergangenheit, er lebte bis zuletzt in der Gegenwart", erzählt Hertha Rühmann, seine dritte Ehefrau, in einem Gespräch am Tag vor der Übergabe des Nachlasses. Beim letzten Umzug an den Starnberger See hat das Paar noch einmal kräftig ausgesiebt und die restlichen Erinnerungsstücke auf den Dachboden verstaut, den man scherzhaft das "Gruselzimmer" nannte. Von der Vergangenheit, die ja die seine und nicht die ihre war, hat sich die Witwe ohne Gram verabschiedet: "Auf meinem Boden hat ja kein Mensch etwas davon." In ihrem Haus ist es dafür "luftiger" geworden; das "Gruselzimmer" steht jetzt für die Enkelkinder bereit.Bei der Übergabe pries Eberhard Diepgen die Erwerbung als doppelte Bereicherung für Berlin, weil sie zum einen an "die Traditionen der Stadt anknüpft" und zum anderen "ein Zeichen setzt für die künftige Entwicklung der Filmstadt". Die Kinemathek verfüge jetzt insgesamt über 360 Nachlässe, und weitere Erwerbungen von F. W. Murnau und Erich Pommer seien geplant. Hans Helmut Prinzler betonte allerdings in der drauffolgenden Rede, daß solche Pläne gefährdet seien, wenn der Berliner Senat wegen der maroden Haushaltssituation seine Unterstützung unterlasse. Schon der Rühmann-Nachlaß sei ohne die "segensreiche Institution Klassenlotterie" nicht möglich gewesen. Das war eine kleine Flanke auf die Politik, ganz im Stile Rühmanns, der stets den kleinen Mann mimte und mit leisen Tönen aufbegehrte. Für einen kurzen Moment wähnte man sein helles, meckerndes Lachen im Saal zu hören.Peter Zander