Wenn Kneiper, die nur noch den Feierabend im Kopf haben, den aber nicht wie dazumal in London mit einer Glocke Schlag elf festzurren können, ist Stress vorprogrammiert.Um ein Uhr nachts sagte ich "Okay, ihr könnt noch 'ne Runde haben, aber in einer halben Stunde will ich zumachen." So fängt das für gewöhnlich an. 10 Minuten später kommt ein Pärchen, dem ich freilich auch noch eine halbe Stunde gönne, worauf am Tresen jemanden, der eigentlich gerade gehen wollte, so ein alltägliches Scheißegal-Gefühl überkommt, also auch noch was will, einen Paddy mit 'nem Kaffee am besten. Und kurz bevor die Ersten zur Jacke greifen, kommt eine Reisebusladung: "Nur noch einen letzten Drink", flehen sie, und ich sage: "Gut, aber in 20 Minuten muss ich los, meine Kinder fangen sonst an zu schreien." Kurze Zeit drauf kommt Günther rein, der dringend ein Bier braucht. "Aus Gründen", wie er sagt, was jederzeit einleuchtet. Und dann stehen schon wieder drei Leute da mit der höflichen Frage, ob sie noch etwas Alkohol haben könnten, und nachdem ich ihnen das Zeug gegeben habe, sage ich noch schnell: "Aber halb vier mach ich zu." Worauf sie mir verzweifelt erklären, dass ihre Freunde gerade am Bahnhof Zoo angekommen seien und auf dem Weg hierher in die Ziegen, wo sie sich verabredet haben und treffen wollen, und bald muss ich den Fremden am Handy eines Wartenden den Weg erklären, da keiner so genau weiß, wo sie eigentlich sind, so dass die anderen freilich nicht wussten, wo sie eigentlich hin sollen, und ich sage am Handy: "Macht hinne, ich muss bald zur Arbeit!"Und nun kommt auch Rudolf aus Kasachstan zurück, dem ich ordentlich was einschenke, denn wo kämen wir denn hin, wenn ich eine Runde Verwirrter betreue und Rudolf wegschickte. Und als die Touristen vom Bahnhof Zoo um halb sechs ankommen, sage ich ihnen, dass sie ihr Bier sehr schnell trinken sollen und "Nein, Milchkaffee habe ich nicht, auch keinen Kakao und keinen Honig für den Tee", was Neukundschaft immer wieder in Erstaunen versetzt. Und ich sage noch mal, dass ich bald los muss, da ich Punkt sechs im Internet verabredet bin und ich das wirklich auf keinen Fall aufschieben kann, da sehr viel daran hängt - also aus Gründen sozusagen, wie bei Günther.Dreiviertel sechs sage ich auf dem Klo zu einem der Reiseleiter, dass sie jetzt gehen sollten, ich sei sehr müde und erschöpft und wolle nur noch raus hier, und er verstand meine bedauernswerte Lage und ging zum Tisch, um mit den Leuten aufzubrechen, der Wirt sei müde und kaputt, sagt er, worauf einer von den anderen Friseuren behauptet, das sei Quatsch, der hat 'ne Verabredung im Internet, der erzählt doch Scheiße, und ein dritter Töpfer stellt fragend fest: "Ach der muss gar nicht ins Büro?" War echt schwach von mir, mein Heimweh mit blödsinnigen Gründen zu kaschieren. Wen geht das denn was an?Ich hatte in Geheimdienstmanier drei Insiderinformationen gestreut und die stritten sich schon, welche davon wahr ist. So können Politiker Wähler beschäftigen, um ja nicht zur Sache kommen zu müssen, für einen Wirt ist das nur dumm. Mein Beschluss früh im Kopfkissen: Nie wieder Motive erfinden ! Das ist nicht nur in der vernebelten Schattenzone zwischen Leben und Tod, sondern meistens auch im richtigen Leben die nervenschonendere Variante.Überhaupt glauben immer wieder Leute, dass der Wirt nur ein Wirt ist. Dem hat es gefälligst gar nichts auszumachen, nicht jetzt, sondern viel später nach Hause zu kommen, wenn da jemand noch einen Euro übern Tresen schiebt. Erschwerend hinzu kommt, dass ich hartnäckigen Nachteulen nach zwei kaum noch offene Kneipen empfehlen kann, da der Prenzlauer Berg in den letzten Jahren von Zuzüglern in Heimatmanier befriedet wurde, während ich früher selbst nach langen Abenden Schwierigkeiten hatte, mich auf dem Heimweg an lustigen Kneipen vorbei zu schmuggeln, als tausende Sonnen erst vormittags untergingen und der Kiez eine lang anhaltende Party, eine echte Attraktion war. Mittlerweile kaufe ich auch Bio-Eier, die sind echt besser.(Wird fortgesetzt)-----------------------Unser Autor Milan betreibt die Kneipe "5 Ziegen" in der Lychener Straße 63; der halbe Liter Bier kostet hier 2,20 Euro