Der katholische St. Michael Kirchhof an der etwas entlegenen Gottlieb-Dunkel-Straße in Berlin-Neukölln war gut besucht. Peter Strieder, ein sozialdemokratischer Hoffnungsträger, war (diesmal extrem korrekt gekleidet) erschienen, Romani Rose und auch (mit stets eingeschaltetem Handy) Alexander Brenner, der neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Zu Grabe wurde Otto Rosenberg getragen, der im Alter von 74 Jahren gestorben war. Er hatte sich über die Stadt hinaus Ansehen erworben, einmal als Erzähler seiner Lebensgeschichte, die ihn von Ostpreußen über Berlin durch die KZs und wieder nach Berlin führte, dann als Vorsitzender des Berlin-Brandenburgischen Landesverbandes der deutschen Sinti- und Roma-Union. Vielleicht 300 Mitglieder dieses Verbandes waren erschienen, um ihrem Vorsitzenden das letzte Geleit zu geben. Sie waren bewegt und freuten sich über das Treffen, brachten viele Kinder mit und rauchten. Nicht zwingend vermittelte die Trauergemeinde den Eindruck, dass es Menschen wie sie seien, die die Wortführer der Einwanderungsdebatte derzeit im Sinn haben, wenn sie von gut ausgebildeten, eingliederungswilligen, sprachgewandten und anpassungsbereitem Bevölkerungszuwachs reden. Jedenfalls hatte es der Verstorbene selbst - die Verhältnisse, sie waren nicht anders - nur auf zwei Jahre Volksschule gebracht. Das Ziel einer Zuwanderung auf Bestellung wirkte an diesem offenen Grab nicht überzeugend.Schon schwer erkrankt hatte Rosenberg für die Leser dieser Zeitung gemeinsam mit Reimar Gilsenbach den Magazinbeitrag (vom 17. 2. 2001) über die ermordeten Komparsen aus Leni Riefenstahls Film "Tiefland" geschrieben. Auf den alten Standfotos hatte er zum Beispiel seinen Onkel Balthasar Kretzmer wiedererkannt: "Als sie ihn nach Auschwitz verschleppten, war er schon 52. In dem Alter gab es für keinen Häftling die Chance zu überleben. Wie die meisten unserer Familie kam auch er nicht wieder."Manchen wird der Verstorbene aus einem anderen Zusammenhang bekannt sein. Im vergangenen Jahr hatte es seine Tochter Marianne Rosenberg vehement abgelehnt, gemeinsam mit ihrem Vater in einer Fernseh-Show aufzutreten: "Die wollen Rosenberg-Schlager garniert mit einer Prise Auschwitz", meinte sie und fügte empört hinzu: "Das ist eine Respektlosigkeit gegenüber meinem Vater."Wer aber den maßvollen, menschlichen Ton Rosenbergs kennen lernen will, und das lohnt sich, sollte zu seiner Autobiografie "Das Brennglas" greifen. Da liest man zum Beispiel Details über Dr. Dr. Joseph Mengele, einen der Väter der modernen Genetik, der im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Auschwitz arbeitete. Rosenberg beschreibt, wie er ihm die Stiefel putzte, wie Mengele zum Dank einige Zigaretten liegen ließ und wie die erfahrenen Häftlinge meinten: "Jetzt kommt er wieder. Jetzt holt er sich wieder, was er braucht." Dazu bemerkte Rosenberg 1995, als er seine Lebensgeschichte diktierte: "Ich glaube, wenn die Ärzte damals so weit gewesen wären wie heute mit der Organentnahme, dann wäre niemand von uns durch Arbeit in den Tod getrieben worden. Es hätte geheißen: Für euer inneres Leben, für die Seele, sorgen wir, und wir können jederzeit auf euch zurückgreifen. Wann wir wollen. Das wäre eine der besten Fleischbänke geworden."Rosenberg hatte Glück. Dank seiner Jugend und seiner Kraft überlebte er Auschwitz, Buchenwald, Dora und Bergen-Belsen. Er zog zurück nach Berlin, weil er sich als Sinto-Deutscher betrachtete. Hier starb er am vergangenen Donnerstag als gläubiger Katholik im Frieden mit Gott, im Bewusstsein, dass allein der Tod die Erfüllung des Wunsches nach Befreiung - das Libera me - bewirken kann. Der Priester las aus der Bergpredigt über "eine Welt voller Liebe" und rief gen Himmel: "Erlöse ihn, oh Herr." Ganz so, wie es Otto Rosenberg am Ende seiner Erinnerungen gewünscht hatte: "Die KZ-Nummer ließ ich durch eine Tätowierung in Hamburg unsichtbar machen. Jetzt verdeckt ein Engel diese Schande. Die Nummer hatte mich immer gestört. Die Kinder fragten ja dauernd, und so kam ich nicht zur Ruhe. Dauernd wollten sie diese Nummer sehen. Jetzt ist der Engel da, der schützt davor, dass sich all die schlimmen Dinge, die damals passierten, wiederholen. Ich glaube, dass ich mit Gott uneinig war, ja, das hat er nachträglich wieder gutgemacht. Am 8. Juni 1953 habe ich meine Frau geheiratet. Mit Pfingstrosen, aber ohne Trara, mit Kartoffelsalat, ein bisschen Essen und Trinken."Zigeuner. Wanderbetrieb // Der OdF-Ausweis von Otto Rosenberg. Als er - in Bergen-Belsen von britischen Einheiten befreit - 1945 nach Berlin zurückkehrte, setzte ihn das Arbeitsamt zur Enttrümmerung ein. Später, als es dann für die neunjährige KZ-Haft Entschädigung hätte geben können, wies das Landgericht Rosenbergs Antrag mit der Begründung zurück: "Zigeuner. Wandertrieb. Hat keine Bindung an die Stadt Berlin. " Lebenserinnerungen: Otto Rosenberg: Das Brennglas. Aufgezeichnet von Ulrich Enzensberger, mit einem Vorwort von Klaus Schütz. Frankfurt a. M. , Eichborn Verlag 1998, 144 Seiten, 36 Mark.