Die Bauchspeicheldrüse ( produziert Insulin. Übergewicht und Bewegungsmangel vermindern die Wirkung des Insulins im Körper, Diabetes droht.
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BerlinEs ist ein Riesen-Problem, das da auf uns zukommt, ein lebensgefährliches Problem. Schon jetzt leiden etwa 350.000 Menschen allein in Berlin und Umgebung unter Diabetes. Bundesweit sind es sogar sieben Millionen Betroffene. Das Problem dabei: Die Zahl nimmt rasant zu.

Was sogar noch stärker steigt, ist die hohe Dunkelziffer. Denn es gibt inzwischen rund 100.000 Berlinerinnen und Berliner, die bereits unter Diabetes leiden, aber noch gar nichts davon wissen. Sie ahnen nicht, in welcher Gefahr sie schweben. Weil die Zuckerkrankheit nicht weh tut und lange Zeit keine besonders auffälligen Symptome verursacht. Aber die Uhr tickt. Unerbittlich. Doch wenn Diabetes nicht konsequent behandelt wird, drohen schlimme Spätschäden.

„Deutschland droht eine Diabetes-Epidemie“, warnt Chefarzt und Diabetes-Experte Klaus-Dieter Palitzsch aus München. „In unserer Klinik beispielsweise müssen wir viele Diabetiker versorgen, die ihre Krankheit lange Zeit nicht erkannt oder nicht ernst genug genommen haben. Sie werden mit Herzinfarkt oder Schlaganfall bei uns eingeliefert, weil die krankhaft hohen Zuckerwerte im Blut ihre Arterien angegriffen haben. Denn Zucker ist ähnlich gefährlich wie Nikotin. Wenn beides zusammenkommt, kann Zucker sogar tödlich sein.“

Die Patienten, von denen Palitzsch spricht, haben verengte Arterien, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Gefäßschäden in den Nieren oder im Auge. Sie leiden unter Schmerzen, sehen nicht mehr richtig, ihre Nieren arbeiten nur noch ungenügend. Nachfolgend beantworten wir die wichtigsten Fragen zu der Volkskrankheit:

Warum gibt es immer mehr Diabetiker?

„Die Hauptursachen sind Übergewicht und Bewegungsmangel“, sagt Palitzsch. „Wir sitzen zu lange am Schreibtisch, im Auto oder vor dem PC. Gleichzeitig essen wir zu viel und ernähren uns zu ungesund. Hohe Blutdruck- und Cholesterinwerte erhöhen die Diabetesgefahr zusätzlich. Das sind jedoch alles Umstände, die jeder ganz leicht ändern kann. Es ist also gar nicht schwer, sich zu schützen und der Diabetesfalle zu entrinnen. Wer allein fünfmal pro Woche mindestens 30 Minuten spazieren geht oder sich anderweitig bewegt, kann sein Diabetesrisiko schon um 36 Prozent vermindern.“

Warum macht Übergewicht zuckerkrank?

Übergewicht und Bewegungsmangel vermindern die Wirkung des Insulins im Körper. Der Zucker ist als Energielieferant lebenswichtig. Doch nur durch das Insulin gelangt er auch aus dem Blut in die Zellen, wo er benötigt wird. Wirkt das Insulin nicht mehr ausreichend, bleibt zu viel Zucker im Blut. Das zerstört einerseits die Arterien und macht gleichzeitig auch schwach und müde, weil die Energie fehlt.

Wer ist besonders gefährdet?

Viele denken, Diabetes sei eine normale Alterserscheinung. Der häufig anzutreffende Diabetes Typ 2 wurde früher gern als „Altersdiabetes“ bezeichnet. Aber die Entwicklung verläuft geradezu dramatisch, denn die Patienten werden immer jünger. Inzwischen erkranken viele Berufstätige zwischen 30 und 40 daran, und sogar bei Jugendlichen tritt Diabetes Typ 2 auf. Dazu kommt, dass oft fünf bis sieben Jahre vergehen, bis ein Diabetes erkannt wird. Weil viele die Symptome nicht kennen oder als ungefährlich einschätzen.

Woran erkennt man Diabetes?

Die Betroffenen fühlen sich schlapp und müde. Sie müssen häufig Wasser lassen, haben starken Durst und trinken auffallend viel Flüssigkeit. Wunden heilen schlechter als früher. Es kann zu einem unerklärlichen Gewichtsverlust kommen. Sobald Taubheitsgefühle in Armen oder Beinen oder auch Sehstörungen auftreten, ist der Diabetes meist schon weit fortgeschritten.

Was sollte man tun?

Der Experte rät deshalb zu regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen: „Spätestens ab 35 sollte jeder vom Hausarzt alle zwei Jahre den Blutzucker bestimmen lassen. Bei Menschen mit hohem Diabetesrisiko sind auch enger getaktete Kontrollen sinnvoll. Dazu gehören Patienten, die übergewichtig sind, sich wenig bewegen, an Bluthochdruck und zu hohen Cholesterinwerten leiden.“

Urinuntersuchungen mit Teststreifen zeigen einen etwa vorhandenen Diabetes allerdings zu spät an. Blutzuckermessungen in der Apotheke liefern auch immer nur einen Schätzwert, der um zehn bis fünfzehn Prozent schwanken kann.

Wie behandelt man Diabetes?

Im Anfangsstadium reichen oft schon einfache Maßnahmen wie gezieltes Abnehmen und mehr Bewegung. Wenn das nach drei Monaten nicht zum Erfolg führt, setzt der Arzt blutzuckersenkende Tabletten ein, die später zum Teil auch mit weiteren Medikamenten kombiniert werden. Lassen sich dadurch die Zuckerwerte nicht normalisieren, ist heute auch für Typ-2-Diabetiker zusätzliches Insulin eine optimale Therapie.

Ist Diabetes heilbar?

Der seltene Typ-1 Diabetes ist nicht heilbar. Aber jeder zweite Typ-2-Diabetiker, der seine Krankheit frühzeitig entdeckt und seinen Lebensstil geändert hat, kann nach sechs Jahren wieder ganz normale Zuckerwerte erreichen.

Wo bekomme ich Hilfe?

Hat der Hausarzt oder Internist Diabetes diagnostiziert, sollten sich die Patienten in einer Diabetes-Schwerpunktpraxis weiterbehandeln lassen. Hier erhalten sie von Spezialisten die richtige Therapie und eine umfassende Aufklärung, was Betroffene und Angehörige künftig alles zu beachten haben. Das bezahlt die Kasse. Die Adressen von zertifizierten Praxen und Zentren in ihrer Nähe findet man etwa auf der Website www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de

Wann muss man ins Krankenhaus?

Liegt ein Typ-1-Diabetes vor oder treten besondere Probleme auf, ist oft ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik nötig, um die Medikamente (Insulin) richtig einzustellen.

Gibt es spezialisierte Kliniken?

In Berlin sind folgende Kliniken von der Deutschen Diabetes Gesellschaft für die Behandlung von Zuckerkranken zertifiziert (in alphabetischer Reihenfolge): DRK Kliniken Mitte, Evangelisches   Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Helios Klinikum Emil von Behring, Helios Klinikum Buch, St. Hedwig Krankenhaus, St. Joseph Krankenhaus, Vivantes Klinikum Am Urban, Vivantes Klinikum Auguste Viktoria, Vivantes Klinikum Kaulsdorf und Vivantes Klinikum Neukölln.