Berlin - Wann es angefangen hat, kann keiner von uns genau sagen. Im Frühjahr wurde mir klar: Meine Tochter ist magersüchtig. Es ist eine Krankheit, von der ich schon mal gehört hatte, über die ich jedoch nicht viel wusste. Ich las viel und fand heraus: Magersucht ist die Krankheit der Stunde, der Coronazeit. Schon Ende 2020 gab es Berichte darüber, dass viele Kinder- und Jugendpsychiatrien mehr Patientinnen und Patienten mit Magersucht melden, deren Krankengeschichten eines gemeinsam ist: dass sie in der Pandemie begonnen haben, in der der Alltag keine Struktur mehr hatte, in der Treffen mit Freunden fehlten. Das Fazit meiner Recherche: Eine Essstörung ist eine sehr ernstzunehmende, psychosomatische Erkrankung, die unbedingt einer psychotherapeutischen Behandlung bedarf. Meine Tochter ist 18, sie geht noch zur Schule, fühlte sich von einer eigenen Suche nach einem Therapieplatz überfordert. So begann ich mit der Suche.

In Berlin gibt es den Verein Dick & Dünn, bei dem sich Menschen mit Essstörungen und deren Angehörige beraten lassen können. Dort gibt es auch eine Liste, wo  Therapeutinnen und Therapeuten aufgeführt werden, die sich mit dem Thema auskennen. Diese Liste war mein Ausgangspunkt.

Im Grunde hätte ich schon bei der Auskunft der allersten Therapeutin hellhörig werden können, die ich Ende März anrief. Sie sei bis in den Herbst hinein ausgebucht, sagte sie. Wegen Corona hätten ihre Patienten die Therapie verlängert. Sie habe meine Tochter als dringlichen Fall eingestuft und melde sich, wenn sich eine Möglichkeit ergeben sollte. Das ist jetzt zwei Monate her.

Von Kreuzberg bis Wilmersdorf: Einen freien Therapieplatz hat niemand

Ich war noch naiv damals, machte ein Kreuz hinter die Namen auf der Liste, die ihre Praxis in der Nachbarschaft haben. In Kreuzberg, Treptow, Neukölln oder Tempelhof.  Ich suchte nach Webseiten, schrieb Mails, hörte Anrufbeantworter ab, notierte die Zeiten, zu denen jemand persönlich zu erreichen war. Das sind oft kurze Zeitfenster: Mittwoch 8 bis 8.40 Uhr, Montag 12 bis 12.50 Uhr, Dienstag 13.45 bis 14.30 Uhr. Einen freien Therapieplatz hatte niemand.

Eine Therapeutin riet mir, es in den bürgerlicheren Bezirken zu versuchen. Viele Kollegen ließen sich lieber dort nieder, wo es ein angenehmeres Publikum gebe, eine angenehmere Nachbarschaft. Tatsächlich scheint es mehr Therapeuten in Charlottenburg oder Wilmersdorf zu geben als in Kreuzberg oder Neukölln.

Meine Tochter wurde dünner, und ich erweiterte den Radius meiner Suche, auch wenn das eine längere Fahrtzeit bedeutete, und plante eineinhalb Stunden für den Hin- und Rückweg ein. Hauptsache sie bekommt eine Therapie, dachte ich mir. Denn auch das hatte ich recherchiert: Es ist notwendig, Patienten mit Essstörungen so früh wie möglich zu behandeln. Je länger die Krankheit besteht, desto schlechter ist die Prognose. Aber auch in Charlottenburg und Wilmersdorf hieß es: „Ich kann Ihnen leider keinen Therapieplatz anbieten.“ Manche antworteten gar nicht.

Vielen war anzumerken, wie leid es ihnen tut, nicht helfen zu können. „Haben Sie es dort schon versucht?“, fragten einige. Und nannten die Adressen von Instituten, wo Therapeuten in Ausbildung behandeln. Auch dort hatten wir kein Glück. Eine Therapeutin, die zurückrief, sagte, der Therapiebedarf habe sich in der Coronazeit verzehnfacht. So sei jedenfalls ihr Gefühl. Jedes Mal, wenn sie in die Praxis komme, seien neue Anfragen auf dem Anrufbeantworter. Anfragen von Menschen, die Hilfe brauchen. „Aber ich kann keine Therapieplätze stricken.“

Die Kasse sagt: Wir haben das Kostenübernahmeverfahren abgeschafft

Auf der Webseite mancher Therapeuten heißt es, sie könnten gesetzlich Versicherte nur im Kostenübernahmeverfahren behandeln. Auf Nachfrage bei unserer Krankenkasse hieß es: „Das haben wir abgeschafft.“ Man verwies uns auf die Kassenärztliche Vereinigung, deren Terminservicestelle binnen fünf Wochen ein Erstgespräch bei einem Therapeuten vermitteln muss. Das kann wichtig sein, als eine erste Beratung, für eine Diagnose. Aber ein Therapieplatz ist damit längst nicht gewonnen. Die Therapeutin, die meiner Tochter zugewiesen wurde, hatte jedenfalls keinen.

Manchmal war ich verzweifelt, manchmal stieg Wut in mir hoch. Ich frage mich, wie ein kranker, ein depressiver Mensch etwa, eine solche Therapiesuche bewältigen soll. Bis heute habe ich 28 Absagen bekommen, manche Antwort steht noch aus.

Was ich erlebe, ist kein bedauerlicher Einzelfall, es ist die Norm, und war es auch schon vor Corona. Das erfahre ich im Gespräch mit Pilar Isaac-Candeias vom Vorstand der Psychotherapeutenkammer Berlin, die alle approbierten psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Berlin repräsentiert. „Es gibt Menschen, die sammeln 100 Absagen“, sagt sie. Der Bedarf sei hoch, das Angebot niedrig. „Es ist ein Drama, nicht nur für die Patienten, sondern auch für uns Therapeuten.“

Noch schlimmer als für Erwachsene sei die Situation bei Kindern und Jugendlichen. Die Bedarfsplanung für Berlin stamme aus dem Jahr 1999. Die damals existierenden Sitze seien als den bedarfsdeckend angesehen worden. „Aber zu DDR-Zeiten gab es kaum niedergelassene Therapeuten und 1999 war Ost-Berlin noch nicht auf dem Stand wie der Westen.“ Auch das trägt zur Situation bei. Pilar Isaac-Candeias sieht einen Grund auch in der Geringschätzung der „sprechenden Medizin“. „Es wird viel Geld für das Falsche ausgegeben: Apparate, Medikamente.“

„Wenn es einem schlecht geht, ist man zu dieser Anstrengung nicht fähig“

Warum das Kostenerstattungsverfahren abgeschafft worden ist, frage ich sie. „Ist es nicht“, entgegnet Isaac-Candeias. „Das ist eine Lüge.“ Nur würden die Krankenkassen so viele bürokratische Hürden aufbauen, dass darüber ein bis eineinhalb Jahre vergehen könnten, und möglicherweise würde am Ende die Behandlung trotzdem nicht genehmigt. Wer kann so lange auf Hilfe warten? Pilar Isaac-Candeias sieht noch ein anderes Problem: „Wenn es einem schlecht geht, ist man zu dieser Anstrengung nicht fähig.“

Die Änderung der Psychotherapeuten-Richtlinie im Jahr 2017 sieht die schnelle Vermittlung eines Erstgesprächs vor, das hält auch Pilar Isaac-Candeias für sinnvoll. Darüber hinaus aber seien die Therapeuten per Gesetz gezwungen, probatorische Sitzungen anzubieten, die eigentlich der Anbahnung einer Therapie dienen, und auch Akuttherapie-Termine, selbst wenn es danach nicht weitergehen kann. „Das ist skandalös, denn den Patienten wird etwas vorgegaukelt. Es ist kafkaesk für sie. Und für die Therapeuten grenzt es an eine Aufforderung zu unethischem Verhalten.“

Es gibt Menschen, die sammeln 100 Absagen. Es ist ein Drama, nicht nur für die Patienten, sondern auch für uns Therapeuten

Pilar Isaac-Candeias, Vorstandsmitglied der Psychotherapeutenkammer Berlin

Nach unserem Gespräch schickt Pilar Isaac-Candeias Zahlen, die einem Rundschreiben der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV) vom 28. Mai an alle Berliner Psychotherapeuten entstammen: Im ersten Quartal 2021 sind die Anfragen nach Psychotherapie bei der Terminservice-Stelle um 34 Prozent gestiegen, auf 14.993. Die Anfragen nach einer Sprechstunde, also einem ersten Beratungsgespräch um 29 Prozent auf 11.506. Davon konnten nur 42 Prozent vermittelt werden.  Die KV bitte darum, freie Plätze zu melden. „Plätze, die wir nicht haben“, schreibt Pilar Isaac-Candeias.

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