Marie wurde ein Jahr alt, ein paar Tage später starb sie. 
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Oft werde ich gefragt, ob ich den schon mal was Schlimmes erlebt habe. Ich frage dann gern zurück, was denn mit „Schlimmes“ gemeint ist. Ja, ach, höre ich dann, so traurige Sachen, zum Beispiel ein Baby, das bei einer Geburt gestorben ist oder so. Die Frage zeigt, mit wie viel Angst die Geburt eines Kindes besetzt ist. Ich finde das ganz natürlich. Eine Geburt ist ein Ereignis, das unser Leben auf den Kopf stellt und das wir auch im 21. Jahrhundert nicht bis ins letzte Detail kontrollieren können.

Ich könnte jetzt über die vergangenen 100 Jahre der Geburtshilfe sprechen. Aus den Stammbäumen unserer Familien geht deutlich hervor, dass es noch nicht so lange her ist, dass der Tod eines Kindes während der Geburt nichts Ungewöhnliches war. Angst vor einer Geburt ist ein Zeichen von Respekt und Menschlichkeit.

Nehmen kann ich den Frauen diese Angst nicht. Das wäre ungefähr so, als legte eine Stewardess einem Passagier mit Flugangst vertrauensvoll die Hand auf die Schulter und erzählte ihm, wie unwahrscheinlich ein Absturz sei.

Die Statistik der Sterbefälle von Babys bei einer Geburt in Deutschland oder der Hinweis auf die rapide Senkung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit beruhigt genauso wenig wie die Absturzwahrscheinlichkeit eines Flugzeuges. Beide sind nicht besonders hoch. In Deutschland liegt die die Müttersterblichkeitsrate bei 7 Frauen auf 100.000 Geburten. 2019 starben von 778.100 Neugeborenen 1437 in ihrer ersten Lebenswoche, das sind 0,2 Prozent.

Aber auch wenn eine Frau um diese Zahlen weiß, wird sie nicht hochmotiviert am Kreißsaal klingeln und die Geburt mit einem Lächeln meistern.

Jede Hebamme erlebt schlimme Dinge, aber für mich ist das nichts, was ich einfach so zur Unterhaltung preisgebe. Dazu berühren sie mich selbst viel zu sehr.

Wie die Geschichte des kleinen Mädchens Marie. Es wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. Die Eltern wussten davon schon vor der Geburt und haben sich trotzdem für dieses Baby entschieden. Die Prognose für dieses Kind war gut. Wir leben im 21. Jahrhundert, die Medizin kann heute viel bewegen.

Die jungen Eltern genossen die Zeit mit der Kleinen zu Hause, als ob sie ahnten, dass ihre gemeinsame Zeit endlich ist. Als Marie dann endlich operiert wurde, war schnell klar, dass sie auf ein Spenderherz angewiesen sein würde. Da Marie auch noch eine sehr seltene Blutgruppe hatte, brauchte sie nicht nur die beste medizinische Versorgung, sondern auch eine große Portion Glück. Ich bewundere die Schwestern und Ärzte, deren täglicher Job es ist, solche Nachrichten zu überbringen, und die jeden Tag mit dem Tod konfrontiert sind. Ich selbst wische mir bei meiner Arbeit im Kreißsaal ja eher die Freudentränen aus dem Gesicht.

Nach der Operation  besuchte ich Marie und ihre Eltern in der Klinik, wir wurden Freunde. Ich sah Marie wachsen. Wir spielten und alberten mit ihr herum. Sie lachte viel. Manchmal saßen wir einfach nur still an ihrem Bett.

An ihrem ersten Geburtstag trugen wir bunte Mützen und ließen Luftschlangen um ihr Bett ranken.

Marie starb nur ein paar Tage später. Sie hatte keine Kraft mehr zu warten. Wir wuschen sie, kleideten sie in ein schönes Kleid, kämmten ihr Haar und flochten es zu Zöpfen. Dann verabschiedeten wir uns von Marie.

Danach betranken wir uns gemeinsam in einer Berliner Eckkneipe. Wir redeten nicht über unsere Gefühle. Ich war schon lange nicht mehr einfach nur die Hebamme. Ich war Freundin, Beistand, Mutter.

Elf Monate später kam Maries kleiner Bruder zur Welt. Ein gesunder und kräftiger Bursche.

Heute, acht Jahre später, sind es zwei Brüder und eine Schwester. Das Bild von Marie steht zu Hause auf dem Fenster.

So eine schlimme Geschichte, nein, die erzählt man nicht einfach so.