Berlin - Keine Wirkung ohne Nebenwirkung, heißt es. Wer die Beipackzettel vieler Medikamente studiert, stellt fest, dass an dem Ausspruch durchaus etwas dran ist. Doch was heißt das für den Gebrauch der Arzneimittel und wie trifft man die Abwägung?

Expertinnen beantworten die wichtigsten Fragen rund um das Thema Nebenwirkungen – und geben Tipps, wie man sie etwas abmildern kann.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung – stimmt das?

Jein, sagt Corinna Schaefer. Sie leitet beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) die Abteilungen Evidenzbasierte Medizin und Leitlinien sowie Patienteninformation. „Jedes Mittel mit einer Wirkung kann eine Nebenwirkung haben, die muss aber nicht zwangsläufig auftreten. Das Potenzial ist immer da.“

So sieht es auch Ursula Sellerberg von der Bundesapothekerkammer: „Wenn etwas beworben wird als nebenwirkungsfrei, dann ist äußerste Skepsis angebracht.“

In der Fachsprache werden Nebenwirkungen als unerwünschte Arzneimittelwirkungen, kurz UAW, bezeichnet. Manchmal mache man sich diese auch zunutze, sagt Sellerberg.

So war es beispielsweise bei der ersten Generation der Antihistaminika: Sie wurden seit den 1930er Jahren wirksam gegen Heuschnupfen eingesetzt. Dabei stellte man fest, dass die Mittel sehr müde machen. Heute sind sie als rezeptfreie Schlafmittel erhältlich.

Welche Nebenwirkungen treten oft auf?

Grundsätzlich seien unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden oder Kopfschmerzen häufiger als schwerwiegende Nebenwirkungen, so Sellerberg. Unter den Letztgenannten versteht man Nebenwirkungen, die lebensbedrohlich oder tödlich sind, zu Behinderungen führen oder Krankenhausaufenthalte oder andere medizinische Interventionen erfordern.

Eines der bekanntesten und traurigsten Beispiele ist Contergan. Das Mittel, das Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre unter anderem als Schlaf- und Beruhigungsmittel für schwangere Frauen zum Einsatz kam, verursachte teils schwere Fehlbildungen bei den Embryos. Das Arzneimittel wurde vom Markt genommen.

Was bedeuten die Angaben zur Häufigkeit auf dem Beipackzettel?

Zunächst ein Blick auf die Zahlen. Sehr häufig bedeutet, dass im Schnitt einer von zehn Patienten betroffen ist – also zehn Prozent. Häufig meint, dass zwischen ein und zehn von 100 Patienten betroffen sein können – also zwischen ein und zehn Prozent.

Gelegentliche Nebenwirkungen treten demnach bei ein bis zehn von 1000 Patienten auf, das sind zwischen 0,1 und 1 Prozent der Menschen, die das Medikament einnehmen. Von selten spricht man bei einer Quote von ein bis zehn unter 10.000 Patienten – in Prozenten: 0,01 bis 0,1.

Sehr selten sind sie, wenn sie höchstens bei ein von 10.000 Patienten auftreten, also in 0,01 Prozent aller Fälle.

Und was fängt man mit den Zahlen an?

Schaefer bezeichnet die Informationen zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen im Beipackzettel als „schwierig“: „Die Nebenwirkungen werden in einer Art und Weise kommuniziert, dass man Angst davor bekommt“, kritisiert sie. So werde der Begriff „häufig“ im Beipackzettel ganz anders verwendet als im normalen Sprachgebrauch, erklärt Schaefer.

Steht „häufig“ im Beipackzettel, heißt das: höchstens zehn Prozent bekommen diese Nebenwirkung. „Das ist im normalen Sprachgebrauch eher ab und zu“, sagt Sellerberg. Sie ergänzt: „Jede Nebenwirkung, die berichtet wurde, muss im Beipackzettel stehen. Das ist ein juristisches Dokument und Teil der Zulassung.“

Was tun, wenn man Nebenwirkungen bemerkt?

Idealerweise bekommt man von der Ärztin oder dem Arzt mit der Verschreibung des Medikaments auch erklärt, welche Nebenwirkungen auftreten können. Im besten Fall gibt es zudem Hinweise, bei welchen Nebenwirkungen man sich rasch in der Praxis melden sollte und welche hingegen akzeptabel sind, sagt Schaefer.

Wichtig sei es, nicht eigenständig die Dosis zu reduzieren, nicht das Medikament ohne Rücksprache abzusetzen oder eigenmächtig ein Medikament gegen die Nebenwirkungen einzunehmen, stellt sie klar.
Wer zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit beitragen möchte, kann Nebenwirkungen von Medikamenten online melden. Dafür gibt es etwa unter www.nebenwirkungen.bund.de ein gemeinsames Formular des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI).

Alternativ kann man auch beim Hersteller anrufen oder in der Arztpraxis oder Apotheke darum bitten, eine Nebenwirkung zu melden.

Besonderes Augenmerk gilt Nebenwirkungen von Medikamenten, die ein schwarzes Dreieck im Beipackzettel haben: „Die Arzneimittel sind noch nicht lange auf dem Markt und werden noch genauer beobachtet“, sagt Sellerberg. Über Nebenwirkungen, die nicht im Beipackzettel stehen, sollte man unbedingt mit dem Arzt oder der Apothekerin sprechen.

Wieso kommen Medikamente trotz ihrer Nebenwirkungen zum Einsatz?

Dahinter steckt die Abwägung von Nutzen und Risiko. Arzneimittel durchlaufen mehrstufige Prüfungen, bevor sie den Markt erreichen. Bei Medikamenten, die bei schweren Krankheiten wie Krebs zum Einsatz kommen, werden auch schwerere Nebenwirkungen toleriert, als etwa bei einem Mittel gegen Kopfschmerzen.

„Der Patient braucht eine faire Aufklärung, damit er abwägen kann“, sagt Schaefer. Er oder sie sollte wissen, wie wahrscheinlich man einen Nutzen von dem Medikament haben wird und wie wahrscheinlich eine Wirkung ist, die man nicht haben will.

„Für viele spielt die Risiko-Vermeidung eine größere Rolle als der Nutzen“, meint Schaefer. „Patienten machen daher mitunter von einer eigentlich wirksamen Therapie keinen Gebrauch.“

Lassen sich Nebenwirkungen vermeiden?

Eher nein. „Ganz vermeiden kann man Nebenwirkungen nicht immer“, sagt Ursula Sellerberg. Aber manchmal lassen sie sich abmildern. Und bei einigen Arzneimitteln treten bestimmte Nebenwirkungen nur zu Beginn der Therapie auf und verschwinden im Verlauf oft von selbst.

Eine Nebenwirkung von cortisonhaltigen Asthmasprays kann ein Pilzbefall im Mund sein. „Vorbeugen kann man, indem man den Mund nach dem Inhalieren mit Wasser ausspült, die Zähne putzt oder etwas isst“, rät Sellerberg.

Manche unerwünschten Arzneimittelwirkungen können über den Einnahmezeitpunkt kompensiert werden. Arzneimittel, die müde machen, sollte man wenn möglich am Abend einnehmen, entwässernde Medikamente hingegen lieber morgens, so dass man in der Nacht nicht ständig auf Toilette muss, empfiehlt die Apothekerin.

Vorsicht ist vor sogenannten Verordnungskaskaden angebracht. Das heißt, wenn man Nebenwirkungen eines Medikaments mit einem weiteren bekämpft. Am besten spricht man darüber mit der verordnenden Ärztin, womöglich gibt es ein anderes Präparat, das man besser verträgt. So erspart man sich die Einnahme mehrerer Medikamente.