OstritzDer Blick von der Obstbaumwiese in Leuba bei Ostritz (Landkreis Görlitz) reicht weit über die Neiße ins Nachbarland Polen. An den Bäumen hängen Zettel mit klangvollen Namen wie Graue Herbstrenette, Pfirsichroter Sommerapfel oder Schöner von Wiltshire. Seit knapp 15 Jahren entsteht hier unter dem Dach der Oberlausitz-Stiftung eine der größten Sammlungen historischer Obstsorten in Deutschland. Gerade kam mit der Pflanzung des Edelborsdorfers Sachsens älteste Apfelsorte dazu.

Michael Schlitt stellt einen Korb bunter Äpfel auf die Wiese. „Die Gelbe Bellefleur ist unscheinbar, aber gut. Der purpurrote Cousinot ist ein richtiger Weihnachtsapfel“, schwärmt der Gründer der Oberlausitz-Stiftung. Über die Leidenschaft für alte Sorten kamen er, seine Frau und ein Freund 2006 auf die Idee, zuerst einmal die ursprünglichen Baumfrüchte aus der Oberlausitz an einem Standort zusammenzutragen. „Unser Interesse ist es, die alten Sorten für die Nachwelt zu erhalten. Biodiversität – die biologische Vielfalt – ist zudem auch ein Teil des Klimaschutzes“, sagt der 62-Jährige.

Auf sechs Streuobstwiesen mit rund neun Hektar sowie einer neu angepflanzten Baumallee wachsen rund um Ostritz nun alte Sorten von Apfel bis Quitte. Die Flächen hat die Stiftung unter anderem vom Kloster St. Marienthal sowie von Landwirten gepachtet. Als Grundlage ihrer Sammlung dient den Obstrettern das Wissen ihrer Vorfahren. Bereits „1840 hat der Verein zur Beförderung des Obstbaues in Zittau Empfehlungen herausgegeben für den Anbau geeigneter Obstsorten in der Oberlausitz“, sagt Schlitt. Mehr als 100 Apfelsorten finden sich in diesem Kompendium.

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Michael Schlitt, Gründer der Oberlausitz-Stiftung, trägt einen Korb voller reifer Äpfel seltener Sorten.

Jene knackigen Köstlichkeiten versammelt der Garten der verschwunden Früchte fast vollständig wieder, darunter auch die verloren geglaubte Birnensorte Grüne Hoyerswerder. „Weltberühmt“ nennt sie Schlitt. Die Früchte der Züchtung aus dem beginnenden 19. Jahrhundert beschrieb der Pomologe August Friedrich Adrian Diel 1805 als „butterhaft schmelzende geschmackvolle Birnen, die sich im Kauen geräuschlos in Saft auflösen“. Bereits 1845 wissen sogar die Amerikaner, was die Sugar of Hoyerswerda ist, irgendwann aber verschwindet die Frucht. Im Bundessortenamt in Wurzen fanden sich 2012 die drei letzten Bäume dieser Sorte.

Inzwischen hat die süße Birne in Ostritz eine stattliche Krone – und die Macher der Oberlausitz-Stiftung planen einen neuen Coup. Die Sammlung alter Oberlausitzer Sorten wie der Aufbau des „Pomorium Saxonicum“ – die Sammlung historischer sächsischer Obstsorten – ist so gut wie abgeschlossen. Nun wollen sie sich auf die Suche nach alten Haselnuss-Sorten machen. „Fünfzehn, die es in deutschen Baumschulen gibt, stehen davon schon hier. Im kommenden Jahr wollen wir europaweit die Fühler ausstrecken“, sagt Schlitt. Einst gab es in Deutschland wohl noch 30 weitere Haselnusssorten.

Der Plan ist insofern kein leichter, weil es bisher niemanden gibt, der solche Haselnusssorten sammelt, sagt der 62-Jährige. Die Herausforderung nehmen die Ostritzer gern an. Schließlich können die alten Sorten für Züchtungen der Zukunft spannend sein. Der Obstbauer greift nach einem Apfel. „Früher wurde die Äpfel nicht per se als Tafeläpfel verwendet. Stattdessen gab es welche für Saft, Destillate, zum Kochen, zum Musen oder zum Dörren – unterschiedliche Sorten bedienten unterschiedliche Zwecke“, sagt der Wahl-Oberlausitzer.

Warum alte Apfelsorten? Dieser Film der Stiftung zeigt’s.

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Bei der Ernte helfen der Stiftung Mädchen und Jungen aus umliegenden Schulen. Die alten Sorten sind Teil ihres Unterrichts, sogar in Mathematik mit Kalkulation und Kosten-Nutzen-Rechnung. „Diesen Teil unser Stiftungsarbeit – junge Menschen zu fördern, unternehmerisch tätig zu sein – wollen wir ausbauen“, sagt der Görlitzer, der mit seinen Mitstreitern im Erhalternetzwerk Obstsortenvielfalt deutschlandweit organisiert ist. Der Pomologen-Verein gründete die Initiative mit knapp 80 Sammlern, um den Sortenschwund aufzuhalten. Es wird geschätzt, dass es weltweit mehr als 30.000 Apfelsorten gibt.

Die Netzwerk-Datenbank listet laut Pomologen-Verein über 14.900 Apfel-, mehr als 4100 Birnen- und weit über 1000 Steinobstherkünfte auf, die mit ihrer Robustheit dem Klimawandel oder dem Auftreten neuer Krankheiten trotzen. Zudem untersuchen die Spezialisten bereits angepflanzte Sorten auf ihre Sortenechtheit – und sorgen dafür, dass Pomologen-Nachwuchs nachwächst. „So organisiert zum Beispiel die Landesstiftung für Natur und Umwelt mit der Oberlausitz-Stiftung Bestimmungskurse“, sagt Sachsens Landessprecherin Grit Striese.

Deutschlandweit würden sich ihrer Ansicht nach immer mehr junge Leute mit alten Sorten beschäftigen. Ziel des Erhalternetzwerks sei es zudem, alte Obstsorten dezentral an vier verschiedenen Standorten zu erhalten, sagt Striese. So wolle man verhindern, dass diese Sorten durch einen Schädlingsbefall oder einen stürmischen Herbst gleich wieder auf der Liste der verlorenen Naturschätze landen. In Ostritz stehen allein über 220 alte Apfel- und über 100 Birnensorten.