Ein Schlaganfall kann verschiedene Ursachen haben. Meist ist ein Gefäß verstopft, manchmal liegt eine Blutung vor.  
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BerlinEs ist der GAU im Gehirn. Alle 40 Minuten erleidet in Berlin ein Mensch einen Schlaganfall. Täglich trifft es im Durchschnitt 37 Patienten, 13.000 sind es pro Jahr. Meist ist ein Gefäß verstopft. Manchmal liegt eine Blutung vor. Das Gehirn bekommt zu wenig Sauerstoff. Wichtige Nervenzellen sterben ab. Es drohen schlimme Folgen.

Da gibt es nur eines: Sofort die 112 rufen. Oder Betroffene mit leichten oder schon wieder abgeklungenen Symptomen selbst in eine neurologische Klinik bringen. Doch seit Corona die Stadt in Schach hält, verzeichnet die Charité einen dramatischen Rückgang an Schlaganfall-Patienten.

„Im März haben unsere Rettungsstellen rund 25 Prozent weniger Patienten mit einem Hirnschlag aufgenommen als in den Vormonaten“, klagt Matthias Endres, Direktor der Klinik für Neurologie der Charité, die mit ihren drei Standorten in Steglitz, Wedding und Mitte allein rund 3000 Schlaganfall-Patienten pro Jahr versorgt. „Wir vermuten, dass meist Personen mit vorübergehenden oder leichten Symptomen jetzt lieber zu Hause bleiben.“

Vorübergehende Symptome sind Vorboten

Das bestätigt auch der stellvertretende Direktor Heinrich Audebert, der die neurologische Klinik des Charité-Campus Benjamin Franklin in Steglitz und eine der drei größten Berliner Stroke Units leitet: „Ein Schlaganfall tut in der Regel nicht weh. Bei etwa jedem vierten bis fünften Patienten vergehen die Symptome wieder. Da überlegen sich die Leute vielleicht, was gefährlicher ist. Das Risiko, einen weiteren, starken Schlaganfall zu erleiden oder sich im Krankenhaus mit Covid-19 anzustecken.“

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Quelle: Bertelsmann-Stiftung

Es sind die stillen Opfer der Corona-Krise. Denn selbst in leichten Fällen, in denen zum Beispiel einseitige Lähmungen, Sprech- oder Sehstörungen nur vorübergehend oder schwach auftreten, sind diese Krankheitszeichen lediglich Vorboten für einen bevorstehenden schweren Hirnschlag in den nächsten Tagen.


Jede Minute zählt

  • Typische Schlaganfall-Symptome: 1. Taubheitsgefühl, Lähmungen oder Schwächen auf einer Körperseite – etwa an Armen, Beinen oder im Gesicht 2. Störungen beim Sprechen, beim Verständigen, beim Lesen und Schlucken 3. Sehstörungen wie beispielsweise Doppelbilder oder verschwommenes Sehen 4. Schwindel mit Gangunsicherheit 5. Plötzliche Bewusstseinstrübung bis zur Bewusstlosigkeit 6. Übelkeit, Erbrechen, Verwirrtheit 7. Starke Kopfschmerzen
  • Dauer der Symptome: Die Symptome können ganz plötzlich auftreten und einige Minuten bis Stunden andauern und danach wieder abklingen. Beeinträchtigungen, die länger als 24 Stunden anhalten, bezeichnet man als vollendeten Schlaganfall.

„Das droht etwa jedem zehnten Patienten, wenn nicht rechtzeitig eine vernünftige vorbeugende Behandlung einsetzt“, so Endres. Dabei ist das Ansteckungsrisiko für Corona in der Klinik nicht höher als zu Hause oder im Alltag. „Unsere Schlaganfall-Stationen sind absolut Covid-negativ“, versichert Endres. „Wir achten extrem streng auf Hygiene. Alle Mitarbeiter tragen Mundschutz und desinfizieren sich laufend die Hände. Bis heute haben wir noch keinen einzigen Corona-positiven Schlaganfall-Patienten aufgenommen. Und falls jemand mit Fieber oder verdächtigen Erkältungssymptomen käme, wäre das auch kein Problem. Wir würden ihn dann in der Rettungsstelle sofort von den anderen Kranken trennen und den Schlaganfall auf der speziellen Covid-Station behandeln.“

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Die Sorge vor Corona-Ansteckung sind unbegründet

Der dramatische Patienten-Rückgang betrifft nicht nur die drei Charité-Standorte. „Bei aller Vorsicht aufgrund der bisher kurzen Beobachtungszeit scheint dies eine Tendenz in der ganzen Stadt zu sein“, berichtet Georg Hagemann, Chefarzt der Neurologie am Helios Klinikum Berlin-Buch. „Doch die Sorge, sich im Krankenhaus mit Corona anzustecken, ist wahrscheinlich unbegründet. Denn wir halten hier Vorsichtsmaßnahmen ein, die deutlich höherer Natur sind, als sie der Bevölkerung nahegelegt werden.“

Auch die Berliner Feuerwehr stellte in den vergangenen Wochen fest, dass Rettungswagen seltener gerufen werden. Besonders auffällig sei der Rückgang bei Herzinfarkt-Verdachtsfällen. Das Phänomen beunruhigt auch die Gesundheitssenatorin. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser seien zurzeit leer, sagte sie am vergangenen Montag im Gesundheitsausschuss.


Test für Augenzeugen

  •  Wenn jemand bei einem anderen diese Symptome bemerkt, hilft der einfache FAST-Test, um zu prüfen, ob der Betroffene einen Schlaganfall erlitten hat oder ein anderes gesundheitliches Problem hat.
  • Die Abkürzung FAST steht dabei für Face (Gesicht), Arm (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit).
  • 1. Face: Zunächst wird der Betroffene um ein Lächeln gebeten. Wenn sich das Gesicht einseitig verzieht, deutet das auf eine Gesichtslähmung hin.
  • 2. Arm: Dann bittet man die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer einseitigen Lähmung kann ein Arm das nicht mitvollziehen.
  • 3. Speech: Anschließend wird noch getestet, ob der Betroffene einen einfachen Satz nachsprechen kann. Gelingt dies nicht oder klingt der Satz undeutlich, ist das ebenfalls als Warnsignal zu werten. Wenn nur eine der drei Reaktionen auffällig ist, muss sofort der Notruf 112 gewählt werden.
  • 4. Time: Der Hinweis erinnert noch einmal daran, dass in einem solchen Fall jede Minute zählt.

Das mache ihr Sorgen. Es sei davon auszugehen, dass viele Patienten mit leichten Schlaganfällen oder auch Herzinfarkten aus Angst vor einer Infizierung mit dem Coronavirus zu Hause blieben. Das sei nicht nötig, sagte Kalayci. Trotz der Anweisung des Senats, Betten für Covid-19-Patienten frei zu machen, verfügen alle Berliner Schlaganfall-Stationen nach wie vor über genügend Betten zur Diagnose und Behandlung von Hirninfarkten.

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„Auch Patienten mit leichten oder schon wieder abgeklungenen Symptomen können wir immer noch auf der Stroke Unit aufnehmen und überwachen, denn bei ihnen liegt eine erhöhte Wiederholungswahrscheinlicheit vor. Durch rasche und intensive Untersuchungen stellen wir fest, was den Schlaganfall ausgelöst hat und behandeln die Ursachen. Damit können wir effektiv bleibenden Schäden vorbeugen.“

Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig. Sie funktionierten aber nur innerhalb der ersten viereinhalb bis spätestens sechs Stunden nach Auftreten des Schlaganfalls.