Im Müll lauert potenziell die Gefahr: die Afrikanische Schweinepest.
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SchöbendorfDie tödliche Gefahr ist nicht zu erkennen, aber sie kann überall sein auf diesem Parkplatz. Es ist ein klassischer Montagmorgen im Frühling an der Autobahn A2, Kilometer 21, kurz hinter der Abfahrt Brandenburg/Havel. Der Parkplatz namens Wendgräben bietet Platz für 40 große Lastwagen. Er ist rappelvoll. Die meisten von ihnen haben Kennzeichen aus Polen, aus Litauen, Russland oder der Ukraine.

Sie sind unterwegs nach Westen, doch wegen des Sonntagsfahrverbotes haben die Fahrer ihr Wochenende auf diesem zugigen Betonplatz mit dem WC-Häuschen verbracht. Sie haben in den Lastwagen geschlafen, haben auf Gaskochern ihr Essen bereitet, sich gelangweilt, stundenlang aufs Handy gestarrt und meist auch ihre Fahrerkabinen aufgeräumt – und sie haben viel Abfall hinterlassen. Wirklich sehr viel Abfall.

"Ebola für Schweine"

Am Montagmorgen sieht der Parkplatz Wendgräben aus wie ein Müllplatz. Bereits mitten auf der Auffahrt liegt ein Haufen Unrat, der schon völlig platt gefahren ist. Insgesamt stehen 30 große Müllbehälter bereit, brusthoch und leuchtgelb lackiert. „Weil wir wissen, was jedes Wochenende hier los ist, hängen wir freitags immer noch extra an jeden Behälter einen großen blauen Müllsack“, sagt Carsten Gericke, der an diesem Morgen mit zwei Kollegen den Parkplatz aufräumt. Die Müllmänner von der Autobahnmeisterei haben viel zu tun, denn rund um jeden gelben Behälter liegen beachtliche Abfallberge, die sie nun akribisch beseitigen.

Im Einsatz: Die Männer von der Autobahnmeisterei haben montags immer besonders viel zu tun.
Foto: Gerd Engelsmann

Denn genau in diesem Müll lauert potenziell die Gefahr: die Afrikanische Schweinepest, abgekürzt ASP. Dass die Tierkrankheit mit dem Zusatz „Pest“ versehen wurde, zeigt, dass sie auch von Experten sehr ernst genommen wird. Diese Krankheit ist zwar für Menschen ungefährlich, selbst wenn sie kontaminiertes Fleisch essen, aber für Haus- und Wildschweine ist die Krankheit tödlich. Um zu beschreiben, wie hoch die Ansteckungsgefahr ist, wird oft auch die Bezeichnung „Ebola für Schweine“ benutzt.

Brötchen an der Raststätte

Experten gehen davon aus, dass es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis die Krankheit auch Deutschland erreicht. Befürchtet wird, dass Fernfahrer oder Touristen aus Osteuropa an den vielen deutschen Autobahnen achtlos irgendwelche Essensreste wegwerfen, in denen sich Fleisch befindet, das mit dem Virus infiziert ist. In Osteuropa sind nicht durchgegarte Produkte von Wildschweinen sehr beliebt. In Salami oder in rohem Schinken überlebt die Krankheit einige Monate.

So besteht die Gefahr, dass sich ein heimisches Wildschwein an der Autobahn am Müll gütlich tut, dabei einen kontaminierten Wurstzipfel frisst, sich infiziert und später andere Wildschweine ansteckt.

Damit dies nicht passiert, ist Carsten Gericke an diesem Montag seit 6.30 Uhr mit seinen Kollegen unterwegs. Sie räumen allen Müll weg an ihrem Abschnitt der A2. Als der 55-Jährige den übervollen blauen Sack aus dem ersten Müllbehälter nimmt, schüttelt er den Kopf und sagt: „Das sieht wieder extrem aus. Nach den Wochenenden ist es immer besonders viel Müll.“

Undankbarer Job

Dann erzählt er, dass dies aber noch längst nicht der Höhepunkt ist, denn derzeit sind die Abfallhaufen nur kniehoch. „Im Sommer stapelt sich der Müll oft so hoch, dass die Tonnen darunter nicht mehr zu erkennen sind“, sagt der Mann, der mit seinen Kollegen nun eine volle Stunde benötigen wird, bis der Parkplatz wieder sauber ist. „Ein undankbarer Job“, sagt er. „In drei Stunden liegt wieder überall Dreck rum.“

Und jeder weggeworfene Salamizipfel, jedes angebissene Wurstbrötchen könnte den Super-GAU auslösen – das größte anzunehmende Unglück für einen der Pfeiler der deutschen Lebensmittelwirtschaft: für die Fleisch- und Wurstindustrie, besser gesagt, für die Schweinebranche. Denn Deutschland ist Schweineland: Mehr als 27 Millionen dieser Nutztiere werden hier gehalten – so viele wie nirgends sonst in der EU.

Im Ernstfall würden die Behörden große Sperrkreise um den Fundort des infizierten Schweines errichten und auch Notschlachtungen anordnen müssen – mit dramatischen wirtschaftlichen Folgen. Denn die meisten Staaten würde dann wohl darauf verzichten, deutsches Schweinefleisch zu importieren.

Erstmals 2007 in Georgien

Und weil das so ist, geht seit Jahren nicht nur in dieser Branche die Angst um. Die Schweinepest wurde 2007 per Schiff von Afrika nach Georgien eingeschleppt. Seither wandert sie durch Osteuropa und erreichte 2014 das Baltikum und Ostpolen.

In der Natur wird die Krankheit von Wildschwein zu Wildschwein übertragen und breitet sich nur langsam aus. Doch das Hauptproblem ist mal wieder der Mensch. Manchmal tritt die Krankheit schlagartig in einer Region auf, die Hunderte Kilometer entfernt ist vom nächsten betroffenen Gebiet. Für diese Sprünge sorgen meist Fernfahrer, die mit ihren Lastwagen von Russland, vom Baltikum und von Polen aus einmal quer durch Deutschland nach Westeuropa fahren und infizierte Lebensmittel als Proviant dabeihaben.

Autobahnen sind in Deutschland so etwas wie die Lebensadern, zwei Drittel aller Waren, die importiert werden, kommen über diese Straßen ins Land. Und in diesem dichten Netz ist die A2 so etwas wie die Strecke mit dem größten ASP-Risiko.

Die "Warschauer Allee"

Sie beginnt am Berliner Ring und endet 473 Kilometer später in Oberhausen im Ruhrgebiet. Es ist die wichtigste Ost-West-Transit-Route der Bundesrepublik, auf der jeden Tag viele Zehntausende Fahrzeuge unterwegs sind. Weil hier gefühlt etwa zwei Drittel der Lastwagen polnische Kennzeichen haben, wird die A2 von vielen auch „Warschauer Allee“ genannt.

Carsten Gericke geht in die Hocke und schiebt all den Müll, der unter einem der 30 knallgelben Kübel liegt, in einen neuen blauen Sack: eine leere Flasche Wyborowa, also Wodka aus Polen, leere Sprite-Flaschen, zerknüllte Taschentücher, platte Zigarettenschachteln, trockene Salamipelle, Tüten des russischen Lebensmittelhändlers Wikuswill mit vertrocknetem Brot und Essensresten aller Art, eine Suppendose und eine fast leere Packung „Parówki z Fileta z Kurczaka“ – polnische Würstchen mit Hähnchenfilet. Als der Sack voll ist, wirft Gericke ihn auf die Ladefläche des Transporters und geht zur nächsten gelben Tonne.

An jeder Autobahntoilette hängen solche Warntafeln.
Foto: Gerd Engelsmann

Das Auto von Tino Fiedler rollt auf den Parkplatz. Der Chef der Autobahnmeisterei Werder koordiniert die Arbeit von 34 Leuten – und nach jedem Wochenende ist deren Hauptaufgabe das große Aufräumen. An diesem Tag ist Fiedler unterwegs, um in seinem Revier mal wieder zu kontrollieren, ob noch alle Zäune in Ordnung sind und ob Mülltonnen ersetzt werden müssen. „Noch ist die Schweinepest nicht da“, sagt der 34-Jährige und streckt den Rücken. „Und wir sagen ganz stolz: Das liegt auch an uns.“

Den Rest erledigt der Wind

Doch Fiedler weiß, dass der Kampf nicht leichter wird. Denn die Unvernunft scheint grenzenlos. Zwar stehen an jeder Parkplatzauffahrt und jeder Autobahntoilette große Warnschilder, die in Deutsch, Polnisch, Russisch, Englisch, Französisch und Polnisch über die Tierseuche aufklären und auffordern: „Bitte werfen Sie Speisereste nur in verschlossene Müllbehälter.“ Doch die Abfallberge zeugen von Ignoranz.

Und es sind nicht nur die Truckfahrer, die für Ärger sorgen – sondern auch Tiere. So reißen Krähen liebend gern die zusätzlichen Müllsäcke an den Tonnen auf und suchen darin nach Leckereien. Den Rest erledigt dann der Wind. Überall auf den Wiesen des Parkplatzes liegt Unrat. Tino Fiedler erzählt, dass wegen der Schweinepest beim wöchentlichen Großputz immer extra ein dritter Mann dabei ist, der alle Wiesen absucht.

Die Angst vor ASP ist groß, denn die Schäden sind enorm. Das zeigt sich in den bereits betroffenen Ländern. Die russische Regierung meldete zu Jahresbeginn, dass seit dem Ausbruch der Seuche im Jahr 2007 etwa acht Millionen Schweine getötet wurden – Einbußen: umgerechnet 507 Millionen Euro. Auch in Japan wurde im April erstmals der Virus in importierten Fleischprodukten aus China nachgewiesen. Nach Angaben der chinesischen Behörden starben seit dem ersten Ausbruch im August 2018 landesweit fast eine Millionen Schweine oder wurden gekeult.

Autobahn als Hochsicherheitszone

Für Laien könnte der Aufwand, den die Männer in Orange an der A2 betreiben, fast etwas übertrieben wirken, denn eigentlich sind deutsche Autobahnen eine geschlossene Hochsicherheitszone: Die 13.000 Autobahnkilometer sind links und rechts mit Zäunen gesichert. Damit sollen Autofahrer eigentlich vor Wildwechseln geschützt werden. Es ist von Vorteil, dass auch die Parkplätze eingezäunt sind, denn so kommt doch gar kein Schwein rein, oder?

Tino Fiedler läuft den Zaun des Parkplatzes Wendgräben ab. Hinter dem Toilettenhäuschen ist das Drahtgeflecht bis zum Boden niedergedrückt. „Wir wissen nicht, was die Leute hier machen. Vielleicht kommen von dort irgendwelche Mitfahrer oder so“, sagt Fiedler und schüttelt den Kopf, denn hinter dem Zaun gibt es gar keinen Weg, nur dichtes Gebüsch – sehr schlecht für Menschen, kein Problem für Wildschweine.

„Der Zaun muss also mal wieder repariert werden“, sagt er. „Mit solchen Arbeiten sind allein bei unserer Autobahnmeisterei zwei Leute acht Stunden pro Woche beschäftigt.“ Als Fiedler wieder zu den Männern in Orange kommt, wirft einer gerade einen Sack auf die Ladefläche. Er ruft: „Achtung, Deckung! Das Zeug in dem Sack ist schon etwas suppig. Kann auslaufen.“

Noch mehr Müll am "Hauptbahnhof"

Allein auf dem Parkplatz Wendgräben fallen an diesem Montag 1,5 Tonnen Müll an, im Hochsommer ist es noch eine Tonne mehr. Und das ist eher ein kleiner Parkplatz.

Noch viel mehr Betrieb ist am benachbarten Parkplatz, dort, wo sich die Autobahn aus Polen aufspaltet in die A2 nach Hannover und die A9 nach München.

Der Parkplatz wird in Fachkreisen „Hauptbahnhof“ genannt, weil dort jeden Tag ungezählte Kleinbusse voller Osteuropäer ankommen, die dann in andere Kleintransporter umsteigen, um sich an ihre Arbeitsplätze irgendwo im Westen fahren zu lassen. Am „Hauptbahnhof“ liegt viel mehr Müll als hier.

Und diese beiden Orte sind nur zwei von bundesweit 1470 unbewirtschafteten Rastplätzen. Dazu kommen noch 448 bewirtschaftete Rastanlagen. Im Bundesverkehrsministerium heißt es: „Pro Jahr werden im Netz der Bundesfernstraßen schätzungsweise rund 17.000 Tonnen widerrechtlich weggeworfener Müll beseitigt.“

Post für die Spargelstecher

Und selbst wenn die Putztruppen an den Autobahnen weiter vorbildlich rackern: Es gibt Zehntausende Touristen, die aus Osteuropa kommen, dazu Hunderte Deutsche, die jedes Jahr zur Jagd nach Polen oder Russland fahren. Und allein nach Brandenburg kommen jedes Jahr etwa 6000 Saisonarbeiter aus Osteuropa, um Spargel zu stechen und Erdbeeren zu ernten. Wegen ihnen verschickte der Brandenburger Landestierarzt nun Post an mehr als 300 Gärtnereien und Spargelhöfe im Land – mit Aufklärungsmaterial.

Wenn es um den Weg der Schweinepest von Ost nach West geht, wählen selbst seriöse Blätter wie Die Zeit dramatische Vergleiche zum Kalten Krieg und zum einst befürchteten Angriff durch die Sowjetunion. Dann heißt es: „Wie im Szenario von damals rückt der Feind von Osten her vor, er hat die Ukraine überrannt, Weißrussland, Rumänien, Polen, das Baltikum. Nun steht er an den Grenzen zu Deutschland.“

Die Hauptgefahr kommt aus Westen

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wer in diesem Jargon bleiben will, müsste sagen: Deutschland ist fast umzingelt. Denn die Krankheit vollzieht große Sprünge, für die der Mensch verantwortlich ist. Wohl wieder durch Lastwagenfahrer schaffte die Krankheit 2017 den Sprung nach Tschechien, konnte dort aber gestoppt werden. Vorerst.

Derzeit kommt die größte Gefahr aus dem Westen: aus Belgien. Dort wurde die Krankheit im vergangenen September bei einem Wildschwein nachgewiesen. Der Virus klebte wohl an der Kleidung von Soldaten, die im Baltikum im Einsatz waren und die die Keime dann nach Belgien mitbrachten.

Dies gilt als weitere Hauptgefahr: Wenn Jäger, Bauern oder Soldaten – aber auch ihre Ausrüstung, Kleidung oder Fahrzeuge – in Kontakt mit infizierten Tieren kommen, mit dem Blut oder anderen Körpersekreten, könnte die Krankheit auch ungewollt in die Ställe zu den Hausschweinen gelangen.

Da Belgien die Schweinepest nicht in den Griff bekommt, steht der „Feind“ nun dreißig Kilometer vor der deutschen Westgrenze. Und auch in der Praxis wird zu Ideen aus dem Kalten Krieg gegriffen: Dänemark will sicherheitshalber einen Zaun an der Grenze zu Deutschland bauen – einen Eisernen Vorhang gegen Schweine.

Auf Suche im Wald

Die Landschaft rings um das Dörfchen Schöbendorf in Südbrandenburg schmückt sich geradezu mit frischen und satten Frühlingsfarben. Überall keimt und sprießt es, überall grünt es kräftig. Da wirkt es schon seltsam, dass die Pflanzen auf dem kleinen Feld gleich hinter dem Ort schon im Frühjahr aussehen wie völlig verdörrter Mais. Bei diesen staubbraunen Pflanzen handelt sich um Miscanthus, der auch Riesen-Chinaschilf genannt wird und eine Energiepflanze ist.

Allein auf diesem einen Parkplatz kommen montags 1,5 Tonnen Müll zusammen.
Foto: Gerd Engelsmann

Dirk-Henner Wellershoff stoppt seinen Geländewagen direkt neben dem Feld. Wellershoff ist Landwirt, der kurz vor dem Spreewald auf 100 Hektar schnell wachsende Pflanzen anbaut, die zu Hackschnitzeln für Holzheizungen verarbeitet werden – vorbildlich nachwachsende Rohstoffe also.

„Ich bin überzeugter Naturschützer“, sagt der 53-Jährige. „Bei uns ist alles rein biologisch. Kein chemischer Pflanzenschutz, kein künstlicher Dünger.“ Wellershoff ist außerdem ein leidenschaftlicher Jäger, der in seiner Freizeit ehrenamtlich als Präsident des Brandenburger Jagdverbandes aktiv ist.

Notfallpläne liegen bereit

An diesem Vormittag gönnt er seinen drei Hunden mal wieder einen schönen Auslauf im tiefen Wald. Für sie ist dies ein schönes Kürprogramm, für ihn auch eine Pflicht, ein Kontrollgang. Wellershoff öffnet den Kofferraum eines Geländewagens, und Kessi, Flips und Treff rennen davon. „Wenn da irgendwo im Wald ein totes Wildschwein liegt, dann geben die Hunde Standlaut“, sagt er. „Dann stellen die sich hin und bellen.“

Und dann würde ein Ernstfallszenario in Gang gesetzt. Um den Fundort des infizierten Wildschweins wird im Radius von drei Kilometern ein Zaun gezogen, damit kein Tier aus diesem Kerngebiet raus kann oder rein. In dieser Zone erlegen die Jäger dann alle Wildschweine. Hausschweine werden nur getötet, wenn im Stall ASP festgestellt wird. Um die Kernzone ist das „Gefährdete Gebiet“ mit einem Radius von 15 Kilometer, ringsum dann noch eine 15-Kilometer-„Pufferzone“. In beiden Gebieten sollen die Wildschweine massiv bejagt werden.

Ist ein Stall mit Hausschweinen betroffen, werden alle Schweine getötet und verbrannt, es gibt dann großflächige Schutzzonen, kein Tier darf mehr rein oder raus. Notfallpläne dafür liegen bereit. In allen Bundesländern wurden extra Krisenstäbe zusammengestellt.

Vorschlag: Alle Wildschweine erlegen

Das klingt alles logisch, aber niemand mag sich so recht ausmalen, was sein wird, wenn das tote Schwein nicht in der dünn besiedelten Uckermark entdeckt wird, sondern in einem Berliner Vorort oder in der Nähe des Flughafens Schönefeld oder in der Nähe der Beelitzer Spargelhöfe mit ihren Tausenden Besuchern an jedem Wochenende.

Als im vergangenen Jahr zum ersten Mal in Deutschland etwas größer über die Gefahren der Schweinepest berichtete wurde, kamen ein paar Schreibtischdenker auf eine sehr simple Lösung: Um den drohenden wirtschaftlichen Super-GAU abzuwenden, sollen die Jäger doch einfach alle Wildschweine in Deutschland erschießen – Schweine tot, Problem gelöst.

Wellershoff schüttelt den Kopf. Die Realität sieht nun mal anders aus. Am 1. April hat die Jagdsaison begonnen. Derzeit leben schätzungsweise 30000 Wildschweine in Brandenburg, die Hälfte von ihnen sind Weibchen, jedes von ihnen bekommt im Schnitt fünf Junge. Das macht 75000 Jungtiere, die den Gesamtbestand auf 105000 erhöhen. Davon schießen die Jäger bis zum Ende der Saison üblicherweise etwa 80000 Tiere, so dass etwa 25000 übrigbleiben.

Nur eine Frage der Zeit

Dirk-Henner Wellershoff erzählt, dass er selbst pro Saison etwa 30 bis 40 Schweine erlegt und dass die Jäger seit Jahren versuchen, so viele wie möglich zu schießen. „Wir tun wirklich alles“, sagt er. „Aber es ist völlig unrealistisch, alle Wildschweine zu erlegen.“ Selbst in Berliner Vororten ziehen sie recht ungerührt durch die Straßen.

Wellershoff ist ein großer, stämmiger Mann, der in sich ruht und nicht mal seine tiefe Stimme hebt, wenn er triumphieren könnte. „Die Schweinepest zeigt mal wieder, wie wichtig es ist, dass es uns Jäger gibt“, sagt er ganz gelassen und sucht auf dem staubigen Ackerboden weiter nach Spuren von Wildschweinen. „Wir würden uns wünschen, dass unser ehrenamtliches Engagement anerkannt wird und dass unser Rat im Vorfeld des Ernstfalles gehört und ernst genommen wird.“

Dann kniet er nieder, zeigt ein paar Vertiefungen im Boden. „Die Spuren eines Wildschweins“, sagt er. Die Spur ist ganz klar zu erkennen und verliert sich irgendwo im Wald. Wellershoff steht auf und schaut der Spur nach. Seine Hunde sind dort hinten im Wald. Wellershoff pfeift und ruft sie zu sich. Die drei kommen freudig und halbwegs abgekämpft angerannt. Sie springen in den Kofferraum des Geländewagens.

Wellershoff hat an diesem Tag kein verendetes Wildschwein gefunden, auch Kessi, Flips und Treff nicht. „Kein totes Schwein“, sagt Wellershoff und steigt in seinen Wagen. „Zum Glück. Aber leider ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es irgendwo passiert.“