BerlinUnruhe, Freude, Angst oder Gelassenheit – was eine Frau während ihrer Schwangerschaft erlebt, bekommt auch ihr ungeborenes Baby mit. Welche Folgen das hat, untersucht Sonja Entringer, Professorin für Medizinische Psychologie an der Berliner Charité. Seit vielen Jahren forscht sie auf dem Gebiet der fetalen Programmierung von Krankheit und Gesundheit. Jetzt konnte sie erstmals zeigen: Das Wohlbefinden werdender Mütter hat Einfluss auf die sogenannten Telomere der Kinder – und damit auf die Zellalterung.

Berliner Zeitung: Frau Professor Entringer, was weiß man darüber, wie sich Stress während der Schwangerschaft auf das Ungeborene auswirkt?

Sonja Entringer: Bereits im Mutterleib werden die Weichen für die körperliche und psychische Gesundheit des Kindes gestellt. In diesem Zusammenhang konnten wir belegen, dass auch Stress während der Schwangerschaft einen Einfluss auf den Fötus haben kann. Geht es werdenden Müttern psychisch schlecht, haben ihre Kinder im späteren Leben ein höheres Risiko für körperliche und psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, kognitive Beeinträchtigungen oder Depressionen und Angststörungen.

Von welchem Stresslevel sprechen wir? Ab wann ist Stress schädlich?

Das lässt sich nicht allgemein beantworten, sondern kommt ganz individuell auf die jeweilige Frau an. Jeder Mensch geht anders mit Stress um. In unseren Studien hatten wir es zum Teil mit Frauen zu tun, die während ihrer Schwangerschaft mit extrem belastenden Erlebnissen wie dem Tod eines nahestehenden Menschen umgehen mussten. Es können aber auch viele kleine Stressoren im Alltag zusammenkommen, die das Fass zum Überlaufen bringen. Entscheidend ist immer, wie die Frau biologisch auf Stressfaktoren reagiert, denn das ist letztendlich das, was der Fötus mitbekommt.

Foto: Charité
Zur Person

Sonja Entringer, 42, ist seit 2013 Professorin für Medizinische Psychologie an der Charité Universitätsmedizin in Berlin. Außerdem forscht und lehrt sie an der University of California in Irvine, wo sie nach dem Studium der Psychologie und der Promotion an der Universität Trier als Postdoc tätig war. Geboren wurde Sonja Entringer im saarländischen Lebach.

Was passiert im Körper einer Schwangeren, wenn sie gestresst ist?

Es wird zum Beispiel das Hormon Cortisol ausgeschüttet. Durch die Plazenta wird es zwar zu 80 Prozent inaktiviert, ein Teil kann aber immer noch über die Plazenta und Nabelschnur zum Fötus gelangen. Zudem beeinflussen Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin die Durchblutung der Plazenta. Dadurch kann sich die Nahrungs-und Sauerstoffzufuhr kurzfristig verändern, was beim Ungeborenen zu einem biologischen Stress führt, der auf Dauer toxisch wirken kann.

Was hat das für Folgen?

Kinder, bei deren Müttern wir erhöhte Cortisol-Spiegel während der Schwangerschaft gemessen haben, zeigten Veränderungen in Gehirnstrukturen, die wichtig sind für die Entstehung und Verarbeitung von Emotionen, wodurch Angststörungen und Depression im späteren Leben begünstigt werden können. Wir konnten jetzt auch erstmals zeigen, dass der psychische Zustand der Mutter während der Schwangerschaft Einfluss auf molekulare Strukturen in den Zellen der Nachkommen hat – die Telomere. Unsere neueste Studie kommt zu dem Ergebnis: Je besser es den werdenden Müttern in der Schwangerschaft ging, desto länger waren die Telomere in den Zellen ihrer Kinder.

Was sind diese Telomere genau?

Das sind zelluläre Strukturen an den Enden unserer Chromosomen, die unser genetisches Material während der Zellteilung schützen. Im Laufe des Lebens verkürzen sie sich mit jeder Zellteilung ein wenig mehr. Deshalb kann man an ihrer Länge auch den Zustand der Zellalterung ablesen. Je länger die Telomere zum Beispiel von Immunzellen sind, desto widerstandfähiger sind unsere Zellen auch gegen schädigende Einflüsse – zum Beispiel Krankheitserreger.

Und die Länge der Telomere wird im Mutterleib festgelegt?

Die Länge wird zum einen durch die Gene bestimmt. Zum anderen lässt sie sich während der Schwangerschaft durch Umwelteinflüsse noch verändern. In unserer neuen Studie mit 650 Mutter-Kind-Paaren haben wir uns erstmals auch angesehen, wie sich positive Faktoren, nämlich die psychische Resilienz der Mutter, auf sie auswirken. Bei Kindern, die bei der Geburt längere Telomere haben, wird der Zustand der kritischen Verkürzung der Telomere erst später erreicht, sodass sie im späteren Leben besser gegen altersbedingte Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder auch Depressionen gewappnet sind. Das zeigt, wie wichtig das psychische Wohlergehen von Schwangeren für die Gesundheit der nächsten Generation ist.

Das Interessante an Ihrer Studie war, dass die Schwangeren durchaus Stress ausgesetzt waren, sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen ließen. Sie waren psychisch widerstandfähiger gegen Stress. Was haben diese Frauen anders gemacht als andere?

Zum einen fühlten sie sich durch Familie, Freunde oder Kollegen eher unterstützt. Das soziale Umfeld spielt also eine große Rolle. Sie waren auch generell positiv gegenüber ihrer Schwangerschaft eingestellt, freuten sich auf ihr Kind. Zum anderen gaben sie an, dass sie über den Tag verteilt immer wieder an etwas Schönes dachten, sich in ihrem Alltag regelmäßig über etwas freuten. Und sie gönnten sich eher Ruhepausen. Wie jemand mit Stress umgeht, hängt auch viel mit der eigenen Lebensgeschichte zusammen – wie sehr man zum Beispiel in der eigenen Kindheit mit belastenden Lebenssituationen konfrontiert war. Und es kommt darauf an, wie man stressige Situationen bewertet. Man kann sie als positive Herausforderung oder Bedrohung sehen. Man kann denken, dass man sie bewältigen kann oder nicht.

In letzter Zeit wurde viel über den Begriff „Mental Load“ diskutiert, die Anspannung, die entsteht, wenn Frauen an all das denken müssen, was mit der Organisation von Familie, Beruf und Haushalt zusammenhängt. Ist das auch ein relevanter Faktor, wenn es um Stress in der Schwangerschaft geht?

Auf alle Fälle. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist etwas, das viele Frauen, die wir untersuchen, sehr beschäftigt. Wir wissen aus der Forschung, dass vor allem zwei Faktoren Stress auslösen: Unkontrollierbarkeit und Unvorhersehbarkeit von Ereignissen. Je ausgeprägter diese beiden Aspekte sind, desto stressiger wird es. Es ist deshalb empfehlenswert, die Zeit während der Schwangerschaft und danach gut zu planen. Hier ist es auch wichtig, die Väter noch mehr in die Verantwortung zu nehmen, indem sie zum Beispiel länger Elternzeit machen.

Wir alle erleben Stress im Alltag. Woran kann eine Schwangere merken, dass der Stress zu viel wird und ihr Baby schädigen könnte?

Wenn Stress zu körperlichen Symptomen führt, ist das auf jeden Fall ein eindeutiges Warnsignal. Das kann sein, dass die Herzrate ansteigt oder der Blutdruck zu hoch ist. Es können auch psychosomatische Symptome wie Kopf- oder Rückenschmerzen auftreten. Wenn es in Richtung Depressionen geht, die Frau sich zum Beispiel ständig überfordert, traurig oder hilflos fühlt, sollte sie sich so schnell wie möglich an einen Psychologen oder Psychiater wenden. Und natürlich sind jegliche Anzeichen auf frühzeitige Wehen ein Grund, sofort ärztliche Hilfe zu aufzusuchen.

Was kann man als Schwangere gezielt tun, um eine positive Einstellung zu stärken und so Stress vorzubeugen?

Man sollte versuchen, es sich immer wieder ein bisschen gut gehen zu lassen. Und wenn man merkt, dass man das nicht alleine schafft, sollte man sich Hilfe suchen. Es gibt mittlerweile viele Anlaufstellen, wo schwangere Frauen Unterstützung bekommen – zum Beispiel das Netzwerk „Frühe Hilfen“. Hier wird geschaut, was die jeweilige Frau braucht. Das kann finanzielle Unterstützung sein oder Hilfe bei der Betreuung bereits vorhandener Kinder. Soziale Netzwerke, auf die man in Notsituationen zurückfallen kann, sind überaus wichtig.

Wie ernst wird das Thema Stress in den Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt genommen?

Es ist leider noch nicht überall angekommen. In den USA ist es zum Teil schon Routine, dass Schwangere einen kurzen Stress- und Depressions-Fragebogen ausfüllen, wenn sie sich das erste Mal in einer Klinik vorstellen. Wir setzen uns dafür ein, dass dies auch hier Teil der Routine-Diagnostik in der Schwangerschaft wird. Indem wir werdende Mütter, die einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, frühzeitig unterstützen, tun wir sehr viel für die Gesundheit der Gesellschaft insgesamt. Man kann Stress aus unserer Gesellschaft nicht verbannen, er ist Teil unseres Lebens, aber man kann Frauen helfen, besser mit ihm umzugehen oder ihre Lebenssituation so zu verändern, dass er weniger wird.

Das Gespräch führte Alice Ahlers.