Berlin - Die meisten Leute nervt es, nicht mehr wie früher unter Menschen zu können. Keine Abwechslung zu haben, dafür aber Angst vor einer Ansteckung mit Corona oder vor Arbeitslosigkeit. Die Pandemie hat das Land fest im Griff. Doch da steht sie – die mutmaßliche Hilfe –, still und einladend: die Flasche Bier, der Wein, der Schnaps.

Die verschiedenen Sucht-Selbsthilfeorganisationen, die mit Tausenden Gruppen über das Land verteilt sind, beobachten derzeit, dass der Missbrauch von Alkohol nun noch stärker um sich greift als im ersten Lockdown 2020: Ein alltägliches Problem, das meist recht unbemerkt in der Wohnung passiert und schwer zu stoppen ist. Denn die Treffen bei den Anonymen Alkoholikern, den Guttempler, beim Blauen Kreuz oder dem Kreuzbund dürfen kaum noch stattfinden, Treffen, bei denen die Abhängigen sich sonst gegenseitig unterstützen.

Entweder sind die nutzbaren Räumlichkeiten in Seniorenfreizeitstätten oder Kirchengemeinden geschlossen oder die Teilnehmer wagen sich aus Angst vor der Ansteckung nicht mehr dorthin. Doch das Problem betrifft auch Leute, die bislang noch nicht nach Hilfe gesucht haben.

Helmut, der am zentralen Kontakt-Telefon der Anonymen Alkoholiker Dienst hat, erzählt von Anrufern, die im Homeoffice bereits um 10 Uhr vormittags eine Flasche Wein entkorken und die fürchten, in die Alkoholabhängigkeit abzugleiten. Davon sind laut Gesundheitsministerium ohnehin 1,6 Millionen Deutsche im Alter von 18 bis 64 Jahren betroffen. Detlef Parnemann erzählt aus einer Berliner Gruppe des Blauen Kreuzes, dass es zwei Rückfälle gab. In einem Fall, weil im Zuge der Pandemie eine Fortbildung wegfiel, weil die Person die Langeweile und die berufliche Perspektivlosigkeit nicht mehr aushielt und in Depressionen verfiel.

Sabine Daubitz, die ehrenamtlich eine Gruppe der Guttempler in Berlin leitet, kann Ähnliches berichten: „Die Isolation ist nicht nur für Menschen mit Abhängigkeitserfahrung bedrohlich, sondern auch für diejenigen, die nur ab und an gern mal etwas trinken.“ Der ständige Aufenthalt zu Hause bringe das gewohnte Zeitmanagement durcheinander.

Mit dem Trinken versuchten die Menschen, sich „in einen anderen Zustand zu versetzen“, wenn beispielsweise Chefs von außen Druck machen, der Angst erzeugt, oder weil das Kind Aufmerksamkeit beim Spielen oder Lernen verlange. Das belaste besonders alleinerziehende Frauen. „Es melden sich Menschen, die bislang kein Alkoholproblem hatten, uns aber sagen, sie würden mehr trinken und könnten das nicht abstellen.“ Gerade Frauen seien über sich selber erschrocken.

Der Tag wird durch Alkohol scheinbar kürzer

Sabine Daubitz, selbst abhängig und seit 17 Jahren trocken, bestätigt die Aussage von Helmut von den Anonymen Alkoholikern, dass derzeit oft viel früher am Tag getrunken werde und nicht erst am Abend: „Der Tag wird dadurch in der Wahrnehmung kürzer.“

Bei den Guttemplern ist Barbara Hansen Suchtreferentin. Sie berichtet, dass beim bundesweiten, rund um die Uhr erreichbaren Nottelefon Sucht, das seit April 2020 geschaltet ist, bis Dezember mehr als 2300 Anrufe eingingen. Zu 53 Prozent waren es Frauen, die um Ratschläge und Hilfe baten. Im Januar sei die Zahl der Hilferufe deutlich gestiegen.

Bei 76 Prozent der Anrufe ging es um Alkohol, bei 24 Prozent um illegale Drogen, bei 12 Prozent um Medikamentenmissbrauch und bei sechs Prozent um „nicht stoffgebundene Süchte“ wie Videospiele oder Pornografie. Mehrfachnennungen gab es häufig, sodass mehr als hundert Prozent zusammenkommen. Ein knappes Drittel der Anrufe kam von den Angehörigen der suchtgefährdeten Menschen.

Bei den wie bei allen Organisationen anonymen Gesprächen wurde von den Anrufern nicht nur über Sucht, sondern auch über häusliche Gewalt und schwere Depressionen berichtet. Die Zahl der älteren und alleinstehenden Anrufer wachse.

Hansen weiß von der Erkenntnis aller Selbsthilfeorganisationen, dass es vermehrt Rückfälle gibt und dass beispielsweise mehr Leute nun zum Schnaps statt zum Bier greifen.

Kein Auffangnetz für Schwerabhängige mehr

Eine gesonderte Problematik sind die Schwerabhängigen, die eine oft harte Entgiftung im Krankenhaus hinter sich haben und jetzt nicht mehr im Netzwerk der Selbsthilfe aufgefangen werden können. Es lebt von der Begegnung in den Gruppen, in denen abstinent lebende Abhängige ihre Erfahrungen weitergeben. Sabine Daubitz: „Sie kommen aus der Klinik und dann stehen sie wieder mit den Kumpels an der Tankstelle …“

Sie rät denjenigen, die sich auf dem Weg in die Abhängigkeit sehen, grundsätzlich zu Ablenkungsversuchen: spazieren gehen, Gymnastik treiben, mit der Familie spielen.

Das wird allerdings oft nicht reichen, und hier sollen Telefon und Computer helfen, weil die Selbsthilfe mit Gruppentreffen, Besuchen oder Begleitung ins Krankenhaus wegen Corona nicht möglich erscheint. Grundsätzlich besteht offenbar Bereitschaft in den Gruppen, sich um andere Mitglieder zu kümmern, zeigt eine Umfrage des Kreuzbunds in seinen Gruppen: Man sorgt sich umeinander.

Die Organisationen bieten über Telefonate auch Chats und größere Telefonrunden an, um sich auszutauschen und Kraft zu tanken. Barbara Hansen sagt: „Gespräche sind ein essenzieller Teil aktiver Rückfallprävention.“

Für Süchtige und Angehörige aus dem gesamten Bundesgebiet haben die Guttempler noch ein digitales Angebot aufgelegt, die SoberGuides. Über das Internet können sich die Hilfesuchenden, einen solchen ehrenamtlichen Unterstützer aussuchen, ihn per Mail, Telefon, Videogespräch oder persönlich treffen.

Wo es Hilfe gibt

Anonyme Alkoholiker: Zentrale 08731/325 73 12, Berlin 030/19295, erste-hilfekontakt@anonyme-alkoholiker.de. www.anonyme-alkoholiker.de

Guttempler: Nottelefon Sucht 0180/365 24 07. Kontakt zu ehrenamtlichen Unterstützern: www.soberguides.de

Blaues Kreuz: Berlin 030/69 27 43-0, berlin-brb@blaues-kreuz.de, www.blaues-kreuz.de

Kreuzbund: www.kreuzbund.de mit Links zu Online-Beratung, Chats und Beratungsstellen

Drogennotdienst Berlin: 030/19237, www.landesstelle-berlin.de
www.berlin-suchtpraevention.de/online-beratung/

Von der Landessuchtbeauftragten Berlins wird empfohlen, sich an die ständig bereitstehende Hotline des Drogennotdienst zu wenden. Christine Köhler-Azara verweist darüber hinaus auf die Bemühungen, Selbsthilfegruppen mit Hygiene-Hinweisen zu helfen, um doch Treffen veranstalten oder einen Telefonkontakt aufrechterhalten zu können.

Daniela Ludwig, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, fordert die Bürger auf, einzugreifen, wenn sie im Kreis der Familie, der Bekannten oder der Nachbarn von Problemen nicht nur mit Alkohol erfahren: „Helfen Sie durch Anrufe, weisen Sie auf digitale und telefonische Hilfsangebote hin – lassen Sie suchtkranke Menschen und insbesondere deren Kinder nicht allein!“