Wann wird beim Alkoholgenuss ein kritischer Punkt überschritten? Mit einem Online-Selbsthilfe-Test können Ratsuchende seit gut einem Jahr selbst ihr Verhältnis zum Alkohol testen. Wird die Gesundheit geschädigt oder existiert bereits eine Abhängigkeit?

Mehr als 41.000 Besucher haben seit Freischaltung im Oktober vergangenen Jahres die Homepage besucht. Es sind vor allem diejenigen, die sich nicht schlüssig sind, ob sie möglicherweise zu viel und zu häufig trinken.

Spezielle Klinik für Suchtpatienten

„Damit erreichen wir Menschen, die Hilfe brauchen, aber bislang keinen Zugang zum Suchthilfesystem gefunden haben, sich vielleicht davor scheuen“, sagt Johannes Lindenmeyer, Direktor der Salus-Klinik Lindow (Ostprignitz-Ruppin). Dort wurde das Programm entwickelt. Die Klinik ist auf die Behandlung von Alkoholkranken spezialisiert. Jährlich werden hier etwa 1000 Suchtpatienten behandelt, durchschnittlich zwölf Wochen lang.

In Brandenburg gibt es nach Angaben von Antje Hardeling, Geschäftsführerin der Landesstelle für Suchtfragen, 40.000 Alkoholabhängige. Nur 10 bis 15 Prozent unterziehen sich einer Therapie. In den ambulanten Suchtberatungsstellen werden jährlich 4000 Menschen wegen ihrer Alkoholprobleme behandelt. Auf drei Männer kommt eine Frau.

„In dem Onlineprogramm können Betroffene zunächst in einem kurzen Selbsttest ihr Verhältnis zu Alkohol ganz objektiv untersuchen“, sagt Lindenmeyer. Wie oft und bei welchen Gelegenheiten zum Glas gegriffen wird, wird gefragt. Im Anschluss kann jeder entscheiden, ob er vielleicht weniger trinken will oder möglicherweise den Alkoholkonsum reduzieren oder sogar abstinent leben will.

Scham, um Hilfe zu bitten ist groß

Bislang gebe es wenige Angebote für Menschen mit Alkoholproblemen, erklärt Lindenmeyer die große Resonanz des kostenlosen Programms. „Die Scham ist einfach zu groß, sagen zu müssen, dass man Hilfe benötige“, sagt der Psychologe. Niemand wolle sich als alkoholkrank outen. Anonym am Computer gehe das einfacher.
Bislang unterzogen sich mehr als 6000 Nutzer im Internet dem Selbsttest. In 82 Prozent lautete das Ergebnis: das Trinkverhalten sollte unbedingt verändert werden. Es sei nicht akzeptabel, wenn ein Lkw-Fahrer mittags Bier trinke oder der Lehrer nicht vom Wein tagsüber lassen könne, sagt Lindenmeyer.

Sechswöchiges Behandlungsprogramm

„Im nächsten Schritt geht es darum, ein persönliches Änderungsziel bezüglich des künftigen Umgangs mit Alkohol festzulegen“, sagt er. Kleine Aufgaben müssen erledigt und in einem Tagebuch erfasst werden, wann nach einem Glas verlangt wird. Es sei erstaunlich, dass viele Menschen das sechswöchige Programm durchhielten und sich nicht einfach verabschiedeten, sagt er. Manche Nutzer suchten sogar mehrmals am Tag die Seite auf. In einem Forum gebe es einen anonymen Austausch der Teilnehmer und Antworten bei Problemen durch Mitarbeiter der Klinik.

„Teilnehmer sind in der Regel ehrlich und geben keine geschönten Antworten“, sagt Lindenmeyer. Für bereits Abhängige reiche das Programm jedoch nicht aus, da müsse andere Hilfe in Anspruch genommen werden. Empfohlen werden dann Beratungsstellen.

9,5 Millionen Menschen haben ein riskantes Alkohol-Verhältnis

Statistisch haben bundesweit etwa 9,5 Millionen Menschen ein riskantes Verhältnis zum Alkohol, 1,8 Millionen gelten als abhängig. Als riskant gilt, wenn Menschen häufiger als fünf Mal in der Woche zu Alkohol greifen oder Frauen mehr als ein Glas beziehungsweise Männer mehr als zwei Gläser pro Tag trinken. Pro Jahr sterben nach Angaben des Brandenburger Gesundheitsministeriums etwa 2200 Menschen im Land an den Folgen der Sucht.

Lindenmeyer will mit seinem Team das Programm weiter verbessern. „Die Teilnehmer sollen noch mehr persönliche Mails erhalten und beispielsweise Glückwünsche erhalten, wenn sie eine Etappe geschafft haben“, sagt er. Oder ihnen wird eine freundliche Erinnerung geschickt, dass sie sich vor vier Tagen zuletzt gemeldet haben. (dpa)