Lindow - In den Tagen nach Silvester ist der Andrang besonders groß, wenn ein altes Jahr stirbt und ein neues geboren wird und dabei noch jede Menge Alkohol im Spiel ist. Alte Schwächen treffen auf neue Vorsätze, bei manchen Menschen sind die Vorsätze sogar haltbar genug, um sich irgendwann auf den Weg nach Lindow zu machen. Wobei die meisten hier nicht wegen guter Vorsätze herkommen, sondern aus schierer Verzweiflung. Sie finden keinen anderen Weg, sind hilflos und meist erst dann bereit, sich helfen zu lassen.

Die Salus-Klinik liegt etwa 55 Kilometer nordwestlich von Berlin, eingebettet zwischen märkischen Kiefernwäldern und dem Gudelacksee. Kein Großstadtlärm und keine Hektik stören hier. Die einzigen Geräusche sind das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln und das Zwitschern der Vögel. Schon Theodor Fontane verewigte diesen Flecken Erde in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Er sprach von vollendeter Schönheit.

Durch die Idylle dringt an diesem Morgen eine Stimme. „Pfeil frei“, ruft jemand. Fünf Männer und eine Frau stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnet auf einer Wiese. Für Sekunden herrschen absolute Ruhe und Konzentration. Dann surren die Pfeile durch die Luft. Nur wenige treffen, doch das scheint bei keinem der Schützen zu größerer Enttäuschung zu führen. „Das Treffen der Scheibe steht hier nicht im Vordergrund“, erklärt die Sporttherapeutin, welche die kleine Gruppe betreut.

"Ich hatte wieder Saufdruck"

Die Patienten sollen sich beim Bogenschießen mit sich selbst beschäftigen. Das ist Teil der Therapie. Es geht um Ruhe, Entspannung und Meditation. Dann erzählt sie: „Ich hatte mal einen Patienten, der einfach nur gelächelt hat, die ganze Zeit über, ganz egal, ob er getroffen hat oder nicht.“ Nach wenigen Minuten sind alle Pfeile verschossen, die Therapeutin gibt den Befehl zur Pfeilaufnahme. Während alle ihre Bögen ablegen, um die Pfeile wieder einzusammeln, bahnt sich die Sonne ihren Weg durch die Nebelschwaden.

Drinnen, in einem kleinen Zimmer in der Salus-Klinik, sitzen eine Stunde später acht Männer und drei Frauen im Kreis und reden über Alkohol. Der Blick der Therapeutin schweift über die Anwesenden im Raum. „Wie geht es ihnen heute?“, fragt sie in die Runde. „Gut. Satt. Ausgeschlafen“, antwortet ein älterer Herr mit kräftiger Stimme. Er lacht verschmitzt, ist sich sicher, gerade eine passable Antwort gefunden zu haben. „Ich dagegen hatte gestern wieder Saufdruck“, antwortet ein anderer Mann nachdenklich. „Das passiert mir immer dann, wenn ich darüber reden muss.“

Drei Flaschen Schnaps täglich

Einer der Patienten, er soll hier Frank heißen, ist ein für die Klinik typischer Fall: männlich, um die fünfzig Jahre alt. Seine Trinkerkarriere begann bereits, als er vierzehn war. Zum Geburtstag stellte seine Mutter eine Flasche Bier auf den Tisch und sagte: „Ab jetzt darfst du trinken.“ Von da an trank Frank jeden Tag. Am Ende waren es drei Flaschen Schnaps täglich.

Irgendwann streikte Franks Körper. Er begann zu halluzinieren und litt unter Gedächtnisverlust. „Da wurde mir klar, dass es so nicht weitergeht.“ Frank unterzog sich einer Entgiftung. Er musste ins Krankenhaus, blieb dort mehrere Tage. Doch so leicht wurde er das jahrelang antrainierte Trinken nicht los. Er erlitt einen Rückfall, wollte sich das Leben nehmen. Irgendwann machte ihn jemand auf die Salus-Klinik in Lindow aufmerksam. Einen Versuch ist es wert, dachte er.

Alkohol ist ein Gift, das rasch wirkt. Bereits nach wenigen Minuten zirkuliert es im Blut, verteilt sich im ganzen Körper und dringt ungehindert bis ins Gehirn vor. Das Sichtfeld verengt sich, die Aufmerksamkeit schwindet, über den Magen und den Darm gelangt immer mehr Alkohol ins Blut. Orientierungs- und Gleichgewichtssinn beginnen zu kollabieren. Der Körper schlägt Alarm, wehrt sich, will das Gift loswerden, Übelkeit und Erbrechen stellen sich ein. Wird dann noch weiter getrunken, steigt die Alkoholkonzentration im Blut also nochmals an, wird der Konsument irgendwann bewusstlos und fällt ins Koma. Die Atmung flacht ab. Atemlähmung setzt ein. Der Mensch stirbt. Diagnose: Alkoholvergiftung.

Bis zu 80.000 Tote pro Jahr

An Alkohol und seinen Folgen sterben laut Bundesamt für Statistik jährlich etwa 15.000 Menschen in Deutschland. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen spricht gar von bis zu 80.000 Toten. Die meisten ruinieren sich die Leber oder Bauchspeicheldrüse und gehen daran zugrunde. Nur etwa elf Prozent der Deutschen leben abstinent. Für viele gehört der Stoff zum Leben.

Ein anderer Patient, nennen wir ihn Christian, mag die Natur hier in Lindow, am meisten den See. So oft er kann, geht er Angeln. Der 37-jährige Maler aus Berlin passt nicht so recht in das Klischee eines Alkoholikers. Er ist sportlich, jung, kräftig und hat keine körperlichen Anzeichen einer Sucht. „Ich habe eigentlich immer nur Bier getrunken“, sagt er. „Anfangs waren es ein bis zwei Flaschen. Später wurden daraus acht.“ Sein Körper wollte trotzdem nicht mehr. Christian musste ins Krankenhaus. „Ich war gelb wie eine Zitrone.“ Sein Arzt habe sagte ihm gesagt, wenn er so weitermache, verabschiedet sich bald seine Leber. Christian wollte nicht so weitermachen. Er entschied sich für die dreimonatige Kur in Lindow.

An diesem Morgen sitzen Christian und Frank zusammen mit den anderen der Gruppe in einem schlichten Raum: weiße Wände, eine weiße Tafel, nichts, was ihre Aufmerksamkeit ablenken könnte. Das einzig auffällige sind gelb-weiße Gardinen, die bis zum Boden reichen. Die Stimmung ist entspannt, fast schon kumpelhaft. Man spricht sich mit Vornamen an, witzelt. Es wirkt wie bei einer Gruppe Fußballer in der Umkleidekabine. Viermal in der Woche sitzen sie hier, immer ab 8:15 Uhr. Ihr Tag ist klar strukturiert. Jeder hat seinen eigenen Stundenplan; töpfern, Fitness, malen, schwimmen, fast alles ist hier möglich. Dazwischen gibt es immer wieder Einzel- und Gruppengespräche über Alkohol. Der Stoff ist in Lindow allgegenwärtig.

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