Salt Lake City/Berlin - Die jährliche Zahl der Tage mit allergenen Pollen in der Luft ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. In Nordamerika habe die Zahl solcher Tage von 1990 bis 2018 um etwa 28 zugenommen, berichten US-Forscher. Zudem stieg die Konzentration solcher Pollen in der Luft um 21 Prozent, wie das Team um William Anderegg von der University of Utah in Salt Lake City in den „Proceedings“ der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften („PNAS“) schreibt. Einen ähnlichen Trend gebe es auch in Deutschland und Europa, sagt ein deutscher Experte.

Das Team um Anderegg wertete die Daten von 60 Messstationen in den USA und Kanada aus, die den Pollen- und Pilzgehalt der Luft seit 1990 registrieren. Demnach beginnt der Flug der Pollen, die Heuschnupfen und auch Asthma auslösen können, inzwischen 20 Tage früher und dauert acht Tage länger als zu Beginn des Zeitraums. Die Zunahme von Pollenkonzentrationen betraf demnach insbesondere Baumpollen und war in Texas und im Mittleren Westen besonders ausgeprägt.

„Einige kleinere Studien - gewöhnlich mit kleinen Pflanzen in Gewächshäusern - hatten auf eine starke Verbindung zwischen Temperatur und Pollen hingewiesen“, wird Anderegg in einer Mitteilung seiner Uni zitiert. „Unsere Studie bestätigt diese Beziehung für den gesamten Kontinent.“

Foto: Lewis Ziska
Pollen unter einem Elektronenmikroskop.

Klimamodellierungen ergaben, dass die früher beginnende Pollensaison vor allem auf dem Klimawandel beruht, höhere Konzentrationen dagegen nur teilweise. „Die starke Beziehung zwischen wärmerem Wetter und den Pollensaisons bietet ein klares Beispiel dafür, wie der Klimawandel schon jetzt die Gesundheit von Menschen in den gesamten USA beeinflusst“, sagt Anderegg.

Karl-Christian Bergmann, Vorsitzender der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst, bestätigt den generellen Trend: Allergene Pollen in der Luft seien in Deutschland inzwischen etwa zwei Wochen früher unterwegs als noch vor 20 bis 30 Jahren - das gelte etwa für Haselnuss-Pollen, die generell besonders früh im Jahr anzutreffen seien. Im Herbst habe sich die Pollensaison von Beifuß und anderen Kräutern um ebenfalls etwa zwei Wochen verlängert. Der Informationsdienst unterhält in Deutschland 35 Messstationen.

Pollenflug hängt auch von Sonneneinstrahlung ab

„Die Zahl der Tage im Jahr mit allergenen Pollen in der Luft hat zugenommen“, sagt der Allergologe von der Berliner Charité. Das gelte aber nicht unbedingt für die Gesamtkonzentrationen der Pollen, die ohnehin bei einer Art - etwa bei Birken - zwischen einzelnen Jahren extrem schwanke. Zwar gebe es bei Birken inzwischen mehr Tage mit mehr als 100 Pollen pro Kubikmeter Luft, für die über das Jahr gemessenen Gesamtwerte gebe es aber keinen gesicherten Trend, betont Bergmann.

Insgesamt hänge der Pollenflug von vielen Faktoren ab - nicht nur von der Temperatur, sondern auch von Feuchtigkeit und Sonneneinstrahlung. Ob die Spreizung des Pollenflugs - also ein früherer Start bei manchen Arten und ein späteres Ende bei anderen - die Menschen stärker belaste, sei unklar. „Aber die Zahl der Menschen, die mindestens einmal im Leben Heuschnupfen haben, hat in den vergangenen Jahrzehnten zweifellos zugenommen.“

Allerdings verharre dieser Trend seit etwa zehn Jahren bei Kindern wie Erwachsenen auf einem Plateau. Das gelte sowohl für Deutschland als auch etwa für die Schweiz.