Berlin - Sie haben sich nichts dabei gedacht, nicht nachgedacht oder alles durchdacht. Man weiß es nicht. Oder vielleicht weiß man es doch? Über die umstrittene Internet-Kampagne der Schauspielerinnen und Schauspieler #allesdichtmachen wurde schon viel geschrieben und gesagt – und noch so viel könnte darüber gesagt und geschrieben werden.

Jeder hat eine eigene Meinung zu der Aktion. Viele Menschen haben den sarkastischen Ton, also die Satire, eher rausgehört als den polemischen. Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie bis zum letzten Wort orchestriert war. Nun, von den insgesamt 53 Videos sind aktuell 27 übrig. Viele Beteiligte sind zurückgerudert und haben ihre Videos löschen lassen. Sie haben behauptet, nichts voneinander oder von der Botschaft, die durch die Kampagne vermittelt wurde, gewusst zu haben. Oder sie haben sich längst entschuldigt, sprachen von Naivität, davon, dass sie zu blauäugig waren. Ganz klar auch aus Angst um ihre eigene Reputation.

Die Kampagne hat etwas Einschneidendes. Vielleicht stellt sie sogar den Tiefpunkt der Debattenkultur in Deutschland dar, zumindest steht sie symbolisch für ein weitaus größeres Problem in unserer Gesellschaft. Wir leben in einem Zeitalter, in dem Artikel nicht mehr gelesen werden, sondern nur Überschriften und Vorspänne zählen. Es wird geteilt, gefälscht, falsch verstanden, es werden aus Berichten die passenden Statements herausgegriffen, ausgeschmückt, zugespitzt und über die sozialen Medien in die Welt gesetzt. In einer weltweiten Pandemie, wo die Gesundheit aller auf dem Spiel steht, ist das fatal und zieht einen gewissen Kaskadeneffekt nach sich. Nichts anderes ist mit der Netz-Kampagne #allesdichtmachen passiert.

Verbreitung von Alternativen, die eigentlich keine sind

„Wenn wissenschaftliche Tatsachen unabhängig vom Kontext präsentiert werden, führt das zu einer Art Tatsachenfetischismus, der es dann leichter macht, eine Allianz mit dem Umlauf von Meinungen einzugehen“, bringt die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess es auf den Punkt. Genannt wird dies auch False Balance, falsche Balance. Wenn ich beispielsweise schreibe, dass das Coronavirus gar nicht so gefährlich ist, wie immer behauptet wird, dies mit Aussagen von Virologen unterfüttere, die dazu eine klare Minderheitenmeinung haben, verbreite ich Alternativen, die eigentlich keine sind. Exakt das spielt sich auf den Plattformen sogenannter Querdenker ab. Sie ziehen sich die passenden Statements heraus und formen aus Außenseiterpositionen „ultimative Wahrheiten“. Aus Falschinformationen werden augenblicklich vermeintliche wissenschaftliche Fakten, die in den gleichgeschalteten Medien angeblich aber nie thematisiert werden. Dann heißt es: Nur sie können das Thema Corona differenziert betrachten und differenziert wiedergeben – und plötzlich spielt es keine Rolle mehr, dass eigentlich sie es sind, die völlig undifferenziert berichten und nur eine Seite wiedergeben und nicht das ganze Bild. 

Wenn solche Aussagen dann infrage gestellt werden, wird aus den „Top 10 Argumenten gegen Mainstreammedien“ einfach die passende Antwort herausgesucht. Diese reichen von „Was darf man überhaupt noch sagen?“, „Cancel Culture in 3, 2, 1…“ über „Ihr seid alle Schlafschafe!!!!“ bis hin zu „DIE Medien und DIE Regierung verbreiten Angst, Alarmismus und Panik, um UNS, die Bürger, zu lenken“ und „Unsere Grundrechte sind in Gefahr und #wirsindmehr“. 

Längst geht es nicht mehr um die Frage, ob wir nicht mehr in der Lage sind, andere Meinungen auszuhalten. Auch nicht darum, ob es heutzutage „verboten“ sei, Kritik auszuüben, sondern darum, in einem vergifteten Diskurs die eigene Weltanschauung durchzuboxen. Und diese Scheindiskussionen gibt es nicht nur bei harten wissenschaftlichen Themen, wie bei der Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe, sondern insbesondere bei den politischen Entscheidungen zur Eindämmung der Pandemie. Bei #allesdichtmachen bedient man sich eines Narrativs, das man aus der Querdenker-Szene kennt. Völlig undifferenziert, aus dem Kontext gerissen, ohne Alternativen. Nach einer Recherche von Netzpolitik.org wollte Volker Bruch, einer der Initiatoren der Kampagne, in die Corona-Protest-Partei „Die Basis“ eintreten. Eine Nähe zur Querdenker-Bewegung hatten die Beteiligten vehement von sich gewiesen. Tja.

„Taktische Ignoranz in allen Diskursen“

Der Schauspieler Jan Josef Liefers findet, dass die Medien in der Pandemie zu unkritisch geblieben sind und die Corona-Maßnahmen unwidersprochen wiedergegeben worden seien – was nicht wahr ist. Nach der Veröffentlichung seines Videos berichtet er in diversen Interviews, dass er Zeitungen und Online-Nachrichten monatelang abbestellt habe – gibt also ganz offen zu, gar keine Ahnung davon zu haben, worüber berichtet wurde (und worüber nicht), trotzdem kritisiert er die „unkritischen Medien“. Das ist so absurd, dass es fast schon wieder lustig ist. „Wir sehen diese taktische Ignoranz in allen Diskursen, von Corona über Klima bis Migration: Wenn jemanden im eigenen intellektuellen oder emotionalen Gesichtsfeld etwas nachhaltig stört, hält er sich einfach ein Auge zu. Und redet umso überzeugter davon, was dort zu sehen ist“, schreibt der Autor Friedemann Karig passend. 

Die Aktion hätte auch ganz anders aussehen können, wenn den Schauspielerinnen und Schauspielern wirklich etwas an der eigentlichen Kritik gelegen hätte. Sie hätten sich gemeinsam und vor allem konstruktiv zu den Corona-Maßnahmen äußern können, sie hätten darauf aufmerksam machen können, wie eine ganze Branche in der Pandemie zugrunde geht, hätten junge Kulturschaffende in den Fokus rücken können. Vielleicht sogar mit einer Spendenaktion? In ihrer privilegierten Position hätten sie damit etwas Sinnvolles getan in der Pandemie. Stattdessen scheint für einige die Genugtuung zu reichen, sich im Netz präsentieren zu dürfen. Und dadurch unweigerlich – ohne Konsequenzen davonzutragen – viel Schaden anzurichten.

Youtube

Spätestens bei dem scheußlichen Video von Schauspielerin Katharina Schlothauer, in dem sie mit ihrer „Dankbarkeitsatmung“ an um Luft ringende Corona-Patientinnen und -Patienten erinnert, kommt man nicht umhin, sich zu fragen: Was hat sie sich nur dabei gedacht? Ganz sicher nicht gedacht hat sie an die mehr als 83.000 Menschen, die allein in Deutschland durch Sars-CoV-2 ums Leben gekommen sind. Und ganz sicher nicht an die Familien und Freunde, die zurückgeblieben sind.