Purple Plum heißt diese Radieschensorte. Die Knollen sind kugelrund und innen violett. 
Foto: Alexandra Becker/VERN

BerlinSie heißen Berliner Aal, Zarter Gelber Butter oder Purple Plum. Die schlanke Gurke, der lockere Wirsing und das violette Radieschen mit den poetisch klingenden Namen wurden einst häufig in den Haus- und Schrebergärten von Berlin und Brandenburg, in Gärtnereien und auf Bauernhöfen angebaut. Doch irgendwann in den letzten Jahrzehnten verschwanden sie von der Bildfläche, denn die Ansprüche haben sich gewandelt.

Der Selbstversorgergarten gehört heute zur Ausnahme. Im Erwerbsanbau müssen Gurken und Tomaten nun Eigenschaften aufweisen, die lange nicht so wichtig waren. Sie sollen tagelang frisch bleiben, einen weiten Transport unbeschadet überstehen, einheitlich in Größe und Form sein und möglichst gleichzeitig reifen. Viele Sorten, die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gezüchtet wurden, erfüllen diese Kriterien nicht.

Alexandra Becker weiß, dass die historischen Sorten trotzdem wertvoller sind, als so mancher vermutet. „Sie bieten viele Eigenschaften und Merkmale, echte Geschmacksvielfalt und Ästhetik – einfach so viel Schönes“, schwärmt sie. Beckers Arbeitgeber ist der Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen, kurz Vern.

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit einem Erhalternetzwerk aus Betrieben und Vereinen alte und seltene Kulturpflanzen zu bewahren. Hunderte von Sorten werden im Vermehrungsgarten in Greiffenberg in der Uckermark gehegt und gepflegt. Sie punkten nicht nur mit einer enormen Formen-, Farben- und Geschmacksvielfalt, sondern auch mit ihren genetischen Ressourcen. Das Erbgut so mancher historischer Sorte liefert Blaupausen für gesunde Inhaltsstoffe, Widerstandskraft gegen Trockenheit und Hitze und möglicherweise auch Resistenzen gegen Krankheiten und Schädlinge. „Die moderne Züchtung ist auf diese genetische Vielfalt angewiesen“, betont Becker.

Zarter Gelber Butter – ein Sommerwirsing, ab Juni zu ernten. 
Foto:  Alexandra Becker/VERN

Doch die Vielfalt ist in Gefahr. Wie dem Berliner Aal erging es Tausenden von Sorten, die in den vergangenen Jahrzehnten aus der Nutzung fielen. Einige überlebten in Genbanken, wo ihre Samen bei minus 18 Grad Celsius schlummern. Etwa in Gatersleben in Sachsen-Anhalt, wo die größte europäische Sammlung dieser Art am Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung allein etwa 150 000 Kulturpflanzenmuster hütet und das Erbgut der Pflanzen bewahrt.

Rund drei Viertel aller jemals gezüchteten Sorten, so schätzt es die Welternährungsorganisation, sind jedoch verschollen. „Sie werden nicht mehr angebaut, sind in keinem Erhalternetzwerk zu finden und auch in keiner Genbank eingelagert“, erklärt die Ökologin Annika Grabau von der Berliner Humboldt-Universität (HU).

Gemeinsam mit der HU und der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) ist der Verein Vern Teil des vom Landwirtschaftsministerium geförderten Forschungsprojekts ZENPGR, das ausgewählte Sorten wieder in den Anbau und den Saatguthandel bringen und damit auch für züchterische Zwecke nutzbar machen will.

Annika Bischof/HNEE
Wo es die alten Sorten gibt

In der Uckermark: Wer historische Gemüsesorten im eigenen Garten anbauen möchte, kann entsprechendes Saatgut beim Vern e.V. erwerben. Das Saatgutarchiv umfasst rund 2 500 Varianten von Nutz- und Zierpflanzen. In Greiffenberg in der Uckermark betreibt der Verein einen Schaugarten, der für Besichtigungen zugänglich ist, und bietet Grundkurse für die Saatgutvermehrung an. 

In Berlin: Der Hofladen der Domäne Dahlem in der Königin-Luise-Straße 49 bietet das besondere Gemüse in der Saison von Mai bis September an. Geplant, aber wegen Corona unter Vorbehalt, ist außerdem vom 2. bis 6. Juni ein Pop-up-Store der Bio Company in der Yorckstraße 37 in Kreuzberg. Dort soll eine Auswahl historischer Gemüsesorten verkauft werden.

Während Annika Grabau dafür geeignete Sorten mithilfe historischer Gartenbauliteratur und der „Roten Liste der gefährdeten einheimischen Nutzpflanzen“ recherchiert, koordiniert Alexandra Becker mit kooperierenden Gartenbaubetrieben und mit Unterstützung des Bundessortenamts die Aussaat und Vermehrung jener Pflanzen, die nach Jahrzehnten in der Genbank erst einmal wieder „in Form gebracht“ werden müssen. Gleichzeitig entwickelt Josephine Lauterbach von der HNEE eine geeignete Vermarktungsstrategie für das Gemüse. Denn nur wenn sie auch gekauft werden, lohnt es sich für die Erzeuger, alte Sorten wieder ins Sortiment zu nehmen.

Annika Grabau wählte rund 120 historische Gemüsesorten aus, von denen einige das Potenzial für eine Renaissance besitzen. Rosenkohl, Wirsing und Endivien, die besondere Merkmale wie eine ungewöhnliche Form oder Farbe sowie einen regionalen Bezug besitzen, wachsen nun erstmals wieder auf den Beeten bei Vern und kooperierenden Projektpartnern. Gurken und Zwiebeln folgen im nächsten Jahr. On-Farm-Erhaltung nennt sich das Prinzip, nach dem die Forscherinnen vorgehen: Der Kreislauf aus Anbau, Ernte und Samenbildung wird reaktiviert, die Pflanzen können sich wieder an Boden und Klima anpassen.

Nach der ersten Aussaat zeigte sich, dass einige Sorten im Laufe ihres Genbank-Daseins scheinbar vergessen haben, wie sie aussehen müssen. Der Wirsing bildete zu lockere Köpfe, der Rosenkohl zu wenig feste Röschen. Jahrzehntelang hatte keine Erhaltungszüchtung mehr stattgefunden, bei der nur die besten Pflanzen für die Saatgutvermehrung verwendet werden, um die Sorte mit all ihren typischen Merkmalen zu bewahren. Bevor eine solche Kultur wieder in einen Gartenbaubetrieb einziehen kann, können Jahre vergehen, bis die Abweichler ausgesiebt sind und die Sorte wieder stabil ist.

Mit anderen Sorten hatten die Forscherinnen mehr Glück. Mehrere Radieschen, Zuckerschoten und Rote Bete werden bereits wieder angebaut. Nun geht das Projekt in die nächste Phase: die Vermarktung. Erste gute Erfahrungen gibt es schon in der Direktvermarktung auf dem Wochenmarkt oder in Betrieben der solidarischen Landwirtschaft, bei denen ein fester Kundenkreis die Ernte des Landwirts abonniert hat. „Jetzt wollen wir aber eine Stufe höher gehen und in die Bio-Supermärkte“, sagt Josephine Lauterbach.

Um auszuloten, welche Chancen historische Gemüsesorten dort haben, startete die Agrarwissenschaftlerin eine Online-Umfrage, an der sich 700 Menschen beteiligten. 25 Prozent davon gaben an, schon einmal alte Sorten wahrgenommen zu haben, 20 Prozent haben diese sogar schon einmal gekauft.

Die Rote-Bete-Sorte Carotine ist innen rot-weiß geringelt. 
Foto:  Alexandra Becker/VERN

„Es ist bei vielen Menschen ein Grundinteresse für dieses Thema vorhanden. Gerade auch bei solchen, die gern kochen oder gärtnern, die an Bioprodukten interessiert sind und einen höheren Bildungsstand haben“, sagt Lauterbach. Vor allem die Geschmacksvielfalt sei für viele Menschen ein Kaufanreiz. Bei Vern zeigten sich überwiegend ältere Menschen an historischen Sorten interessiert, berichtet Alexandra Becker. Der Geschmack wecke häufig Erinnerungen an die Kindheit. „Es gibt einen großen emotionalen Aspekt“, betont die Forscherin.

Im Juni soll in einem Berliner Bio-Supermarkt ein erster Markttest erfolgen. Verschiedene Rote Bete und Radieschen werden eine Woche lang präsentiert und verkauft. „Diese Sorten haben einen Mehrwert“, ist Josephine Lauterbach überzeugt. Spannend sei, ob die Kunden die neue Vielfalt schätzen und bereit sind, mehr Geld dafür zu zahlen. Denn der Aufwand im Anbau ist höher, der Ertrag geringer als bei den modernen Hochleistungssorten. Auch die Anbaumethoden müssen noch so optimiert werden, dass große Mengen zu klar definierten Terminen produziert werden können.

„Sie sind variabler, vielfältiger und auch sensibler“, sagt Alexandra Becker über die alten Sorten. In ihrem privaten Garten haben sich die Raritäten längst einen festen Platz erobert. Auf die Ernte und den Geschmack eines zarten Butterkohls oder einer knackigen Zuckererbse möchte sie nicht mehr verzichten.