Bewohner in Heimen sind bisweilen gefährlicher Pflege hilflos ausgesetzt. 
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Es klingt wie in einem Horrorfilm: Einem alten Mann muss der Unterschenkel amputiert werden. Als sei das nicht schlimm genug, kommt er kurz darauf ins Pflegeheim und muss sich dort offenbar vom Personal anhören, er habe doch eine Windel, „wo er reinscheißen kann“. Dabei hatte er nur um Hilfe beim Toilettengang gebeten – wegen des amputierten Beins. Also versucht der Mann, aus eigener Kraft ins Bad zu humpeln. Dabei platzen die frischen Nähte. Der Rettungswagen muss ihn wieder ins Krankenhaus bringen.

Diese Horror-Story aus einem Pflegeheim in Celle hat die Süddeutsche Zeitung vergangene Woche aufgedeckt. Pflegekräfte hatten die Wunde des Mannes gefilmt – und noch mehr: Ein weiterer Bewohner sei mit Bettdecken so fest an sein Bett fixiert worden, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Offenbar damit er dem Personal weniger Arbeit macht. „Das machen hier alle so“, schrieb dazu in einem Chat eine Pflegekraft einer Kollegin. Bewohner lägen teils die ganze Nacht in ihren Ausscheidungen, damit die Windel nicht verrutsche. Bei einer solchen Behandlung drohen schwere Hautschäden, die bis zur Blutvergiftung gehen und tödlich enden können.

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) kündigte daraufhin nun ein „Whistleblowing-System“ für die Pflege an. Beschäftigte, Pflegebedürftige und Angehörige sollen Missstände oder Anhaltspunkte für Gefährdungen in Heimen künftig an eine Beschwerdestelle melden können, auch anonym.

Die Frage ist: Warum gibt es solche Fälle immer wieder auf den Stationen? Und wieso braucht es dazu überhaupt Whistleblower? Sollten nicht jede Pflegekraft und jeder Heimleiter ein Interesse daran haben, dass solche Dinge einfach nicht passieren, und wenn doch, dass sie ganz offiziell gemeldet werden?

Offenbar nicht: Die Whistleblowerin aus Celle, so die Zeitung weiter, ist selbst Pflegekraft und habe sich aus Entsetzen über die Zustände in dem Heim an ihren Arbeitgeber gewandt, einen Personaldienstleister. Doch von dort kam anscheinend keine Hilfe, im Gegenteil: Ihr Arbeitgeber habe sie ermahnt, keine zu großen Wellen zu schlagen. Sie wandte sich an die Pflegekammer – und wurde kurz darauf entlassen, berichtet das Blatt. 

Was ist los in dieser Branche, in der immer wieder solche schweren Angriffe gegen die Menschenwürde von auch noch hilflosen Pflegebedürftigen passieren, mal heimlich gefilmt von Günther Wallraff für RTL, mal niedergeschlagen durch Gerichte?

Eine der ganz wenigen Pflegekräfte, die sehr offen sagen, was in deutschen Altenheimen hinter verschlossenen Türen passiert, ist Eva Ohlert. Die 61-jährige examinierte Altenpflegerin aus München ist seit 30 Jahren in der Pflege tätig. Davon die meiste Zeit in Heimen. Sie weiß, wie ihre Kollegen ticken und warum, und hat darüber im vergangenen Jahr zusammen mit dem Medizinjournalisten Frank Wittig ein Buch geschrieben: „Albtraum Pflegeheim“ (Riva). Wir fragen Eva Ohlert: Sind das alles Einzelfälle?

„Aus meiner langjährigen Erfahrung muss ich sagen: Das sind keine Einzelfälle mehr“, so die Autorin im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Mittlerweile glaube ich, dass wirklich gute Heime die Ausnahme sind.“ Zwar gebe es noch in den schlechtesten Heimen oft gute Pflegekräfte. „Dann bekommt in der Nachtschicht vielleicht jemand genug zu trinken und wird auch zur Toilette gebracht. Aber in den folgenden zwei Schichten wieder nicht“, erzählt sie aus ihrem ehemaligen Arbeitsalltag. Denn Eva Ohlert hat längst gekündigt. In Heimen will sie nie wieder arbeiten. Mittlerweile pflegt sie nur noch zu Hause. Aktuell in der außerklinischen Intensivpflege. 

Die guten Pflegekräfte werden gemobbt.

Eva Ohlert

Damit ist sie keine Ausnahme. Pflegekräfte steigen im Schnitt nach vier bis fünf Jahren aus dem Beruf aus. Eva Ohlert hat fast 20 Jahre in Heimen durchgehalten. Warum dann der Ausstieg? „Die Guten werden gemobbt“, sagt sie. „Die machen einen da systematisch mürbe, bis man geht.“

In ihrem Buch beschreibt Ohlert sehr genau, was das bedeutet. Ein Problem sei die Flutung des Marktes mit „billigen und willigen“ Hilfskräften, die zudem kaum angelernt werden. Ohlert selbst ist an ihrem ersten Tag der Ausbildung in einem Münchner Pflegeheim auch kaum angelernt worden und sollte schon am zweiten Tag für zehn Patienten verantwortlich sein. Doch sie hat das, was zu vielen in der Branche fehlt, das merkt man dem Buch in jeder Zeile an: Empathie.

Deshalb machte es sie schier wahnsinnig, als etwa eine Reinigungskraft eine alte Dame, die im Rollstuhl auf dem Flur abgestellt worden war und zitternd versuchte, ihr Essen einzunehmen, mit einer Schimpftirade überzogen habe: „Was fällt dir ein? Ich habe den Boden geputzt und du machst alles dreckig, du alte Sau!“

Vorfälle wie diese sind keine Seltenheit. Ohlert weiß, warum: „Auf den Stationen ist es fast wie im Krieg. Reinigungskräfte haben Angst vor Hilfskräften, diese haben Angst vor Pflegekräften, diese haben Angst vor Angehörigen und umgekehrt. Alle haben Angst vor Stationsleitern, Stationsleiter haben Angst vor dem Betreiber. Betreiber haben Angst vor der Heimaufsicht. Jeder bedroht jeden. Dabei wollen die meisten Pflegekräfte doch eigentlich gute Arbeit machen. Wir sollten uns in Grund und Boden schämen, dass wir solche Strukturen zulassen.“

Doch die Pflegeversicherung mit ihren minutengenauen Abrechnungsvorgaben verhindere eine am Menschen orientierte Pflege. Nachts sei oft eine einzige Pflegekraft für bis zu 60 Patienten zuständig, ohne Rennen laufe da nichts. Eva Ohlert hat an sich selbst bemerkt, dass ein warmes Wort oder auch nur eine kurze Ansprache oft automatisch wegfallen, wenn man so im Stress ist. Zwar gebe es weiterhin und immer wieder auch noch sehr gute, fachlich und menschlich kompetente Pflegekräfte. 

Doch hinzu komme das Phänomen der „Pflege in die Betten“. Je höher die Pflegestufe, desto mehr Geld erhalten die Heime von der Kasse für einen Bewohner. Das führe dazu, dass eine aktivierende Pflege, wie sie in den Schulen gelehrt wird, in vielen Heimen gar nicht erwünscht sei. Ein fitter Senior bringe zu wenig Geld. Durch diesen Fehlanreiz werde schlechte Pflege belohnt und engagierte Pflege finanziell bestraft. „Diese Anreizstruktur sorgt für hässliche Verhältnisse in der Pflege“, schreiben die Autoren in ihrem Buch. Sie führe zum vorzeitigen Ableben von „unzähligen Heimbewohnern“.

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Eva Ohlert

Altenpflegerin, Coach und Buchautorin. Die 61-jährige Münchnerin hat mit dem Medizinjournalisten Frank Wittig das Buch "Albtraum Pflegeheim" geschrieben. Um die Zustände in der Pflege zu verbessern, bietet sie künftig zusammen mit dem Systemischen Berater Bernhard Gößwein Coaching für soziale und pflegerische Institutionen an. Denn sie sagt: "Der Fisch stinkt vom Kopf".

Viele Führungskräfte seien nicht ausreichend qualifiziert, Teams anzuleiten. Pflegekräfte würden von Teamleitern angeschrien und würden weiter nach unten treten. Unten sind aber die Alten und Kranken. Eva Ohlert will das ändern. Sie setzt sich für bessere Bezahlung in der Pflege ein. Denn die Arbeitsbelastung steige immer weiter. Eine Packung Pralinen oder Klatschen empfindet sie als Hohn. 

So zum Beispiel bei einer weiteren alten Dame aus dem Buch. Ein Hilfspfleger war auffällig lang in ihrem Zimmer beschäftigt. Als die Kollegen nachschauten, stellte sich heraus, dass er sie aus dem Bett fallen gelassen hatte. Weil es ihm peinlich war, dass er nicht genügend eingelernt worden war, hatte er niemanden zu Hilfe gerufen. Die Heimbewohnerin starb kurz darauf im Krankenhaus an inneren Verletzungen. 

Die heutige Altenpflege sei darauf ausgerichtet, so Ohlert, „Hilfskräften, die oft weder menschlich noch fachlich für die Pflege geeignet sind, schnelle Arbeitsabläufe in Crash-Kursen zu vermitteln.“ Um alles immer noch schneller zu machen. Ohlert spricht von „institutionalisierter Anspruchslosigkeit“. 

Aber wie kann es sein, dass auch in solch schweren Fällen, bei Verstößen gegen die Menschenwürde und bei zum Tod führender gefährlicher Pflege, Kollegen sich gegenseitig decken? Sogar Krankenpfleger Niels Högel, der wohl größte Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte, wurde von Kollegen jahrelang gedeckt. Eva Ohlert sagt: „Gerade solche Leute sind oft sehr beliebt in der Pflege, weil sie sich den Kollegen gegenüber freundschaftlich verhalten und helfen. Da besteht ein falsch verstandener Zusammenhalt." Viele würden lieber jemanden mobben,  der sich gegen das System wehrt. "Vor dem haben sie viel mehr Angst.“ So werde das System der gefährlichen Pflege immer weiter gestützt.