Viel Bewegung und die richtige Ernährung sind die Basis, um bis ins hohe Alter möglichst gesund zu bleiben.
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MünchenWieso altern wir? Und was passiert dabei in unserem Körper? Diese Fragen beschäftigen die Menschen seit jeher – und die medizinische Forschung liefert immer präzisere Antworten. Der Mediziner Dominik Duscher und die Journalistin Nina Ruge haben ein Buch darüber geschrieben, welchen Einfluss bestimmte Prozesse in den Zellen darauf haben. Ihre These lautet: Altern ist eine Krankheit und kann therapiert werden. Ein Gespräch darüber, wie man möglichst lange gesund bleibt und warum man trotzdem irgendwann sterben wird.

Berliner Zeitung: Sie haben Ihrem Buch den provokanten Titel „Altern wird heilbar“ gegeben. Ist das Altern denn eine Krankheit?

Dominik Duscher: Vorneweg, ich finde den Titel sehr scharf getroffen. Er bildet die Hauptaussage des Textes ab – also dass Altern eine Krankheit ist und damit Ziel einer potenziellen Therapie. Der Titel bringt uns aber nicht nur Lob ein. Natürlich brüskiert es manche Leute, wenn man Altern als Krankheit bezeichnet.

Warum?

Duscher: Bei uns ist das biologische Altern gemeint, also Altern im Sinne des Verlustes von Zellfunktion. Viele sehen das Alter aber im Kontext einer gewissen spirituellen Weisheit, einer Entwicklung des Menschen, also eines Status, der positiv behaftet ist: der alte Mensch als Ratgeber und wichtiger Teil der gesellschaftlichen Pyramide. Das ist aber mit dem Titel nicht gemeint. Mir ist dadurch noch mal bewusster geworden, dass Menschen verschiedene Altersbegriffe haben.

Nina Ruge: Es gibt Menschen, die meinen, wir würden das Altwerden diskriminieren, indem wir es als krank diskreditieren. Das ist nicht der Fall. Wir beschreiben, wie das Schwinden der Zellkompetenzen darauf Einfluss nimmt. Zwei Begriffe helfen vielleicht dabei, das zu verstehen: das primäre und das sekundäre Altern.

Erklären Sie das gerne genauer.

Ruge: Das primäre Altern ist tatsächlich der Verlust dieser fantastischen Zellkompetenzen und dieses unglaublichen Zusammenspiels unseres Zellstoffwechsels im Laufe der Jahre. Und das beginnt mit 25 – diese stetig fortschreitenden Prozesse, der Verlust der Systemfunktionen, führen zum sekundären Altern. Dann werden den sogenannten Alterskrankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Demenz Tür und Tor geöffnet.

Wir beschäftigen uns mit dem primären Altern und wollen deutlich machen, dass man schon sehr früh tätig werden kann, um die Zellfunktion so zu stärken, dass das sekundäre Altern sehr viel später eintritt und uns die Alterskrankheiten sehr viel später erwischen.

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Zu den Personen

Dominik Duscher ist plastischer Chirurg und forscht zur Optimierung der Zellfunktion bei Alter und Diabetes.

Nina Ruge ist studierte Biologin, Journalistin und Fernsehmoderatorin.

Buch: Nina Ruge, Dominik Duscher: „Altern wird heilbar“, Gräfe und Unzer Verlag, 352 S., 22 Euro.

Konkret nennen Sie drei Kernpunkte – es geht um Erneuerung, Energieerzeugung und Entgiftung in den Zellen. Und alles baut ab 25 ab. Müsste man wirklich dann schon ansetzen, um das primäre Altern zu verlangsamen?

Duscher: Wenn man schon mal sterben muss, soll das Alter nicht der Grund sein. Das ist ein alter Spruch, den ich immer gerne bringe. Wenn wir versterben müssen, dann nicht an den typischen Krankheiten, die Nina gerade genannt hat und die alle altersbedingt sind. Uns geht es primär um das gesunde Älterwerden. Älter müssen wir alle werden, aber nicht jeder muss sich alt fühlen.

Plakativ gesagt sollte man verhältnismäßig gesund und sich wohlfühlend sterben. Wäre das Ihr Idealbild?

Duscher: Absolut richtig. Es geht nicht nur um die Lebensspanne. Das maximale Alter zu erreichen ist ja nicht das Ziel – sondern, möglichst lange gesund zu sein.

Ruge: Und weil wir auf das Alter von 25 anspielen: Das ist tatsächlich der Gipfel der Gesundheit und der Fitness der Zellen. Danach geht es bei den verschiedenen Zelltypen und ihren Kompetenzen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit bergab. Spätestens ab 25 sollte man tätig werden und gegensteuern.

Was kann man denn konkret tun?

Duscher: Die Basis ist ein gesunder Lebensstil, also Bewegung und Ernährung. Das ist nichts Neues. Doch jetzt versteht man es immer besser, warum es so unglaublich wichtig ist. Dadurch steuern wir sehr viel. Wenn wir zum Beispiel Fastenperioden einhalten, stärken wir die Energieerzeugung in den Zellen.

Ruge: Es geht auch massiv um das Weglassen: Von Zucker, von tierischen Fetten, von Salzen und industriellen Fertigprodukten. Man sollte auf Gemüse setzen, möglichst 25 verschiedene Sorten pro Woche und 400 Gramm am Tag. Dazu bestimmte Nüsse und Öle. Wenn ich mehr über die Wirkung der Nahrung als Medizin weiß, werde ich sie achtsamer wählen.

Duscher: Die Basis der Zellverjüngung ist ganz klar, was wir aufnehmen an Nahrung und Getränken. Manchmal kommt man hier aber noch in eine Sackgasse. Und dann könnten Nahrungsergänzungsmittel helfen – wobei man da genau schauen muss, was das ist, was man da einnimmt.

Man sagt ja, dass Menschen, die sich ausgewogen ernähren, in der Regel keine Nahrungsergänzung brauchen.

Duscher: Das ist ein Thema, das man bewusst angehen muss. Hier einen Arzt beizuziehen, empfehle ich jedem. Ins Blaue hinein im Internet etwas zu bestellen und zu schlucken, ist meistens kein guter Plan. Es gibt jedoch Mittel, welche auf das Alter abgestimmt sinnvoll sein können. Besonders die Mitochondrien als Kraftwerke in den Zellen sprechen ganz gut auf gewisse Ergänzungsmittel an, und da kann man sich durchaus einen gewissen Vorteil verschaffen.

Ruge: Der Spiegel des Coenzyms Q10 sinkt zum Beispiel ab dem 40. Lebensjahr in den Herzzellen, wo wir es ganz besonders brauchen, stark ab. Q10 sind die Zündkerzen unserer Atmungskette, unserer Energiegewinnung. Durch eine orale Aufnahme des Coenzyms könnten wir mit einiger Wahrscheinlichkeit entgegenwirken und den Pool der Zündkerzen, die mit dem Alter immer spärlicher vorhanden sind, auffüllen. Fehlen die Zündkerzen, wirkt sich das auf die Leistungsfähigkeit der Mitochondrien und damit auf unsere Fitness aus. Man fühlt sich immer schlapper.

Dann wäre aber sicherlich eine ärztliche Überwachung notwendig, um zu schauen, ob so etwas präventiv nötig ist und sich dann gewünschte Effekte zeigen. Plädieren Sie am Ende für eine andere Art der gesundheitlichen Vorsorge?

Duscher: Absolut, das ist ein guter Punkt. Gerade als Arzt spricht mir das aus der Seele. Zu wenige Kollegen beschäftigen sich mit diesen Mechanismen, mit diesem neuen Paradigma des Alterns als Krankheit. Natürlich müsste man hier weg von der klassischen Präventionsmedizin, wo nach Symptomen des Alterns wie Problemen im Bewegungsapparat oder der kognitiven Wahrnehmung geschaut wird. Man müsste einen Schritt zurückgehen und versuchen, das Altern auf zellulärer Ebene zu optimieren. Ein Mediziner, der sich damit beschäftigt, hat ganz andere Möglichkeiten, seinen Patienten im absolut gesunden und relativ jungen Alter dabei zu beraten.

Gibt es den schon Arznei gegen das primäre Altern?

Duscher: Es gibt drei bis vier Medikamente, die die Zellalterungsprozesse eindämmen könnten. Aber wir sind hier noch in den Startlöchern. Denn es gibt kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Altersprophylaxe auf pharmakologischem Level ist etwas, was mit Vorsicht genossen und extrem genau studiert werden muss. Weil man hier theoretisch – vorausgesetzt, man betrachtet das Alter nicht als Krankheit – gesunde Menschen behandelt.

Auch wenn man bestmöglich vorgesorgt hat, stirbt man irgendwann. Was passiert dann im Körper – ist das etwas, was man Altersschwäche nennen könnte?

Duscher: Bei Altersschwäche, wenn man also sozusagen im Schlaf verstirbt, steckt meist ein Herzproblem dahinter. Irgendwann sind unsere Zellen auch im besten Fall, salopp gesagt, ausgebrannt. Dann würde – hoffentlich nach sehr kurzer Krankheit und Verlust unserer alltäglichen Fähigkeiten – der Tod eintreten.

Ruge: Die Schallmauer der Langlebigkeit, das biblische Alter von rund 120 Jahren, hat bis heute niemand durchbrechen können. Warum ist das so? Einige unserer Organe werden leider nicht runderneuert, ihre Zellen werden nicht regelmäßig ausgetauscht und altern massiv: die von Herz, Niere, Leber und Gehirn. Dort führt die Zellalterung irgendwann zum Tod des Gewebes.

Duscher: Das Herz ist ein bisschen unser Sorgenkind, es ist der Motor unseres Kreislaufs. Ohne Herz geht nichts. Und leider hat es die Eigenschaft, dass es sich sehr schlecht erneuert. Die Herzmuskelzellen sind sehr regenerationsträge. Und das ist ein potenzieller Punkt, wo es uns mit 100 plus erwischen kann. Das Herz ist, wie das Gehirn, ein klassisches Ziel für Stammzelltherapien – so wird zum Beispiel nach Schlaganfällen versucht, die Heilung des Nervengewebes voranzutreiben. Bisher wird es aber nur zur Therapie, nicht zur Prophylaxe eingesetzt.

Was passiert denn, wenn man solche Stammzelltherapien bei gesunden Menschen anwendet – leben wir dann am Ende ewig?

Duscher: Im Transhumanismus gibt es ja diese Ideen, dass man theoretisch unendlich alt werden könnte. Es fällt mir schwer, mir das vorzustellen, weil das Leben diverse Möglichkeiten birgt, dass man ums Leben kommt. Aber momentan werden sehr wenige Menschen 100 Jahre alt. Diese Grenze wird trivialer werden und sie könnte in nicht allzu ferner Zukunft eher die Regel als die Ausnahme sein.

Das Gespräch führte Tom Nebe.