Alles, was sie braucht, passt in eine kleine Tasche: Eine Leuchte für die Augenreflexe, Zecken- und Krallenzange, Flohkamm, Pinzette, Desinfektionsmittel, Fieberthermometer, Oto- und Stethoskop, Messstäbchen zur pH-Bestimmung des Urins, Handschuhe, eine Schieblehre, Akupunktur-Nadeln und Spritzen. Nun noch den Computer einstecken, auf dem sich das „Repertorium“, das Verzeichnis aller Krankheitssymptome, und das Mittel-Verzeichnis „Materia Medica“ befinden. Dann begibt sich Henriette Scharfenberg zu ihren Patienten.

Zum Beispiel zum 13 Jahre alten Caspar. Seit zehn Jahren leidet er an einer fortschreitenden Spondylose: An seinen Wirbelkörpern bilden sich knöcherne Brücken, allmählich versteift seine Wirbelsäule. Dieser Prozess verläuft entzündlich. Erst wenn er abgeschlossen ist, verschwinden die Schmerzen. Der Arzt hat Caspar Entzündungshemmer und Schmerzmittel verordnet. „Mehr kann er nicht tun“, sagt seine Begleiterin.

Caspar, chronisch krank und schulmedizinisch austherapiert, ist ein klassischer Fall für die Alternativmedizin, für Henriette Scharfenberg, 47 Jahre alt, von Beruf Tierheilpraktikerin.

Labradoodle, eine Kreuzung aus Labrador und Pudel

Ruhig steht Caspar, ein Labradoodle, eine Kreuzung aus Labrador und Pudel, zwischen ihren Beinen. Konzentriert tastet sie seinen Blasenmeridian ab, der rechts und links der Wirbelsäule verläuft. Sie spürt, wo der Hund zuckt, wo er also einen „Fülle-Zustand“ hat, und wo er sich gegen die Hand seiner Behandlerin drückt, das sei ein Zeichen für Leere, erklärt die Tierheilpraktikerin. Sie sagt: „Caspar hat diesmal ein ziemliches Ungleichgewicht.“

Solche Sätze über einen Hund klingen ungewohnt. Doch wieso soll für Hunde nicht gelten, was auch für Menschen gilt? Die Homöopathie, in der Humanmedizin seit Jahren unaufhaltsam auf dem Vormarsch, wird zunehmend auch bei Tieren angewandt. Ungeachtet der wissenschaftlichen Fragwürdigkeit.

Tatsächlich, und darauf weist Henriette Scharfenberg ihre Kunden stets hin, wurde bislang unter den von ihr angebotenen Therapien nur die Wirksamkeit der Akupunktur wissenschaftlich belegt. Zudem ist ihr Beruf nicht staatlich anerkannt. Scharfenberg, eine studierte Geisteswissenschaftlerin, die früher in der Verwaltung einer Hochschule gearbeitet hat, erlernte ihn während einer dreijährigen, rund 1000 Unterrichtsstunden umfassenden Ausbildung, die sie mit einer Prüfung abgeschlossen hat, und sie bildet sich regelmäßig weiter. Weder gibt es Standards für die Aus- noch für die Fortbildung: Jeder darf in Deutschland gewerblich Tiere kurieren, sofern er sich an das Tierschutz-, Tiergesundheits-, Betäubungsmittel-, Arzneimittel- und das Heilmittelwerbegesetz hält.

Geschwüre im Gesicht eines Kater

Dazu muss man abwägen, ob das Tier an einer anzeigepflichtigen Seuche erkrankt ist oder ob es sich um ein Problem handelt, das ausschließlich ein Tierarzt therapieren kann. Übrig bleiben aber jede Menge Leiden, die nach Einschätzung von Anhängern der alternativen Medizin auch anders gelindert werden können. Etwa die Geschwüre im Gesicht eines Katers, den Henriette Scharfenberg behandelte. Immer wieder kratzte er sich an den unterschiedlichsten Stellen, die offenen Wunden waren ständig entzündet. Sein Tierarzt hatte Vieles probiert, schließlich sollte der Kater bis zum Ende seines Lebens einen Plastikkragen tragen.

Vor der homöopathischen Behandlung sprach die Tierheilpraktikerin anderthalb bis zwei Stunden mit der Halterin. „Ich will das Tier nicht nur untersuchen, sein aktuelles Problem kennen und wissen, seit wann es besteht. Ich frage auch: Wann geht es dem Tier besser und wann schlechter? Wie hat es sich in der Vergangenheit verhalten? Was frisst es am liebsten? Welche Witterung mag es, welche nicht? Wie sehen seine Ausscheidungen aus?“

All dies, so meint Henriette Scharfenberg, lässt sich am besten in der natürlichen Umgebung des Tieres herausfinden. Früher hatte sie eine Praxis in Charlottenburg. Mittlerweile hat sie sich auf Hausbesuche spezialisiert. Auf Grundlage ihrer Erkenntnisse vor Ort erarbeitet Henriette Scharfenberg ihre Behandlung. Das ist bei einem Tier gar nicht so einfach: Es kann nicht sagen, ob der Schmerz brennt, sticht oder drückt. „Auffällige Symptome sind für mich besonders wertvoll, um das geeignete homöopathische Mittel herauszufinden“, erklärt sie. Geeignet ist ein Mittel, wenn es die Symptome, die ein Kranker aufweist, bei einem Gesunden provozieren kann. Bei dem Kater half es so gut, dass er sowohl von den Geschwüren als auch vom Kragen befreit wurde.

Wer also einschätzen will, welche der tierischen Patienten für eine alternativ-medizinische Behandlung in Frage kommen, muss gut ausgebildet sein, sagt Stefanie Olhöft von der Kooperation deutscher Tierheilpraktiker-Verbände. Seit Jahren suchen sie und ihre Mitstreiter stellvertretend für rund 5000 in Deutschland tätige Kollegen das Gespräch mit Politikern, um eine staatliche Anerkennung des Berufes zu erwirken. Bei den Schulmedizinern von der Bundestierärztekammer wirbt Stefanie Olhöft um die Zusammenarbeit beider Berufsgruppen. „Viele Kunden finden es gut, wenn das Tier von zwei Seiten behandelt wird“, sagt die Lobbyistin, die selbst seit 20 Jahren praktiziert.

„Ich muss erst einmal auspendeln, ob der Hund die Tablette nehmen darf“

Tatsächlich hätten viele Tierärzte gar nichts gegen alternative Mittel und Methoden, meint auch der Berliner Tierarzt Friedhelm Hellwig, der gerne mit Tierheilpraktikerinnen wie Henriette Scharfenberg kooperiert. Gleichwohl hält er nicht jeden Vertreter der Zunft für seriös. Besonders schwierig empfindet er Ferndiagnosen, die etwa darauf basieren, dass dem Behandler Haare des Tieres zugesandt werden. Abwinken muss er auch, wenn ihm Hundehalter kommen und ihm nach der Diagnose erklären: „Ich muss erst einmal auspendeln, ob der Hund die Tablette nehmen darf.“

Ansonsten verordnen klassische Veterinäre wie er durchaus auch homöopathische Präparate, so genannte Komplexmittel. Darunter versteht man Zusammenstellungen mehrerer Homöopathika, die den Patienten in der Hoffnung verordnet werden, dass eines davon wirkt. Bewährt haben sich diese Komplexmittel zum Blutstillen, bei Läufigkeitsstörungen, bei Verstauchungen und Gelenkserkrankungen. „Frau Scharfenberg würde so ein Medikament nicht geben“, sagt Friedhelm Hellwig. „Sie würde gezielt ein Mittel verordnen.“ Nach Ansicht von Tierheilpraktikern führen nämlich ungeeignete homöopathische Mittel dazu, dass das Tier weitere Symptome entwickelt und sich die Krankheit verschlimmert.

Der Patient Caspar liegt inzwischen auf der rechten Seite, denn zusätzlich zu seiner Spondylose hat er eine akute Entzündung am Ellenbogen des rechten Vorderbeins. Mit Akupunktur will ihm Henriette Scharfenberg helfen. Sie setzt drei Nadeln, „um blokikerte Meridiane zu öffnen und Energie abzuleiten“. Zwei weitere Nadeln kommen an die Punkte, die der Entzündung am nächsten liegen. Caspar schnauft ein wenig, als die dünnen Nadeln durch seine Haut gestochen werden – um schließlich einzuschlafen. „Mindestens 20 Minuten müssen die einwirken, so lange braucht der Umlauf durch alle Meridiane“, erklärt die Tierheilpraktikerin.

Kaiserschnitt bei einer Kuh 

Sie liebt ihren Beruf, für den sie sich entschied, nachdem sie vor mehr als zehn Jahren festgestellt hatte, dass ihr Job sie nicht ausfüllte. Ein Freund fragte sie, was sie als Kind werden wollte. Tierärztin war ihr Berufswunsch, von dem sie sich aber abbringen ließ, als sie hörte, dass Frauen aus körperlichen Gründen nur Kleintiere behandeln würden. Damals fand sie einen Kaiserschnitt bei einer Kuh spannender. Heute stört es sie nicht, vor allem kleine Tiere zu behandeln. Die Herausforderung ist eher größer, weil die Akupunkturpunkte schwieriger zu treffen sind. Ihr kleinster Patient sei eine weiße Maus mit einem Hauttumor gewesen, deren Allgemeinzustand sie verbessern konnte.

Auch eine Katze mit Knochentumor, die im letzten Sommer hatte sterben sollen, hielt sie bis heute am Leben. „Für die Halter ist es gut, wenn sie von ihrem Tier sanft Abschied nehmen können“, sagt Henriette Scharfenberg. Darum bietet sie auch an, Tiere beim natürlichen Sterben zu begleiten. Seelentrost für Herrchen und Frauchen inklusive, auch wenn das nicht im Lehrplan ihrer Ausbildung stand.

Caspar beendet sein Nickerchen, zwei seiner Nadeln sind bereits von allein herausgefallen. Das ist völlig normal, versichert seine Behandlerin. Der Hund erhebt sich von seinem Lager und läuft umher. Das Humpeln auf dem rechten Vorderbein ist nicht mehr zu bemerken. Man kann ihn nicht fragen, wie es ihm geht. Aber er macht einen dankbaren Eindruck.