München - Forschung ohne Grenzen, Leiden als Daseinszweck? Vielleicht doch nicht ganz: Ein Patent auf Affen, bei denen per Gentechnik die Symptome der Alzheimer-Krankheit ausgelöst werden, sorgt bei Tierschützern für Protest. Sie wenden sich dagegen, dass etwa Mäuse und Primaten bis hin zu Menschenaffen für die Forschung der Pharmaindustrie gezielt dement gemacht und dann als Versuchstiere verwendet werden. Gegen das Patent sei nun Einspruch eingelegt worden, teilte die Organisation Testbiotech am Sonntag mit. Das Europäische Patentamt (EPA) bestätigte den Eingang des Einspruchs.

Mit den patentierten Verfahren seien erhebliche Leiden für die Tiere verbunden, während der konkrete medizinische Nutzen fraglich erscheine, erklärt Christoph Then von Testbiotech. Es gebe ethische Bedenken. Nicht zuletzt könnten solche Patente wirtschaftliche Anreize für unnötige Tierversuche schaffen. „Mit dem Leiden von Tieren darf aber kein Profit gemacht werden“, so Then weiter, es sei zwar nicht auszuschließen, dass entsprechende Tierversuche neue Erkenntnisse ermöglichen …  doch angesichts der bisherigen Fehlschläge erscheint ein Erfolg sehr zweifelhaft.“ Sollen Lebewesen im Namen einer vagen Hoffnung leiden?

Gibt es einen ethischen Vorrang des Menschen?

Das Argument gegen Tierversuche läuft im vorliegenden Fall also zweifach: Es wendet sich gegen die Kommerzialisierung und damit auch Industrialisierung des Tierleidens und stellt zudem auch die Übertragbarkeit der Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen infrage. Grundsätzlich gilt hier die Würde und Unversehrtheit eines jeden Lebewesens, und ein wesentlicher Bestandteil ist in diesem Zusammenhang die Abwesenheit von – physischen wie psychischen – Leiden. Lässt sich nun dafür argumentieren, dass tierisches Leid weniger zählt als menschliches? Gibt es also einen ethischen Vorrang des Menschen?

Die Patentanmelder haben genau diesen Vorrang in Anspruch genommen. Im Jahr 2020 erteilte das EPA das Alzheimer-Affen-Patent EP3066203 an einige Forschungseinrichtungen in Frankreich. Zuvor hatten die Anmelder argumentiert, dass Alzheimer die am häufigsten auftretende Form der Demenz sei und 70 Prozent der Fälle ausmache. Mit der steigenden Lebenserwartung insbesondere in Industrieländern nehme diese Zahl weiter zu. Prognosen rechnen demnach mit einer Verdoppelung alle 20 Jahre. Das Argument lautet also: Weil das Menschenleid zunehme, sich gar vervielfache, sind Tierversuche besonders dringend.

Erfolglosigkeit als Grund für Tierversuche

An dieser Stelle taucht auch die von den Tierschützern geltend gemachte Erfolglosigkeit der Tierversuche wieder auf. So räumen die Patentanmelder jetzt ein, dass es zwar mehrere Tiermodelle, sprich: Alzheimer-optimierte Tiere gebe, diese aber nur sehr bedingt geeignet seien für die Forschung. Daraus schlussfolgern sie allerdings auf eine Erweiterung oder Fortentwicklung der Versuche, insofern es die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg erhöhe. Die Anmelder formulieren das so: „Die Verwendung von viralen Vektoren zur Entwicklung experimenteller Modelle wäre ein wertvoller Durchbruch auf diesem Gebiet.“

Konkret heißt das, wie Christian Then ausführt, dass ausgewachsenen Tieren jetzt Viren ins Gehirn gespritzt werden sollen, die krankmachende Gene übertragen. Diese Gene sollen für die Bildung sogenannter Plaques sorgen, wie sie bei manchen Formen von Alzheimer zu beobachten seien. Hoffnung macht ihm, dass erst im vergangenen Jahr zwei Patente auf gentechnisch veränderte Menschenaffen gekippt worden sind. Dabei hatte die Technische Beschwerdekammer als gerichtliche Instanz des Europäischen Patentamts die Ansprüche auf Schimpansen und andere Tiere als nicht patentfähig beurteilt.

Erstmals ethische Gründe für das Tierwohl anerkannt

Dieser Beschluss war insofern aufsehenerregend, weil dabei weder rein technische oder utilitaristische, sondern erstmals ethische Überlegungen geltend gemacht wurden, solche Überlegungen also, die Tieren eine unveräußerliche Würde und die aus ihr folgenden Schutzrechte zusprechen. Die Affenforscherin Jane Goodall zeigte sich damals zufrieden und sprach von einem klaren Signal an alle Wissenschaftler, „die zum Leiden fähige Tiere nur als ein Werkzeug der Forschung sehen“. Ein kleiner Sieg indes, laut Testbiotech werden in der EU jährlich rund zehn Millionen Tiere in Versuchen „verbraucht“. (mit dpa)