Immer mehr Berliner Mütter wollen nur so kurz wie möglich im Krankenhaus bleiben – auch wegen Corona. 
Foto: imago images/Cavan Images

BerlinGenau 39.503 Babys kamen 2019 in Berlin zur Welt. Fast 800 von ihnen auf eher ungewöhnliche Art: Sie wurden ambulant entbunden. Schon wenige Stunden nach der Geburt verlassen Mutter und Kind die Klinik. Wie funktioniert das?

Die Geburt eines Kindes ist immer ein einzigartiges Ereignis. Neun Monate lang haben sich die werdende Mutter und der Vater des Babys darauf gefreut. Doch Corona hat auch hier vieles verändert. In Zeiten, in denen sich manchmal sogar Patienten mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen nicht mehr in eine Klinik trauten, weil sie sich vor einer Covid-19-Ansteckung fürchteten, haben auch Schwangere zunehmend Angst, sich diesem Risiko auszusetzen.

Nicht länger als unbedingt nötig in der Klinik 

Ein weiterer Grund, der die Vorfreude auf das Baby bisweilen trübt, sind die neuen Abstands- und immer noch sehr eingeschränkten Besuchsregelungen. „Viele junge Mütter bedauern es, dass pro Tag nur eine Person für lediglich eine Stunde pro Tag in ihr Zimmer darf“, weiß Michael Untch, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe im Helios Klinikum Berlin-Buch. Da sei die ambulante Entbindung ein guter Kompromiss. Sie biete sowohl medizinische Sicherheit als auch die Möglichkeit, schnell wieder nach Hause zu können. 

Immer mehr Frauen machen davon Gebrauch. „Angesichts unserer jährlich fast 3000 Entbindungen ist das zwar nicht allzu oft der Fall, trotzdem hat sich die Zahl der ambulanten Geburten bei uns seit Corona nahezu verdoppelt“, sagt Untch. „Früher kam das etwa einmal pro Woche vor. Heute sind es im Schnitt zwei und manchmal sogar drei Mütter pro Woche, die sich dazu entschließen.“

Solange Mutter und Kind gesund sind und medizinisch nichts gegen eine frühzeitige Entlassung spricht, haben die Ärzte nichts dagegen. Meist sind es ambulant Gebärende Frauen, die schon ein oder mehrere Kinder haben und wissen, was auf sie zukommt. „Doch auch Erstgebärende“, so Untch, „wollen manchmal nicht länger als unbedingt nötig in der Klinik bleiben.“ In diesen Fällen werden Mutter und Kind nach der Geburt in der Regel etwa vier Stunden im Kreißsaal überwacht. Nach einer ärztlichen Entlassungsuntersuchung dürfen sie nach Hause gefahren werden. 

Geburtskliniken für Frühchen oder bei Krankheiten

Falls bei der Geburt Schwierigkeiten zu erwarten sind oder eine Frühgeburt abzusehen ist, sollten Eltern ein Perinatalzentrum auswählen. Sie sind spezialisiert auf Frühgeborene, Drillinge und Krankheiten, bei denen intensivmedizinische Versorgung des Neugeborenen absehbar ist. Die Neugeborenen-Intensivpflege-Station (NIPS) ist direkt mit der Entbindungsstation verbunden, Mediziner und Pfleger sind rund um die Uhr im Dienst. Außerdem müssen die Zentren pro Jahr eine bestimmte Fallzahl von Frühgeburten vorweisen. Weitere Infos: www.perinatalzentren.org

Auch andere Berliner Kliniken beobachten diese Entwicklung. „Wir hatten besonders im März bis Mai einen Anstieg von Geburten, bei denen die Mütter schon nach wenigen Stunden oder am nächsten Tag nach Hause gehen wollten“, berichtet Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin der Charité an den beiden Standorten Virchow und Mitte. „Jetzt geht der Trend wieder zurück. Da wir trotz des Perinatalzentrums für Risikogeburten auch viele gesunde Schwangere betreuen und alle Hygieneregeln streng beachten, ist auch die Angst vor einer Ansteckung nicht mehr so hoch." Der Wunsch, im Krankenhaus medizinisch und pflegerisch versorgt zu werden, sei wieder größer geworden.

Nach wie vor beliebt ist die ambulante Geburt im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau. „Früher lag der Anteil nur bei ein bis zwei, seit März sind es etwa fünf Prozent“, teilt Martina Dombrowski mit, Chefärztin der dortigen Gynäkologie und Geburtshilfe. Um immerhin 50 Prozent gestiegen ist dieser Anteil im Sana Klinikum Lichtenberg. Sylvia Bauermeister, leitende Oberärztin der Frauenklinik, nennt genaue Zahlen: „2019 hatten wir von Jahresbeginn bis Mitte August 45 und in diesem Jahr schon 68 ambulante Entbindungen.“

Chefarzt Dietmar Schlembach vom Vivantes Klinikum Neukölln berichtet von einem nur ganz kurzen vorübergehenden Anstieg: „In unserer Klinik sind es im Schnitt immer nur zwei Prozent. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir mehr anstrengende Zwillings- und Mehrlingsgeburten haben, nach denen die Mütter ihre Ruhe brauchen.“

Hier bekommen Eltern Hilfe

In allen Berliner Geburtskliniken gibt es inzwischen Babylotsen. Sozialarbeiterinnen oder Sozialpädagoginnen beraten Eltern bei Fragen zu Geburt, Alltag, Gesundheit, Arbeit, Behörden und Finanzen kostenlos. Sie begleiten zu Ämtern, helfen mit Anträgen und kennen weitere Beratungsstellen. Das Präventionsprogramm der Babylotsen wird von der Berliner Senatsverwaltung mit 1,5 Mio Euro jährlich unterstützt. Infos: www.berlin.de/babylotsen. In Corona-Zeiten erfreuen sich fachliche Online-Beratungen steigender Beliebtheit. Hier setzt das Programm „Kinderheldin “an. Per Telefon, Chat oder Videocall stehen Hebammen für Fragen rund um Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Kind zur Verfügung, täglich von 7 bis 22 Uhr, auch am Wochenende und an Feiertagen. Es gibt Video- und Livekurse. Die Kosten übernehmen bereits viele Kassen und auch manche Kliniken. Kontakt über www.kinderheldin.de

Dass es nicht noch mehr ambulante Entbindungen gibt, liegt an einem speziellen Problem. Denn nach mindestens 36, spätestens aber 72 Stunden muss beim Kind der wichtige Stoffwechseltest gemacht und dazu Blut aus der Ferse abgenommen werden. Nach drei bis spätestens zehn Tagen ist die große U2-Untersuchung fällig, die erste ärztliche Grunduntersuchung des Kindes von Kopf bis Fuß. „Ambulant Gebärende brauchen dazu einen separaten Termin beim Kinderarzt“, erklärt Michael Untch. „Für normal Gebärende, die drei bis vier Tage oder länger in der Klinik bleiben, ist das einfach, denn der Kollege kommt zu uns auf die Wöchnerinnenstation. Wenn die Mütter aber schon zu Hause sind, müssten sie das vorher organisieren. Das ist nicht immer leicht.“ Das Klinikum Buch hat einen Service eingerichtet, um Termine bei Kinderärzten der angeschlossenen Poliklinik oder auf der Station zu vermitteln. 

Babys und Kleinkinder sind deutlich weniger Corona-gefährdet

Um etwaige Wochenbett- oder Stillprobleme frühzeitig zu erkennen und zu lösen, sollten sich Mutter und Kind zu Hause von einer freiberuflichen Hebamme weiter betreuen lassen (siehe Kasten). „Besonders wichtig wäre es, beim Neugeborenen auf Anzeichen einer sich eventuell verstärkenden Gelbsucht zu achten“, rät Yvonne Schildai, leitende Hebamme in Buch. „Auch eine übermäßige schnelle Gewichtsabnahme von mehr als zehn Prozent des Geburtsgewichtes in den ersten Lebenstagen des Kindes kann kritisch sein.“

Nicht geeignet ist eine ambulante Geburt, wenn bei Mutter oder Kind bestimmte Erkrankungen auftreten, bei Risikoschwangerschaften, bei Frühgeburten vor der 38. Schwangerschaftswoche und bei Kaiserschnitten.

Wie finde ich eine ambulante Hebamme?

Viele Schwangere wissen nicht, dass ihnen die Hilfe einer ambulanten Hebamme zusteht. Sie macht Hausbesuche, hilft bei der Vorbereitung und betreut Mutter und Kind nach der Klinikentlassung im Wochenbett. Hebammen haben Erfahrung mit gesundheitlichen Problemen beim Baby oder Problemen beim Stillen. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. Eine Hebamme in Ihrer Nähe finden Sie unter www.berliner-hebammenliste.de

Besondere Angst vor einer Corona-Ansteckung brauchen Frauen übrigens nicht zu haben. „Eine Schwangerschaft führt nicht zu einem höheren Coronarisiko, Schwangere stecken sich nicht schneller an und sind nicht stärker gefährdet als andere Frauen“, beruhigt Michael Untch. Sie scheinen sogar eher weniger gefährdet zu sein. Warum das so ist, weiß man noch nicht. Auch über die Muttermilch könne beim Stillen keine Sars-CoV-2-Infektion übertragen werden. Vielmehr stärkt das Stillen das Immunsystem des Neugeborenen. 

Selbst wenn Schwangere infiziert seien und das Virus über die Atemwege auf das Kind übertragen hätten, gäbe es bei Babys weltweit nur extrem selten Fälle von schweren Verläufen. „Weil das körpereigene Abwehrsystem des Kindes noch nicht ausgebildet ist“, so Untch, „kommt es bei einer Infektion auch nicht zu einer deutlichen Immunreaktion gegen das Virus.“ Eines der großen Probleme bei Corona ist die Überreaktion des Immunsystems. Deshalb gelten Neugeborene und Kleinkinder als deutlich weniger gefährdet.