Berlin - Beim Umgang mit seelischen Belastungen und psychischen Erkrankungen gibt es oft Unterschiede zwischen Männern und Frauen. „Männer versuchen mehr, das nach außen loszuwerden“, sagt der Psychiater Arno Deister. Frauen hingegen seien eher in der Lage, das Problem zum Thema zu machen und darüber zu reden – oftmals ziehen sich aber auch zurück.

Männer versuchten häufig, Dinge zu verbergen und kompensierten Gefühle teilweise auf destruktive Weise – etwa mit Alkohol- oder Drogenkonsum. Auch die Gefahr von aggressiven Handlungen sei bei ihnen größer als bei Frauen, sagt Deister, der Vorsitzender des Berliner Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit ist. Die Initiative, mit mehr als 120 Mitgliedsorganisationen aus den Bereichen Psychiatrie und Gesundheitsförderung, setzt sich seit 2006 für die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft ein.

Übertriebener Sport zähle laut Deister ebenfalls zu den möglichen Anzeichen seelischer Belastung bei Männern: Sie gehen dann teils über ihre Grenzen hinaus in Bereiche, die nicht mehr gesund für sie sind.

Häufig Schuldgefühle bei Frauen

„Bei Frauen entwickeln sich etwas häufiger auch Angstsymptome, die dann oft stärker zum Rückzug führen“, sagt der Psychiater. Sie versuchten eher, die seelische Belastung mit sich selbst auszumachen. Leider stelle sich bei ihnen oft das Gefühl ein, das nicht richtig zu machen und versagt zu haben. „Schuldgefühle entwickeln sich dann häufig“, sagt Deister.

Unabhängig vom Geschlecht: Wenn es darum geht, sich professionelle Hilfe vom Psychiater oder der Psychologin zu holen, ist immer wieder Angst da, beobachtet der Experte. Aber diese sei nicht berechtigt.

Professionelle Hilfe als „mächtiges Instrument“

Aus Deisters Sicht haben mögliche Vorbehalte gegenüber professioneller Hilfe zum einen damit zu tun, dass sich viele Menschen schwer damit tun, über eigene Gefühle und Probleme zu reden. Ebenfalls eine große Rolle spiele, dass Betroffene das, was ihnen bei einer seelischen Belastungssituation widerfährt, oft nicht begreifen können. Das verunsichere sie – auch in Hinblick darauf, was passiert, wenn sie sich denn Hilfe holen.

Der Psychiater hält es aber für wichtig, sich im Zweifel professionelle Unterstützung zu suchen. „Ich glaube, was wichtig ist zu wissen: Es geht gar nicht so viel um komplizierte Dinge. Es geht um Ernstnehmen, um Reden, um Zuhören, um gemeinsame Lösungen finden.“ Das sei ein mächtiges Instrument, was Betroffene nutzen sollten, findet er.