Ein Mann raucht eine elektrische Zigarette (E-Zigarette). Niedersachsens Ärztekammer warnt vor den Gefahren von E-Zigaretten.
dpa/Friso Gentsch

MainzE-Zigaretten sind weiterhin im Trend. Der Branchenverband Bündnis für Tabakfreien Genuss erwartet für dieses Jahr einen Gesamtumsatz von 590 Millionen Euro und damit einen Zuwachs um 25 Prozent gegenüber 2018. Die Zahl der E-Raucher in Deutschland schätzt er auf zwei Millionen.

Harmlos ist der Genuss der in der Regel nikotinhaltigen Liquids, die in handlichen Geräten verdampft werden, jedoch nicht. Das untermalt eine aktuelle Studie, in der Herzmediziner untersucht haben, auf welchen Wegen E-Zigaretten die Blutgefäße und den Blutdruck beeinflussen. Das Team um Thomas Münzel von der Universität Mainz präsentiert seine Ergebnisse im Fachmagazin European Heart Journal. Der Kardiologe findet, dass Deutschland über ein generelles Verbot von E-Zigaretten nachdenken sollte – vor allem, um Jugendliche zu schützen. „Wir können nicht zulassen, dass eine ganze Generation nikotinsüchtig wird“, sagt Münzel.

Dampf schädigt die Gefäße - auch ohne Tabak

Die Forscher hatten zunächst 20 gesunde Tabakraucher E-Zigaretten dampfen lassen und 15 Minuten danach die Durchblutung der Oberarmarterie untersucht. Sie stellten fest, dass die Herzfrequenz zugenommen hatte und die Arterie beeinträchtigt war. „Trotz der Tatsache, dass kein Tabakprodukt enthalten ist, führt das akute E-Zigaretten-Dampfen zu einer deutlichen Verschlechterung der Gefäßfunktion“, sagt Münzel. Auf Dauer könne das zu mehr Herz-Kreislauf-Ereignissen wie koronaren Herzerkrankungen, Bluthochdruck und Herzschwäche führen.

Doch was geschieht genau? Um das zu klären, setzten die Forscher insgesamt 124 Mäuse an einem, drei oder fünf Tagen sechsmal täglich 20 Minuten E-Zigaretten-Dampf aus. Ergebnis: Bei den Tieren erhöhte sich die Herzfrequenz, die Arterien versteiften sich. Die Funktion der inneren Auskleidung der Blutgefäße, des Endothels, war beeinträchtigt. Das Endothel spielt eine wichtige Rolle im Körper: Es reguliert Entzündungsprozesse, erweitert und verengt Gefäße, schützt das Gewebe vor Giften und verhindert Gefäßverkalkung.

Giftiges Acrolein verursacht oxidativen Stress und Entzündungen

Die Forscher machten verschiedene Faktoren ausfindig, über die der Dampf auf die Gefäße wirkt. Eine Schlüsselrolle spielt das körpereigene Enzym NOX-2, das unter anderem an der Bakterienabwehr beteiligt ist. Das giftige Acrolein im E-Zigaretten-Dampf aktiviere die körperschädigenden Effekte von NOX-2, erläutern die Forscher. In der Folge entstehen in den Blutgefäßen reaktive Sauerstoffverbindungen, es kommt zu sogenanntem oxidativem Stress und zu Entzündungsreaktionen.

Bei einer Gruppe genetisch veränderter Mäuse, die kein NOX-2 bildeten, zeigten sich wesentlich weniger Auswirkungen. Wenn überhaupt vorhanden, waren die negativen Effekte viel schwächer als bei den übrigen Mäusen. Zudem entdeckten die Forscher, dass zwei Wirkstoffe – Macitentan und Bepridil – die Mäuse vor solchen Folgen von E-Zigaretten schützen können und fanden so weitere Signalwege, auf denen Substanzen aus E-Zigaretten auf Blutgefäße wirken können.

Ungesundes Aerosol

Liquids: In E-Zigaretten wird eine aromatisierte, meist nikotinhaltige Flüssigkeit (Liquid) erhitzt. Es entsteht ein Aerosol, also feine und ultrafeine Flüssigkeitspartikel, die inhaliert werden. Hauptbestandteile der Liquids sind Propylenglykol und/oder Glycerin, Aromen und Nikotin.

Schadstoffe: Das Aerosol kann Formaldehyd (krebserzeugend), Acetaldehyd (möglicherweise krebserzeugend), Acrolein (reizend, giftig), und Metalle enthalten – etwa Nickel (krebserzeugend bei Inhalation), Chrom (krebserzeugend) und Blei (giftig, mglw. krebserzeugend).

Todesfälle: 39 Menschen sind in den USA nach dem Gebrauch von E-Zigaretten gestorben, mehr als 2000 erkrankten. Mögliche Ursache ist das Öl- Vitamin-E-Acetat. Es kann beim Einatmen gefährlich werden. In Deutschland darf es den Liquids nicht zugefügt werden

Tierversuche belegen die Ergebnisse der Mediziner

Münzel sieht die Tierversuche mit Einschränkungen als durchaus übertragbar auf den Menschen. Mit den Experimenten sei der Beweis geliefert, dass Acrolein aus E-Zigarettendampf über NOX-2-Aktivierung zu oxidativem Stress in Blutgefäßen einschließlich denen in Lunge und Gehirn führt. „Insofern kann man auf keinen Fall von einer gesunden Alternative für Raucher sprechen“, betont Münzel. Auch wenn es sich aus der Studie nicht direkt ablesen lasse, seien Organschäden bei einer Daueranwendung von E-Zigaretten sehr wahrscheinlich.

E-Zigaretten seien aufgrund der geringeren Konzentration von Schadstoffen im Dampf sicher weniger schädlich als normale Zigaretten, erwiesen sich jedoch mehr und mehr als Einstiegsdroge für künftige Raucher, betont Münzel. Er spricht sich unter anderem für Gesetzesvorgaben aus, die verhindern, dass junge Menschen Zugang zu Tabakerzeugnissen und E-Zigaretten haben. Auch müsse es ein Werbeverbot für E-Zigaretten geben. Jugendliche und ihre Familien sollten zudem verstärkt über die gesundheitlichen Risiken aufgeklärt werden.

Vergleicht man Rauchen und Dampfen, schneidet die neue Variante des Nikotinkonsums immer noch besser ab. Ute Mons etwa, die am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) die Stabsstelle Krebsprävention leitet, sieht E-Zigaretten zwar auch als gesundheitsschädlich an, Tabakzigaretten aber als noch gefährlicher. Ähnliche Mechanismen wie die in der Studie entdeckten seien auch von Tabakrauchern bekannt.

E-Zigarette ist weniger schädlich als Rauchen - gilt aber als Einstiegsdroge

Je nach Temperatur und Glyceringehalt entstehe in E-Zigaretten mehr oder weniger Acrolein. Generell enthalte Dampf in der Regel aber weniger Acrolein als in Zigarettenrauch. „Die Herz-Kreislauf-Effekte des Rauchens sind auch wesentlich stärker als beim Dampfen“, sagt Mons. Insgesamt gebe es im Dampf der E-Zigaretten auch wesentlich weniger verschiedene Schadstoffe.

„Dampfen wollen wir natürlich nicht propagieren“, betont Mons. Wichtig seien das bestehende Verkaufsverbot für unter 18-Jährige und weitere Werbebeschränkungen. Für Zigarettenraucher sei es gesünder, wenn sie mit Entwöhnungsprogrammen komplett aufhörten. „Für die, die dies nicht wollen oder können, ist es aber besser, E-Zigaretten zu verwenden, statt weiter zu rauchen.“

Die in der Studie gemessenen Effekte auf die Gefäßfunktion seien kurzfristig und vorübergehend. Langzeiteffekte des Dampfens seien noch nicht untersucht. „Man sieht nur Kurzzeiteffekte, die auf lange Sicht aber zu Arteriosklerose führen könnten“, sagt Ute Mons. Von Zigarettenrauchern sei bekannt, dass sich die Herz-Kreislauf-Effekte nach dem Aufhören in der Regel relativ schnell verminderten.