Antibiotikaresistenzen sind kein größeres Problem – doch sie können eines werden

Deutschland hat in der Corona-Pandemie wenig Antibiotika gegeben und steht auch deshalb bei den Resistenzen im Vergleich gut da. Das kann sich schnell ändern. 

Antibiotika-Resistenzen sind in Deutschland derzeit weniger ein Problem als in USA, Afrika oder Südeuropa.
Antibiotika-Resistenzen sind in Deutschland derzeit weniger ein Problem als in USA, Afrika oder Südeuropa.dpa

Glaubt man den Wissenschaftlern, die  zum Auftakt der World Antimicrobial Awareness Week dem Science Media Center Rede und Antwort gestanden haben zum Thema Antibiotikaresistenzen in Deutschland, dann stehen wir hierzulande noch gut da – nicht nur im Vergleich zu Afrika, sondern auch im Vergleich zum Süden Europas und zu den USA. 

Grund sei unter anderem „gutes klinisches Management“ – und die ärztliche Leitlinie zu Corona: Man habe hierzulande schnell erkannt, dass die neuartige Erkrankung eher nicht dazu neige, zusätzlich zum Virus auch noch bakterielle Superinfektionen zu verursachen, deshalb sei man mit der Gabe von Antibiotika  zurückhaltend gewesen. Was wiederum dazu geführt habe, dass sich weniger Antibiotikaresistenzen ausgebildet hätten. 

Deutschlandweit sterben jährlich etwa 2500 Menschen an Antibiotikaresistenzen, die meisten im Krankenhaus, EU-weit sind es jährlich etwa 35.000. Die Lage in Deutschland sei im Gegensatz zu vielen anderen Ländern trotz Corona stabil. Doch die Wissenschaftler wiesen zugleich darauf hin, dass sich das auch sehr schnell ändern könne – sobald ein antibiotikaresistenter Keim aus anderen Ländern sich auch hier verbreite. Zudem habe sich die Finanzierung der Produktion neuer und wirksamerer Antibiotika stark verändert.

„Big Pharma“, also die großen international agierenden Pharmahersteller, hätte sich aus dem Bereich der Antibiotikaproduktion weitestgehend zurückgezogen, weil sie defizitär geworden sei. Das könne gefährlich werden, man brauche nun viele gute neue Ideen in der Forschung – und EU-Fördergelder. Doch das ist nicht das einzige Problem. 

Aus Sorge vor zu großen Abhängigkeiten von anderen Ländern fordert Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) vom Bund nun ein Förderkonzept für mehr Arzneimittelproduktion in Europa. Deutschland und die EU seien bei Arzneimitteln zu sehr auf China oder auch Indien angewiesen, das habe sich in der Pandemie gezeigt. „Nicht nur Fiebersäfte für Kinder waren knapp, sondern zeitweise auch überlebenswichtige Medikamente zur Brustkrebstherapie und Allergiemedikamente. Deshalb muss jetzt endlich gehandelt werden“, so Holetschek. In der Tat kam es in den vergangenen Jahren zu Engpässen, auch bei Mitteln für Volkskrankheiten, etwa gegen Bluthochdruck oder Schilddrüsenerkrankungen. 

Allein China sei für rund 40 Prozent der weltweiten Antibiotikaexporte verantwortlich, betonte Holetschek außerdem. „Dass die gesamte EU so am Tropf Chinas hängt, ist nicht akzeptabel. Vielmehr müssen versorgungsrelevante Wirkstoffe wieder in Europa selbst hergestellt werden. Denn sonst laufen wir in ein gesamtgesellschaftliches Gesundheitsrisiko.“ Es brauche dringend eine Förderung der EU-Produktion, auch der Pharmastandort Deutschland müsse weiter gestärkt werden. 

„Werden beispielsweise Antibiotika fast nur noch in Ländern mit niedrigeren Produktionsstandards hergestellt, dann fördert das die Entstehung von Resistenzen gegen diese Antibiotika.“ Hintergrund seien Antibiotika, die in jenen Ländern bei der Produktion ins Abwasser gelangen. Dadurch könnten Bakterien Abwehrstrategien gegen sie entwickeln, also resistent werden.

„Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, dann fallen wir wieder zurück in Zeiten, in denen viele Infektionen lebensbedrohlich sein können. Das können – neben anderen Faktoren – gute Produktionsstandards verhindern“, sagte Holetschek. Daher müsse die Antibiotikaproduktion und -forschung in der EU schnell angekurbelt werden. Deutschland solle die Pharmaunternehmen fördern, die ihre Produktion in Deutschland ausbauen.

Doch bei der Antibiotikaproduktion kommt es bislang auf einen langen Atem an – weshalb etwa Start-ups hier oft nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen, betonten die Wissenschaftler am Donnerstag. Sie forderten deshalb die Stärkung der Forschung. 

Ob nun die Fördertöpfe gefüllt werden für die Forschung oder für die schnelle Produktion, eines ist klar: Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass das Gesundheitssystem in Deutschland gerade eben so gehalten hat. Noch mehr Belastungen können die Ärzte und Pflegekräfte nicht tragen. Die Bundesregierung täte gut daran, sich nun um die Probleme zu kümmern, die außerhalb von Corona schlummern – und zwar nicht erst dann, wenn die Hütte wieder lichterloh in Flammen steht.