Eine Frau versucht, sich mit einer Atemmaske vor dem Coronavirus zu schützen.
Foto: AFP/Ernesto Benavides

BerlinDas Coronavirus breitet sich in Deutschland weiter aus. Das hat auch in Berlin Folgen: Bestätigte Infektionsfälle gibt es hier noch nicht, aber die ITB Berlin, die weltgrößte Reisemesse, wurde nach langem Hin und Her am Freitagabend endgültig abgesagt.

Ebenfalls am Freitag wurde die erste Infektion in Norddeutschland nachgewiesen: bei einem Kinderarzt des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf, der aus einem Urlaub in Italien zurückgekehrt war. Der Mann befindet sich laut Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg mit seiner Frau in häuslicher Isolation. Nach ersten Erkenntnissen hatte er Kontakt mit etwa 100 Menschen. 50, mit denen er in der Klinik engeren Kontakt hatte, stehen ebenfalls unter Quarantäne, darunter 16 Kleinkinder und 12 Ärzte. Ob sich am Wohnort des Arztes Menschen angesteckt haben könnten, wird noch geklärt.

Pflegeheime rüsten sich für Coronavirus

Die Ansteckungsgefahr von Sars-CoV-2, wie das Coronavirus wirklich heißt, ist hoch. Nach allem, was bisher bekannt ist, erkrankt zwar die große Mehrheit der Infizierten entweder gar nicht oder hat Symptome wie bei einer leichten Erkältung. Doch für Personen, die bereits ein geschwächtes Immunsystem haben, ist das Coronavirus gefährlich. Pflegedienste und Seniorenheime versuchen deshalb, sich zu rüsten.

„Wir versorgen hier eine Risikogruppe“, sagt Caritas-Sprecherin Claudia Appelt, „und deswegen sind wir gerade dabei, einen Pandemieplan vorzubereiten.“ Rund 4700 Menschen werden von der Caritas Altenhilfe in  Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern ambulant und stationär versorgt. Um das Virus von ihnen fernzuhalten, „haben wir unsere Mitarbeiter angewiesen, dafür zu sorgen, dass niemand am Empfang vorbeikommt, ohne sich zuerst auf der Besuchertoilette die Hände zu desinfizieren“. Außerdem sei man dabei, verschiedene Szenarien durchzugehen – zum Beispiel, wie viele Menschen in einer Einrichtung theoretisch isoliert werden könnten, falls in den Krankenhäusern keine Betten mehr frei wären.

Der Deutsche Pflegerat, der Dachverband der wichtigsten Branchen-Berufsverbände, hat am Freitag seine Mitglieder eindringlich auf die wichtigsten Coronavirus-Informationen und Hygienetipps hingewiesen. Bei einem Informationstreffen mit den Gesundheitsprofessionen am Mittwoch hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits darum gebeten, dass die Informationsblätter des Deutsche Pflegerats in allen Einrichtungen verbreitet werden.

Quelle: BZgA

Auch bei der Caritas werden die Beschäftigten sensibilisiert. Dort gibt es allerdings auch weitergehende Pläne. „Zu unseren Vorsichtsmaßnahmen gehört auch, dass wir unsere Vorräte an Desinfektionsmitteln und Atemschutzmasken aufstocken“, sagt Caritas-Sprecherin Claudia Appelt. Zumindest am Donnerstag seien Bestellungen noch möglich gewesen. Und: Die Vorräte sollen eingeschlossen werden, damit niemand vom Personal in die Versuchung kommt, sich privat einzudecken. Dabei schätzte das Robert-Koch-Institut die Gefahr in Deutschland am Freitag immer noch als „mäßig bis gering“ ein. Pflegeeinrichtungen müssen sich trotzdem auf Katastrophen-Szenarien einstellen. Was tun, wenn im großen Stil Personal ausfällt, weil zum Beispiel Kitas geschlossen bleiben oder ganze Bezirke gesperrt werden? Wie viele Menschen könnten innerhalb einer Einrichtung isoliert werden, sollten in den Krankenhäusern keine Betten mehr frei sein? Geht in einem Verdachtsfall der erste Anruf an den Hausarzt oder das Gesundheitsamt? Alles Fragen, die in vielen deutschen Pflegeeinrichtungen in diesen Tagen noch offen sind.

Sind Krankenhäuser einer Pandemie gewachsen?

Die Vizepräsidentin des Sozialverbandes Ursula Engelen-Kefer äußerte am Freitag „große Zweifel“, ob deutsche Krankenhäuser einer echten Pandemie gewachsen wären. Zu stark sei in den vergangenen Jahren an Personal und Ausstattung gespart worden. „Mir machen vor allem der Mundschutzmangel und die Medikamentenengpässe Sorgen“, sagte sie. Lieferengpässe sind für Deutschlands Apotheker allerdings auch ohne Corona schon lange   zur Normalität geworden. 48.000 verschreibungspflichtige Medikamente sind in Deutschland zugelassen. Davon standen laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im vorigen Jahr 285 Medikamente auf einer sogenannten Lieferengpass-Liste. Das heißt: Sie sind gar nicht oder nur schwer zu bekommen.

Mit einem gesonderten Corona-Effekt rechnet das Bundesinstitut allerdings nicht, sagt BfArM-Sprecher Maik Pommer. Zwar sei Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei, ein Zentrum für die Fertigung von Wirkstoffen für Schmerzmittel wie etwa Paracetamol. Doch würden dort konkret nur elf Wirkstoffe produziert, die auch für hierzulande eingesetzte Medikamente nötig sind. Institutssprecher Maik Pommer: „Für die Versorgung der Patientinnen und Patienten in Deutschland sind diese jedoch nicht marktrelevant, da dieselben Wirkstoffe auch in anderen Wirkstoffherstellorten produziert werden.“

Vorratskäufe im Handel

Tatsächlich rechnen auch die Berliner Apotheken „zeitnah“ nicht mit Auswirkungen der Corona-Krise auf die Versorgung mit Medikamenten. „In der Arzneimittelversorgung gibt es keine Just-in-time-Lieferung wie in der Autobranche“, sagt Stefan Schmidt, Sprecher des Berliner Apotheker-Vereins. In den nächsten Wochen und Monaten seien also auch keine Versorgungsengpässe zu erwarten. Weit größer sei bei ihm die Sorge vor unbegründeten Hamsterkäufen. „Es macht wirklich keinen Sinn, jetzt 20 Packungen irgendeiner Arznei zu kaufen“, sagt Schmidt.

Vorratskäufe machen sich inzwischen auch im Handel bemerkbar. Besonders begehrt sind nach Auskunft von Lidl Konserven, Nudeln, Klopapier und Desinfektionsmittel. Laut Aldi Nord könne die hohe Nachfrage dazu führen, dass einzelne Artikel kurzzeitig vergriffen seien. Weitreichende Lieferengpässe für Lebensmittel oder Hygieneprodukte schloss das Unternehmen allerdings vorerst aus.

Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel im Alltag unnötig

Der stellvertretende Leiter des Robert-Koch-Instituts Lars Schaade wies unterdessen am Freitag erneut darauf hin, dass Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel im Alltag unnötig seien. Viel wichtiger: regelmäßiges Händewaschen mit Wasser und Seife und eine korrekte Nies- und Hustetikette.

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) sind mittlerweile weltweit mehr als 50 Länder vom Coronavirus betroffen. In der Schweiz wurden wegen der steigenden Zahl von Coronavirus-Fällen bis mindestens Mitte März alle Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen untersagt. Dazu gehören unter anderem der Genfer Autosalon ebenso wie die Basler Fasnacht.