Dagmar Sauerlandt ist die Mutter der Aquafitnessbewegung in Berlin. Schon seit Anfang der 90er-Jahre  unterrichtet die Bademeisterin moderne Variante der Wassergymnastik.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin-WilmersdorfDieser Text beginnt mit einem Geständnis: Ich habe Aquafitness   belächelt. Zwei Jahre ist das her, damals war die Schwimmhalle unweit der Jannowitzbrücke noch nicht geschlossen. Parallel zum Training meines Schwimmvereins fanden dort Aquafitness-Kurse statt. Die Bewegungen des Vorturners kamen mir unglaublich exaltiert vor, die Damenriege zu seinen Füßen schien sich dagegen nur milde im Wasser hin- und herzuwiegen. Es fiel mir damals schwer, das als Sport   ernst zu nehmen. Doch angesichts der Vielzahl von Aquafitness-Kursen bei den Berliner Bäderbetrieben und in Sportstudios war es jetzt an der Zeit, die Probe   aufs Exempel zu machen.

Immer schön aufrecht

„Es guckt nur   der Kopf aus dem Wasser, den Rest sieht keiner. Deshalb sind die Kurse so beliebt“, sagt Dagmar Sauerlandt. In Shorts, Muskelshirt und Turnschuhen steht die durchtrainierte Frau um die 50 an diesem Donnerstagmittag am Beckenrand des Stadtbads Wilmersdorf. Dagmar Sauerlandt ist so etwas wie die Mutter der   Aquafitnessbewegung in Berlin. Als eine der Ersten hat die Bademeisterin Anfang der 90er-Jahre damit begonnen, die moderne Variante der Wassergymnastik zu unterrichten.

Vorturnerin am Beckenrand: Dagmar Sauerlandt.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter 

Im Minutentakt treffen die Teilnehmerinnen ihres Kurses ein, alle begrüßen sich herzlich. Viele der Frauen kennt die Trainerin seit Jahrzehnten, manche waren schon bei Sauerlandts allererstem Kurs dabei. „Das Tolle ist, dass man sich durch den Auftrieb im Wasser schwerelos fühlt. Das genießen   vor allem Menschen, die sonst in ihren Bewegungen eingeschränkt sind“, sagt sie.

Schweiß auf der Stirn

Für das Schwerelos-Gefühl im Wasser sorgt auch ein dicker   Schaumstoffgürtel auf der Hüfte. Dagmar Sauerlandt kontrolliert den Sitz meines Gürtels und zieht ihn noch etwas strammer. „Er muss fest sitzen“, erklärt sie. Denn durch den Wasserdruck verringere sich der Körperumfang um einige Zentimeter, ein zu locker sitzender Gürtel würde zu weit nach oben rutschen. „Immer schön aufrecht im Wasser stehen, das ist ganz wichtig“, gibt sie mir mit auf den Weg ins tiefe Becken. „Und wenn Sie anfangen, im Wasser zu frieren, dann strengen Sie sich nicht genug an.“ Doch kalt wird mir in den nächsten 45 Minuten nicht, eher steht mir Schweiß auf der Stirn. Oma-Sport? Welch’ üble Nachrede!

Aquafitness als Sammelbegriff für alle Bewegungsangebote im Wasser gehört heute zu den beliebtesten Fitnessangeboten in jeder Altersgruppe.“

Wolfgang Lehmann, Referent für Gesundheitssport beim Deutschen Schwimmverband

Wobei: Es sind schon hauptsächlich Frauen um oder über 60, die sich   mit mir ins Wasser begeben. Doch das mag auch an der für Berufstätige eher ungünstigen Mittagszeit liegen, in der dieser Kurs stattfindet. Ein spezielles 65plus-Angebot ist er jedenfalls nicht, aber auch einen solches haben die Berliner Bäderbetriebe (BBB) im Angebot. Etwa 120 Aquafitness-Kurse sind auf der BBB-Website aufgelistet, die meisten liegen in den Nachmittag- oder in den Abendstunden. Bei „Aqua Basic“ ist die Belastung niedrig, bei „Aqua to the limit“ hoch. Ich habe mich für „Aqua Vital“ entschieden, einen Kurs mit mittlerer Intensität.

Einfach mal ausprobieren

Öffentliche Bäder: Die Berliner Bäderbetriebe bieten unterschiedlichste Aquafitness-Kurse, die Kurse dauern im Normalfall 45 Minuten. Eine Anmeldung ist nicht nötig, die Zehnerkarte kostet 95 Euro, dazu kommt der Eintritt. Mehr Infos: www.berlinerbader.de/
aqua-programm/


Private Trainer: Daneben gibt es Angebote von freien Trainerinnen. Die Sportwissenschaftlerin Petra Schade etwa bietet Kurse u.a. im Hotel Esplanade an, die Physiotherapeutin Olga Schweizer gibt Kurse in Hermsdorf.

Fitnessstudios: Auch Ketten wie Fitness First, Holmes Places, Elixia oder Meridian bieten Kurse im Wasser an, sofern ihre Studios über ein Schwimmbecken verfügen. Im Stundenplan finden sich  dann mitunter auch Varianten wie Aqua Running, Aqua Zumba oder Yoga/Pilates auf einem Schwimmbrett.

Dagmar Sauerlandt drückt die Play-Taste ihres Ghettoblasters,   mitreißende Musik aus den 80er-Jahren tönt durch die Schwimmhalle. Die rund zwei Dutzend Wassergymnasten nehmen jetzt den Großteil des Beckens ein, für die Schwimmer bleiben nur zwei geleinte Bahnen.

Alle wissen, wie die Übung geht, die meisten sind seit Jahren dabei. Nur die Reporterin muss genau hingucken, welche Bewegung die Trainerin Dagmar Sauerlandt vormacht. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Aquafitness als Sammelbegriff für alle Bewegungsangebote im Wasser gehört heute zu den beliebtesten Fitnessangeboten in jeder Altersgruppe“, sagt Wolfgang Lehmann, Referent für Gesundheitssport beim Deutschen Schwimmverband. Inzwischen werden im Wasser nicht nur   Fitnessübungen absolviert, sondern es wird auch   gejoggt, gesteppt und auf Unterwasser-Rädern getrampelt, es wird Zumba getanzt, Trampolin gesprungen und es werden Hanteln gestemmt. „Im nassen Element haben all diese Übungen einen entscheidenden Vorteil: Das eigene Körpergewicht muss durch den Auftrieb nicht getragen werden, die Gelenke werden so gut wie gar nicht beansprucht“, sagt Sportwissenschaftler Lehmann.

Fordernd und entspannend zugleich

Zugleich werde jeder Bewegung im Wasser ein erheblich größerer Widerstand entgegensetzt als an der Luft. „Die Muskeln müssen umso mehr Arbeit leisten. Alle Muskelgruppen sind gleichzeitig gefordert. Diese Beanspruchung ist die beste Voraussetzung für eine Steigerung von Kraft, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit“, sagt Lehmann. Lunge und Herz-Kreislauf-System würden gestärkt, durch den Wasserdruck werde die Durchblutung verbessert, das kühle Wasser wirke wie ein Gefäßtraining, aber auch entspannend.

Eine Freundin hat mir von dem Kurs vorgeschwärmt. Deshalb habe ich Aquafitness ausprobiert. Ich kann es jedem nur empfehlen."

Rosi Müsebeck, Kursteilnehmer 

Nicht ohne Grund also bezuschussen einige Krankenkassen die Teilnahme an Kursen, die von zertifizierten Trainern geleitet werden.

Von Trainern wie Dagmar Sauerlandt beispielsweise.  In den ersten zehn Minuten lässt sie uns vergleichsweise einfache Übungen machen: auf der Stelle joggen beispielsweise, wobei wir die Arme mitbewegen sollen. Ich merke sofort, dass es mir das Wasser schwerer macht, meine Knie anzuheben und meine Arme mitzuschwingen.

Nach der vergleichsweise einfachen Aufwärmphase wird es etwas komplizierter: Die Trainerin springt in einer Art Scherenschritt am Becken hin und her, und zwar im Takt eines lateinamerikanisch angehauchten Popsongs. Trotz aller Mühe gelingt es mir nicht, ihre Beinfrequenz zu erreichen. Und als wir dann noch die Arme  abwechselnd ausbreiten und vorne zusammenführen sollen, habe ich   Koordinationsprobleme. Anders als die Frauen ringsum übrigens, die die Bewegungsabläufe offenbar intus haben und mir aufmunternd zublinzeln.

Die Schaumstoffscheiben vergrößern die Handteller, dadurch werden bei Armbewegungen unter Wasser die Muskeln stärker gefordert
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Die Übungen sind leicht zu erlernen, nach ein paar Stunden kennt man alle Kommandos und die wichtigsten Bewegungsabläufe“, erklärt mir die Trainerin nach der Stunde. In der zweiten Hälfte des Kurses greift sich jede Teilnehmerin zwei tellergroße, runde, bunte Schaumstoffscheiben. Sie haben Löcher für den Daumen und die anderen vier Finger und vergrößern den Handteller, sodass es mehr Kraft kostet, die Arme unter Wasser zu bewegen. Die Musik aber wird leider nicht langsamer.

Alternativen

  • Aqua-Jogging: Das Laufen im tiefen Wasser schont die Bänder und Gelenke, auch die Wirbelsäule wird nicht belastet. Deshalb können Aqua-Jogging auch diejenigen machen, für die ein herkömmliches Lauftraining nicht in Frage kommt. Ausprobieren kann man Aqua-Jogging beispielsweise bei der Schwimm-Gemeinschaft Schöneberg, donnerstags von 15 bis 15.45 Uhr in der Schwimmhalle am Sachsendamm.    
  • Wasser-Gymnastik: Die Gymnastik-Übungen im warmen Wasser mit Bodenkontakt kräftigen die Muskulatur, fördern die Beweglichkeit und regen Kreislauf und Stoffwechsel an. Besonders geeignet ist dieser Sport für Übergewichtige, denn durch den Auftrieb im Wasser werden die Gelenke, die Bänder und der Rücken geschont. Das DRK bietet verschiedene Präventionskurse für  Teilnehmer ab 55 Jahren, freie Plätze gibt es in Weißensee und Karlshorst.  
  • Float-Yoga: Man kann Yoga nicht nur an Land machen, sondern auch auf dem Wasser. Es gibt dafür spezielle Bretter, auf denen es dann gilt, das Gleichgewicht zu halten, während man den Sonnengruß praktiziert oder sich in den Hund schiebt. „Floatfityoga trainiert die Tiefenmuskulatur des gesamten Körpers“, heißt es auf der Website des Fitnesskette Holmes Place, die solche Kurse beispielsweise in ihrem Studio am Gendarmenmarkt anbietet. 

Als „Lambada“ ertönt, jener Ohrwurm aus dem Jahr 1989, glaube ich an eine Sinnestäuschung: Singt da etwa jemand mit? Höre ich richtig? Ich blicke mich um. In so manchem Gesicht – das eine eher angestrengt blickend, das   andere vergnügt – bewegen sich Lippen,     einige singen relativ unbefangen mit, andere nur leise für sich.

Aus dem Wasser in die Höhe schrauben

Dagmar Sauerlandt befördert das Disco-Gefühl mit ihrer Musikauswahl: Zum Schluss spielt sie einen Song, dessen Melodie sich immer wieder in die Höhe schraubt. Wir im Wasser sollen das nachahmen und mit kräftigen Beinbewegungen etwas höher aus dem Wasser kommen.   Alle machen mit, die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt. Und dann ist die Stunde auch schon aus. Zu belächeln gab es wirklich gar nichts. Erst recht nicht den Muskelkater am nächsten Tag.