Du bist, was Du isst: Kaum eine Debatte wird so dogmatisch geführt wie die um unser Essen. Dabei beanspruchen sowohl Veganer und Vegetarier als auch Flexitarier und bekennende Fleischesser regelmäßig für sich, auf der richtigen Seite zu stehen und den anderen Gruppen in Fragen der Gesundheit, der Ethik und des Umweltbewusstseins überlegen zu sein. Doch so einfach ist es natürlich nicht.

In der Arte-Dokumentation „Gut, besser, vegan?“ versucht John Kantara genau diese Frage zu klären. Ist eine Ernährungsweise, die ganz auf tierische Produkte verzichtet, in der Tat „die beste“? Der Reporter trifft sich mit zahlreichen Experten, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Rinderzucht verursacht mehr Klimagase als sämtliche Verkehrsmittel

Auf den ersten Blick scheint das tatsächlich so zu sein: Schließlich werden pro Jahr 800 Millionen Nutztiere geschlachtet, um unseren Fleischkonsum abzudecken. Und: Die Rinderzucht verursacht mehr Klimagase als sämtliche Verkehrsmittel, vom Auto bis zum Flugzeug, weltweit.

Professor Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erklärt im Film, dass unser Stoffwechsel immer noch im Steinzeitmodus ist. Das heißt: Wir können Fett sehr gut für schlechte Zeiten speichern. Da wir unser Essen aber nicht mehr selbst jagen, sondern mehr Zeit im Büro oder auf der Couch sitzen, brauchen wir diese Fettreserven gar nicht und werden krank. Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Krebs sind die Folge.

Macht es da nicht wirklich mehr Sinn, dass wir auf tierische Produkte ganz verzichten? Nicht unbedingt. Und zwar nicht nur weil für Alternativprodukte wie Soja große Flächen Regenwald für Monokulturen gerodet wurden, Soja in der Regel aus Südamerika importiert und bei seiner Verarbeitung die giftige Chemikalie Hexan genutzt wird. Sondern weil eine vegane Ernährung auch gesundheitliche Nachteile haben kann. 

„Ich brauche den pflanzlichen Teil, ich brauche den tierischen Teil“

Professor Bernhard Watzl, Leiter des Max-Rubner-Instituts für Physiologie und Biochemie der Ernährung, betont im Film: „Die Natur hat eine vegane Ernährung nicht vorgesehen“. Entscheidend sei die Vielfalt, die Natur sehe eine gemischte Ernährung für eine gesunde Lebensweise des Menschen vor. „Ich brauche den pflanzlichen Teil, ich brauche den tierischen Teil. “

Wer keine tierischen Produkte zu sich nehmen wolle, müsse Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Veganer müssten insbesondere auf eine ausreichende Zufuhr des Vitamins B12 achten, das vor allem in Fleisch, Fisch, Eiern und Milch vorkommt. Ein Vitamin-B12-Mangel macht müde, schwach und depressiv und kann zu irreversiblen Schäden am Nervensystem führen, wie es im der Arte-Dokumentation heißt. Immer wieder waren in der Vergangenheit Fälle bekannt geworden, bei denen Kindern von Veganern angeblich durch Mangelernährung starben.

Ist eine rein vegane Ernährung vielleicht sogar gefährlich?

Ist eine rein vegane Ernährung also vielleicht sogar gefährlich, fragt Autor Kantara im Film. Besonders problematisch sei es jedenfalls, wenn Säuglinge und Kleinkinder nicht alle wichtigen Nährstoffe in ausreichender Menge über die Ernährung aufnehmen, so der Leiter des Max-Rubner-Instituts in Karlsruhe. Der Bedarf sei bei ihnen wegen ihres noch wachsenden Organismus besonders hoch.

Und als Erwachsener? Kann eine vegane Ernährung für einen ausgewachsenen Menschen alle wichtigen Nährstoffe liefern? „Ich kann mich ohne tierische Lebensmittel auch gesund ernähren", räumt Wissenschaftler Watzl ein, "aber da bin ich in der Situation, dass ich auf Supplemente angewiesen bin.“ Viele Milchersatzproudkte wie Soja- oder Hafermilch enthalten deswegen zum Beispiel künstlich hinzugefügtes Vitamin B12.

Milchersatzprodukte sind weniger gesund als Milch

Der Wissenschaftler warnt allerdings, dass diese Produkte gegenüber der Kuhmilch, was den Gesundheitsaspekt angehe, Nachteile hätten: Sie haben demnach nicht die gleiche hohe Konzentration an wichtigen Nährstoffen und sind außerdem sehr stark technologisch verarbeitet.

Veganer Käse aus künstlicher Muttermilch?

Ein Schwarz und Weiß scheint es in der Frage, die Autor John Kantara aufwirft, also nicht zu geben. Der Film stellt schließlich auch Forscher vor, die fieberhaft daran arbeiten, „echtes“ Fleisch aus Rinderstammzellen für die breite Masse herzustellen. Professor Mark Post von der Universität Maastricht etwa hatte erst 2014 den ersten Burger-Bratling aus Stammzellen präsentiert. Der Kostenfaktor für die Herstellung des einzelnen Bratlings liegt zurzeit allerdings noch bei 250.000 Dollar.

Und in Kalifornien haben Forscher, so zeigt es der Film, erst kürzlich veganen Käse aus künstlicher menschlicher Muttermilch hergestellt - was die zuständige US-Aufsichtsbehörde allerdings kritisch sieht. Bis sich solche und ähnlich Produkte durchsetzen, wird es also noch einige Zeit dauern. (rer)