London/BerlinAuf derartige Daten warten Wissenschaftler in aller Welt: Zum ersten Mal sind Resultate zur Wirksamkeit eines Covid-19-Impfstoffs in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht worden. Es ist der Impfstoff AZD1222, den die Oxford University zusammen mit dem Astra-Zeneca-Konzern entwickelt, zu dem nun eine solche Publikation aus der entscheidenden klinischen Phase 3 vorliegt. Ähnliche Veröffentlichungen der beiden ebenfalls weit vorangekommenen Hersteller Moderna und Biontech sind zwar angekündigt, aber noch nicht erschienen. 

Das Vakzin AZD1222 sei sicher und biete nach Gabe zweier Dosen einen Schutz von etwa 70 Prozent gegen die Erkrankung, schreibt das Team um Andrew Pollard von der Oxford University im Fachblatt Lancet. Die vorläufigen Resultate bestätigen weitgehend die Daten, die die Universität und der schwedische Pharmakonzern AstraZeneca schon im November vorgelegt hatten.

„Das ist der beste Tag des Jahres 2020“, sagte die ebenfalls an der Publikation beteiligte Sarah Gilbert von der Oxford University in einer virtuellen Pressekonferenz des britischen Science Media Centers. Man strebe nun Zulassungen durch die jeweiligen Behörden weltweit an. Ein Vorteil des Impfstoffs sei der niedrige Preis, betonte Gilbert. Dieser liegt einer Vereinbarung von AstraZeneca mit der Covax-Initiative zufolge bei zwei bis drei US-Dollar pro Impfdosis. 

Aus Versehen mit der halben Dosis geimpft

Bislang erwies sich die Impfung, die in Großbritannien, Brasilien und Südafrika getestet wird, als sicher: Nur drei der knapp 24.000 Teilnehmer entwickelten im Zeitraum von zunächst 3,4 Monaten schwere Nebenwirkungen, bei denen allerdings unklar ist, ob sie durch den Impfstoff hervorgerufen wurden. Einer der Teilnehmer zählt zur Kontrollgruppe, die die Covid-19-Impfung nicht erhalten hatte. Bei einem zweiten ist die Zugehörigkeit unklar. Alle drei seien genesen oder auf dem Weg der Besserung, hieß es.

Die Daten zur Wirksamkeit beruhen den Angaben zufolge nur auf Daten von 11.600 Probanden, die zur Sicherheit auf Daten von knapp 24.000. Die bisherige Schutzwirkung hängt der Auswertung zufolge stark von der Dosis ab: Von jenen 4440 Teilnehmern, die zwei volle Dosen bekommen hatten, erkrankten 27 an Covid-19, was 0,5 Prozent entspricht. In der ähnlich großen Kontrollgruppe waren es 71 (1,6 Prozent). Daraus errechnet sich ein Schutzeffekt von 62 Prozent.

Etwas verwirrend sind die Resultate, die sich dadurch ergeben haben, dass ein kleiner Teil der Probanden versehentlich bei der ersten Impfung nur die halbe Dosis des Impfstoffs erhalten hatte. Denn bei diesen Teilnehmern betrug der Schutz 90 Prozent statt nur 62.  Eine mögliche Erklärung sei, dass das Abwehrsystem nach der ersten Impfung auch Stoffe gegen den Vektor bilde, mit dem geimpft wird, sagte Gilbert. Zu bedenken sei aber auch, dass in diesem Teil der Impfstudie kein Teilnehmer älter als 55 Jahre war.

Der Impfstoff AZD1222 beruht auf der abgeschwächten Version eines Schimpansen-Erkältungsvirus. Er enthält Genmaterial eines Oberflächenproteins, mit dem der Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Das Mittel soll sowohl die Bildung von spezifischen Antikörpern als auch von T-Zellen fördern - beide sind für die Immunabwehr wichtig. Ob Abwehrstoffe gegen das Schimpansen-Erkältungsvirus, das eigentlich nur als Schleuser dienen soll, die geringere Wirksamkeit der beiden vollen Impfdosen erklären, muss noch untersucht werden. Interessant wird in diesem Zusammenhang sein, wie die Zulassungsbehörden mit diesen unterschiedlichen Wirksamkeiten umgehen. Unter anderem bei der europäischen EMA läuft bereits der Zulassungsprozess. 

Auch sonst fehlen noch mehr Daten - etwa über die Wirksamkeit bei älteren Menschen. Denn auch bei jenen Probanden, die zwei volle Dosen erhielten, lassen sich kaum Aussagen zu älteren Menschen treffen. Hier erkrankten nur insgesamt fünf Menschen über 55 Jahren. Die Analysen in dieser Altersgruppe liefen noch weiter, berichteten die Forscher. Gar keine Daten liegen bisher über die Sicherheit des Impfstoffs für Schwangere vor.

Zu den offenen Fragen der Corona-Impfstoffe gehört überdies, ob das Vakzin nur vor schwerer Erkrankung schützt oder auch vor der Infektion. Wöchentliche Abstrich-Tests der Teilnehmer ergaben, dass sich 29 von rund 3300 geimpften Teilnehmern infizierten (0,9 Prozent), in der kaum größeren Kontrollgruppe waren es 40 (1,2 Prozent). Das entspricht einer Schutzwirkung von 27 Prozent. Demnach bietet die Impfung also auch einen gewissen, aber nicht sehr hohen Schutz vor der Infektion. Bei jenen wenigen Probanden, die die beiden unterschiedlichen Impfdosen bekommen hatten, lag der Schutz vor einer symptomfreien Infektion bei 59 Prozent. Zur Dauer des Schutzeffekts können die Forscher bislang noch keine Angaben machen. Insgesamt haben weltweit Länder bereits Milliarden Dosen bei AstraZeneca geordert.

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