London - Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Mit dem britisch-schwedischen Pharmakonzern Astrazeneca hat ein weiteres Unternehmen positive Daten zu einem Corona-Impfstoff vorgelegt. Das Vakzin vermeide mit im Mittel 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken, teilte das Unternehmen auf Basis von Daten aus der wichtigen Testphase 3 am Montag mit. Berücksichtigt wurden Daten der Impfung mit zwei unterschiedlichen Dosierungen, sie ergaben einmal eine Effizienz von 62 Prozent und einmal eine von 90 Prozent. Die Wirksamkeit der Vakzine von Pfizer/Biontech und Moderna liegt für Doppelimpfungen nach vorläufigen Daten bei rund 95 Prozent. 

Ein großer Vorteil des Astrazeneca-Impfstoffs, der gemeinsam mit der University of Oxford entwickelt wurde: Er kann den Angaben zufolge bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad Celsius aufbewahrt werden. Der Wirkstoff AZD1222 gehörte bereits seit längerem zu den vielversprechenden Kandidaten: So hatte die EU bereits vorab bis zu 300 Millionen Dosen davon bestellt. Insgesamt haben verschiedene Länder bereits Milliarden Dosen bei Astrazeneca in Auftrag gegeben.

Auch bei älteren Menschen gute Wirkung

Der Impfstoff zählt zu den sogenannten Vektorimpfstoffen und beruht auf der abgeschwächten Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen. Es enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem der Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Das Mittel wirkt zweifach: Es soll sowohl die Bildung von spezifischen Antikörpern als auch von T-Zellen fördern - beide sind für die Immunabwehr wichtig. Anders als die Impfstoffe der Mainzer Firma Biontech und des Pharmakonzerns Pfizer sowie der US-Firma Moderna gehört das britisch-schwedische Präparat nicht zu den mRNA-Impfstoffen.

Die Oxford-Forscher hatten erst kürzlich im Fachmagazin „Lancet“ berichtet, dass ihr Impfstoff in klinischen Tests der Phase 2 auch bei Älteren gut wirkt. In der Phase-2-Studie habe es bei Teilnehmern sowohl unter als auch über 56 Jahren eine gute Immunantwort gegeben, schrieb das Team. Das Vakzin sei von Älteren sogar besser vertragen worden als von Jüngeren. Den Angaben zufolge waren rund 240 der 560 gesunden Studienteilnehmer über 70 Jahre alt. Ältere Menschen haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf. Zuvor hatte der Wirkstoff AZD1222 für Aufsehen gesorgt, weil die große klinische Studie nach der schweren Erkrankung einer Probandin zwischenzeitlich unterbrochen werden musste. Nach der Überprüfung des Vorfalls durch ein Sicherheitsgremium, konnte die Studie dann aber fortgesetzt werden. 

Beim AZD1222 kommt es womöglich auf die Dosierung an. Die am Montag von Astrazeneca mitgeteilten Ergebnisse stammen aus zwei Studien. Bei der einen, COV002,  wurde bei der ersten Impfung die halbe Dosis und bei der zweiten Impfung einen Monat später die volle Dosierung verabreicht. Den Angaben zufolge lag die Wirksamkeit nach der Auswertung der Daten von 2741 Teilnehmern bei 90 Prozent - und somit recht nahe an der der RNA-Impfstoffe. In der Studie COV003 hingegen wurde im Abstand von einem Monat zweimal die volle Dosis verabreicht. Bei den mehr als 8800 Teilnehmern betrug die Wirksamkeit 62 Prozent. Zusammengenommen ergeben diese Ergebnisse offenbar eine Wirksamkeit von 70 Prozent.

„Diese sehr vorläufigen Daten sind schwer zu interpretieren. Es fällt auf, dass mit einer geringeren Impfdosis eine größere Erfolgsrate zu erzielen war als mit einer höheren Dosis. Das ist zunächst nicht einleuchtend, und es müssen weitere Daten abgewartet werden, bis man das besser einschätzen kann“, sagt Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Uniklinik Köln gegenüber dem Science Media Center Germany. Es sei zu klären, ob es sich um einen rein zufälligen handele oder ob es immunologische Faktoren gebe, die dies begründen.  „All das wissen wir derzeit noch nicht“, sagt der Medizinprofessor. 

Im Vergleich mit den RNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna fällt dem Experten auf: „In die RNA-Impfstoff-Studien sind jeweils deutlich mehr Teilnehmer eingeschlossen worden. Dennoch ist die Zahl der beobachteten Infektionen in diesen Studien mit 94 beziehungsweise 95 Fällen niedriger als bei Astrazeneca. Allein diese Zahlen sprechen dafür, dass der Astrazeneca-Impfstoff etwas weniger effektiv sein könnte als die beiden RNA-Impfstoffe“, sagt Fätkenheuer. Man brauche also dringend detailliertere Daten, um dies wirklich beurteilen zu können. Trotzdem ist er optimistisch: „Insgesamt ist es sehr erfreulich, dass jetzt bereits ein dritter Impfstoff kurz vor der Einführung steht. Für die baldige Überwindung des Covid-19-Pandemie macht das große Hoffnung.“

An der großen klinischen Studie, die jetzt ausgewertet wurde, nehmen mehr als 23.000 Freiwillige in Großbritannien (CoV002) und Brasilien (CoV003) teil. Die Auswertung erfolgte, nachdem 131 Covid-19-Fälle ausgewertet wurde. Weitere Studien mit dem Impfstoff laufen unter anderem in den USA, Südafrika und Kenia. Die Firma Astrazeneca erklärte, sie wolle nun Zulassungsanträge in aller Welt stellen und zudem bei der WHO den Antrag auf ein Emergency Use Listing stellen, um auch Entwicklungsländer in einem beschleunigten Verfahren rasch mit dem Impfstoff beliefern zu können.