Berlin - Nun ist die Häufung doch auffällig. Wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) am Montag mitteilte, sind in Deutschland und anderen europäischen Ländern nach der Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca weitere Fälle schwerwiegender thrombotischer Ereignisse aufgetreten. Nach intensiver Beratung empfiehlt das PEI nun das vorübergehende Aussetzen der Impfungen hierzulande. 

Bei der Analyse des neuen Datenstands sei in zeitlicher Nähe zu den Impfungen eine Häufung einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen aufgetreten, Sinusvenenthrombosen genannt. Damit verbunden waren ein Mangel an Blutplättchen sowie Blutungen. Abgesehen von der Frage, ob es einen ursächlichen Zusammenhang zu dieser Art von Thrombosen gibt, stellen sich hierzulande nun viele praktische Fragen rund um die Astrazeneca-Impfung und deren Aussetzung. Ein Überblick:

Was sind Sinusvenenthrombosen?

Bei der Sinusvenenthrombose wird eine der großen Venen im Gehirn durch ein Blutgerinnsel verstopft. Dadurch können schwere Komplikationen entstehen. Denn wenn das Blut aus der Vene nicht abfließen kann, baut sich ein erhöhter Druck im Schädelinneren auf. Etwa ein Prozent der Schlaganfälle sind auf Sinusvenenthrombosen zurückzuführen. Diese Art von Thrombosen kann infolge von Infektionen auftreten – etwa bei Masern, bakterieller Blutvergiftung und durch parasitäre Krankheiten wie Malaria. Häufiges Symptom ist Kopfschmerz. Behandelt wird in der Regel mit Wirkstoffen wie Heparin, die Blutgerinnsel auflösen. 

Auf welche Symptome ist zu achten?

Personen, die den Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca erhalten haben und sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen – zum Beispiel mit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen –, sollten sich laut PEI  unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben.

Thrombose – Gefährliche Blutgerinnsel

Bei einer Thrombose bildet sich ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß oder im Herzen. Dadurch wird der Blutfluss behindert. Oftmals sind dabei die Beinvenen betroffen.

Risikofaktoren sind beispielsweise eine vorangegangene Operation. Aber auch Entzündungen, Krampfadern und Nierenleiden können die Gefahr erhöhen. Auch einige Medikamente weisen ein höheres Thrombose-Risiko auf. Allgemein bekannt ist dies von der Antibaby-Pille.

Symptome: Verschließt ein Blutgerinnsel eine Beinvene, kann sich das beim Aufstehen durch einen stechenden Schmerz in der Wade äußern. Weitere Anzeichen können eine Schwellung und bläuliche Verfärbung der Haut sein. Diese Symptome müssen nicht gemeinsam auftreten, schon bei einem davon sollte man einen Arzt aufsuchen. Eine rasche Diagnose und Behandlung sind wichtig. Denn vor allem bei einer tiefen Beinvenenthrombose besteht das Risiko einer Lungenembolie.

Was weiß man über die gemeldeten Fälle?

Die sieben Fälle betrafen Menschen zwischen etwa 20 und 50 Jahren, teilte das Paul-Ehrlich-Institut am Dienstag mit. Sechs davon hätten eine sogenannte Sinusvenenthrombose gehabt, sämtlich Frauen in jüngerem bis mittlerem Alter. Ein weiterer Fall mit Hirnblutungen bei Mangel an Blutplättchen bei einem Mann sei medizinisch sehr vergleichbar gewesen. „Alle Fälle traten zwischen 4 und 16 Tagen nach der Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff Astrazeneca auf“, hieß es. Drei der sieben Betroffenen seien verstorben.

Wie häufig sind Sinusvenenthrombosen seit der Impfung mit Astrazeneca aufgetreten?

Laut Paul-Ehrlich-Institut sind sieben Fälle von Sinusvenenthrombosen in Deutschland aufgetreten. Bei 1,7 Millionen Geimpften, die das Vakzin von Astrazeneca seit Anfang Februar bekommen haben, entspricht das etwa vier Fällen pro einer Million Geimpfter.

In Großbritannien sind bisher drei Fälle einer Hirnvenenthrombosen registriert worden, bei insgesamt mehr als elf Millionen verimpften Dosen. Im gesamten europäischen Wirtschaftsraum wurden Stand Donnerstag nach Angaben der Europäischen Arzneimittelagentur EMA 30 Thrombose-Fällen bei knapp fünf Millionen geimpften Personen gemeldet.

Wie schätzen Experten die Vorfälle ein?

Inwiefern die Probleme tatsächlich auf die Impfung zurückgehen könnten und warum sie nur das Astrazeneca-Präparat und nicht die anderen Impfstoffe betreffen sollten, ist bisher unklar. Generell wird diese Form der Thrombose in der Bevölkerung selten diagnostiziert. „Sinusvenenthrombosen treten etwa einmal pro 100.000 Einwohner und Jahr auf. So häufig sehen wir das in der neurologischen Klinik“, sagt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Berlin. „Frauen sind häufiger als Männer betroffen und wahrscheinlich spielen Hormone eine Rolle. In der späten Schwangerschaft, im Wochenbett und bei Frauen, die die Antibabypille einnehmen, sehen wir die Sinusvenenthrombosen am häufigsten.“

Auch der Leiter des Instituts für Virologie der Universität Marburg, Stephan Becker, kann derzeit keine medizinische Einschätzung abgeben: „Ich kann die Symptome der Probanden momentan mechanistisch nicht erklären.” Aber wenn so ein Verdacht im Raum stehe, müsse dem nachgegangen werden.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ist der Meinung, dass sich die gemeldeten Thrombosen der Hirnvenen „mit großer Wahrscheinlichkeit“ auf das Präparat von Astrazeneca zurückführen lassen. „Das sieht man sonst in der Bevölkerung 50 mal im ganzen Jahr in Deutschland“, sagte Lauterbach am Montagmorgen im ARD-Morgenmagazin. Der Zusammenhang mache auch physiologisch Sinn.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht derzeit kein Alarmzeichen. Die Vorfälle seien nicht notwendigerweise aufs Impfen zurückzuführen, betonte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf.

Welche Nebenwirkungen können generell nach Covid-19-Impfungen auftreten?

Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Kopf- und Gelenkschmerzen, auch kurzzeitiges Fieber – diese Nebenwirkungen gelten nach einer Impfung in der Regel als normal. Sie werden als Zeichen gewertet, dass der Körper auf den Impfstoff reagiert und die nötigen Abwehrstoffe gegen das Virus bildet. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) treten diese Impfreaktionen meist schwach bis mäßig auf und klingen nach kurzer Zeit wieder ab.

Bei allen genehmigten Corona-Impfstoffen können laut RKI „in sehr seltenen Fällen“ allergische Sofortreaktionen bis hin zum Schock oder andere auch bisher unbekannte Komplikationen nicht ausgeschlossen werden.

Was soll ich tun, wenn ich Nebenwirkungen merke?

Generell sollten länger anhaltende Nebenwirkungen der eigenen Hausärztin, dem Hausarzt oder in der Apotheke gemeldet werden. Auch wenn der Hausarzt nicht geimpft hat, sollte er immer der erste Ansprechpartner für die Bewertung der Impfreaktionen sein.

Zusätzlich können Nebenwirkungen auch direkt ans Paul-Ehrlich-Institut oder über die SafeVac-2.0-App (Download über Google Play Store oder App Store) des PEI gemeldet werden.

Wie lange kann die zweite Impfung hinausgezögert werden?

Für einen vollständigen Impfschutz durch das Vakzin von Astrazeneca sind zwei Spritzen erforderlich. Die zweite Impfung soll hierzulande vier bis zwölf Wochen nach der ersten erfolgen. Personen, die erst kürzlich geimpft wurden, können also in Ruhe abwarten, bis der aktuelle Verdacht geklärt ist.

Das Impfintervall auf  zwölf Wochen auszuweiten, scheint sogar von Vorteil zu sein, wie sich inzwischen gezeigt hat. So hat eine Ende Februar veröffentlichte Auswertung von vier klinischen Studien ergeben, dass die Schutzwirkung in den zwölf Wochen nach der ersten Dosis langsam zunimmt, die zweite Dosis bewirkt einen erneuten Anstieg. Inzwischen rät die Weltgesundheitsorganisation WHO  dazu, die zweite Impfung erst zwölf Wochen nach der ersten zu verabreichen. Ein erster Schutz ist etwa zwei Wochen nach der ersten Impfung aufgebaut.

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte dem Vakzin ursprünglich auf Grundlage erster Studien eine Wirksamkeit von 60 Prozent zugesprochen. Neue Daten kamen zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit auf mehr als 80 Prozent steigt, wenn der Abstand zwischen den beiden Dosen erhöht wird. 

Wie lange ist der Impfstoff lagerbar?

Das Corona-Mittel AZD1222 von Astrazeneca gehört zu den eher unempfindlichen Impfstoffen: Es kann bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad Celsius bis zu sechs Monate gelagert und transportiert werden. Dass Impfstoffe aufgrund des Aussetzens der Impfungen nun in den Zentren verderben, ist also bis auf weiteres nicht zu befürchten.

Kann man die Impfstoffe miteinander mixen?

Eine gültige Aussage gibt es dazu noch nicht, es fehlt noch an Daten. Generell empfiehlt das Robert-Koch-Institut, bei beiden Impfungen dasselbe Präparat zu benutzen: „Eine begonnene Impfserie muss nach aktuellem Kenntnisstand mit dem gleichen Produkt abgeschlossen werden, auch wenn zwischenzeitlich andere Impfstoffe zugelassen wurden.“ Es sei nicht sicher, welche Auswirkung ein Mix der Vakzine auf die Wirksamkeit habe. Allerdings haben bereits Studien begonnen, in denen zum Beispiel ein Mix des russischen Impfstoffs Sputnik V mit dem von Astrazeneca erprobt wird.

Wie geht es nun weiter?

Das bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA für Sicherheit zuständige Gremium PRAC werde am Donnerstag die Informations- und Datenlage beraten und über weitere Schritte entscheiden, teilte die EMA am Montagabend mit. Sie gehe allerdings auch im Lichte der aktuellen Lage weiterhin davon aus, dass der Nutzen einer Impfung mit dem Impfstoff des Hersteller Astrazeneca die Risiken einer Covid-19-Erkrankung überwiegt. (mit dpa)