Berlin - Seit auch in Deutschland der Corona-Impfstoff von Astrazeneca vorerst nicht mehr verimpft wird, ist die Verunsicherung über die Bedeutung der Entscheidung groß. In den sozialen Netzwerken tauchen immer wieder Vergleiche mit den Nebenwirkungen der Antibabypille auf.

So twitterte Katarina Barley, ehemalige Bundesministerin für Justiz und Verbraucherschutz und amtierende Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments: „Übrigens: Die neueste Generation der Antibabypille hat als Nebenwirkung Thrombosen bei 8–12 von 10.000 Frauen. Hat das bisher irgendwen gestört?“

Die Frage ist berechtigt: Die Risiken der Pille werden immer wieder unterschätzt und Frauen – vor allem die jüngeren – nicht richtig darüber aufgeklärt. Erst seit 2010 ist in Europa der Hinweis auf ein Thrombose-Risiko auf dem Beipackzettel Pflicht. 

Verschiedene Formen, verschiedene Schweregrade

Doch der Vergleich zwischen möglichen Nebenwirkungen der Antibabypille und des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca hinkt. Denn es handelt sich um verschiedene Formen der Thrombose und auch um verschiedene Schweregrade. „Die Thrombosen, die es nach Einnahme der Pille gibt, sind nicht in der Schwere vergleichbar mit den Thrombosen, über die wir hier sprechen“, sagt SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach im Deutschlandfunk.

„Die Angaben zur kombinierten Antibabypille beziehen sich immer auf venöse Thromboembolien, unter denen sowohl tiefe Beinvenenthrombosen als auch Lungenembolien zusammengefasst werden“, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, auf Anfrage der Berliner Zeitung. „Dabei sind Lungenembolien sehr viel seltener, meist handelt es sich um Beinvenenthrombosen.“ Je nach Art der Antibabypille erleiden innerhalb eines Jahres fünf bis zwölf von 10.000 Frauen eine Beinvenenthrombose. Zum Vergleich: Bei Frauen, die nicht hormonell verhüten, sind es zwei von 10.000.

Bei den Thrombosen, die in Zusammenhang mit der Astrazeneca-Impfung diskutiert werden, handelt es sich um Hirnvenenthrombosen, auch Sinusvenenthrombosen genannt. Dies ist eine besonders schwere Form von Blutgerinnseln in bestimmten Venen, die Blut aus dem Gehirn abführen. Laut dem Paul-Ehrlich-Institut sind Hirnvenenthrombosen nur schwer behandelbar. Sie treten etwa einmal pro 100.000 Einwohner und Jahr auf.

In einem möglichen Zusammenhang mit der Astrazeneca-Impfung stehen in Deutschland bisher sieben gemeldete Fälle dieser Hirnvenenthrombosen. Sechs der Betroffenen waren Frauen im jüngeren bis mittleren Alter.

Generell haben Frauen ein höheres Thrombose-Risiko. Ursachen können hormonelle Schwankungen sein, aber auch Übergewicht, Infektionen oder Nikotinkonsum. Welche Ursachen genau zu den Erkrankungen nach der Astrazeneca-Impfung geführt haben könnten, ist noch unklar. Auch, ob es eventuell einen Zusammenhang mit der Einnahme der Antibabypille gibt und dadurch das Thrombose-Risiko verstärkt wird, lässt sich bisher nicht sagen. „Ob die hormonelle Verhütung oder die natürlich produzierten Östrogene hier beteiligt sind, ist bei so niedrigen Fallzahlen kaum nachzuprüfen“, sagt Christian Albring.

Thrombose – Gefährliche Blutgerinnsel

Bei einer Thrombose bildet sich ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß oder im Herzen. Dadurch wird der Blutfluss behindert. Oftmals sind dabei die Beinvenen betroffen.

Risikofaktoren sind beispielsweise eine vorangegangene Operation. Aber auch Entzündungen, Krampfadern und Nierenleiden können die Gefahr erhöhen. Auch einige Medikamente weisen ein höheres Thrombose-Risiko auf. Allgemein bekannt ist dies von der Antibabypille.

Symptome: Verschließt ein Blutgerinnsel eine Beinvene, kann sich das beim Aufstehen durch einen stechenden Schmerz in der Wade äußern. Weitere Anzeichen können eine Schwellung und bläuliche Verfärbung der Haut sein. Diese Symptome müssen nicht gemeinsam auftreten, schon bei einem davon sollte man einen Arzt aufsuchen. Eine rasche Diagnose und Behandlung sind wichtig. Denn vor allem bei einer tiefen Beinvenenthrombose besteht das Risiko einer Lungenembolie.

Das Paul-Ehrlich-Institut äußert sich zu dem Vergleich mit der Antibabypille sehr allgemein: „Es ist richtig, dass für Antibabypillen Thrombosen, auch mit tödlichem Verlauf, als sehr seltene Nebenwirkung bekannt sind. Für die Astrazeneca-Covid-19-Impfung besteht aktuell ein Verdacht auf die sehr seltene Nebenwirkung einer Sinusvenenthrombose mit begleitendem Blutplättchenmangel mit teils tödlichem Verlauf. Sie ist nicht in der Patienteninformation aufgeführt.“ Die Liste der Nebenwirkungen aller Corona-Impfstoffe muss permanent überprüft und erweitert werden, sollten sich Zusammenhänge bestätigen. Dies geht gleichzeitig mit einer Aufklärung über mögliche Risiken einher.