Berlin braucht dringend ein neues Friedhofsgesetz und eine Öffnung gegenüber den Trauernden, hin zu einer Kultur des Trauerns und nicht des Verwaltens.
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Seit ich mich in der Welt der Bestattungen bewege, musste ich viel lernen und verstehen. Dass es Institutionen gibt, denen man keine E-Mails schicken kann, sondern nur Faxe, was ja noch fast sympathisch ist; dass man große Mitbewerber nicht für ihren Umgang mit Verstorbenen kritisieren darf, ansonsten gibt es richtig Ärger.

Das Wichtigste, was ich lernen musste: In diesem Bereich ist die Logik der „normalen Welt“ ausgehebelt. Während man landläufig glaubt, dass das Weltliche der Fortschritt ist und die Kirche die Bewahrung, so sieht das spätestens dann ganz anders aus, wenn es ums Sterben und Bestatten geht.

In unseren Breitengraden dürfen zwei Arten von Institutionen Friedhöfe betreiben, um damit einer hoheitlichen Aufgabe nachzukommen: einerseits Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften, andererseits die städtische Gemeinde selbst. Im Erscheinungsgebiet dieser wunderbaren Zeitung wären das somit die Stadt Berlin oder eine der großen Kirchen.

Weltgewandt, liberal, offen - nicht bei Trauerfeiern

Bei seinen Einwohnern und den vielen Menschen, die es hierherzieht, mag Berlin ja als weltgewandt, liberal und offen gelten. Doch spätestens, wenn sie sterben, werden deren Angehörige entdecken, wie aus der Zeit gefallen die Städtischen Friedhöfe sind. (Ausnahmen, die dank eines aufgeweckten Friedhofsverwalters etwas progressiver sind, erfreuen sich meiner ewigen Liebe.)

Du möchtest die Trauerfeier für deine Frau draußen im Freien am Grab machen, um zu ihrem Abschied mit euren Freunden noch einmal die Sonne scheinen zu lassen? Auf den Städtischen Friedhöfen in Berlin: offiziell verboten.

Ihr wollt für euren Freund noch einmal sein Lieblingslied hören, während sein Sarg gesenkt wird? Auf den Städtischen Friedhöfen in Berlin: offiziell verboten.

Eine Brassband soll den Trauerzug von der Kapelle zum Grab anführen, damit der Klang des Lebens Einzug in den Trauermarsch hält? Ihr denkt es euch längst: Auf den Städtischen Friedhöfen in Berlin: offiziell verboten.

Und jetzt fragen wir uns – na ja, zumindest ich frage mich das –, weshalb es auf so vielen kirchlichen Friedhöfen möglich ist, sich individuell zu verabschieden. Warum haben die Kirchen es verstanden, dass der Friedhof als Ort nur eine Zukunft haben wird, wenn er, sicherlich immer mit Bedacht, sich für die Menschen und ihre Bedürfnisse öffnet?

Berlin braucht eine Änderung der Friedhofsgesetze

Die offizielle Begründung für alle Verbote auf Städtischen Friedhöfen ist, dass sich andere Trauernde vom allzu menschlichen Trauern gestört fühlen könnten. Muss man zweimal lesen, aber genau so lautet die Begründung. Nur leider hört es da nicht auf. Die gleiche Situation finden wir vor, wenn es um die Gestaltung der Gräber auf den Friedhöfen geht. Innovation? Rücksicht auf persönliche Wünsche? All das findet man zumeist und vor allem zuerst auf den kirchlichen Friedhöfen.

Nur, was folgt daraus? Berlin braucht dringend eine Kommission, die sich anschaut, wie das Berliner Friedhofsgesetz novelliert werden kann. Hin zu einer Öffnung gegenüber den Trauernden, hin zu einer Kultur des Trauerns und nicht des Verwaltens. Denn die größte Gefahr für die Städtischen Friedhöfe besteht darin, dass sie Opfer ihrer eigenen Verkrustung und noch weniger genutzt werden.

Schon jetzt bestatten wir manche Menschen drei Bezirke von ihrem Wohnort entfernt. Nur weil der dortige Friedhof ihren Angehörigen das gibt, was ein Friedhof im besten Falle leisten kann: einen Ort, an dem man trauern und dabei gleichzeitig das Leben feiern kann.