Frankfurt am Main - Seit Beginn der Pandemie sitzen Geschwister enger aufeinander als je zuvor. Bei geschlossenen Schulen, ohne Sport, Freunde und andere Aktivitäten außer Haus wird das Verhältnis in vielen Familien hart auf die Probe gestellt. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Brüdern und Schwestern seither verändert? Und bleibt das jetzt so?

Sonja Rohrmann lehrt differentielle Psychologie und psychologische Diagnostik an der Frankfurter Goethe-Universität. Zum Verhältnis von Geschwistern zueinander zitiert sie den Dichter Kurt Tucholsky: „Entweder sie sind auf dem Kriegspfad, oder sie rauchen die Friedenspfeife.“ In Ausnahmezeiten wie im pandemiebedingten Lockdown sei beides möglich: Geschwister könnten besonders viel streiten, aber auch zusammenwachsen, sagt sie.

Was von beidem zutreffe, hänge von verschiedenen Faktoren ab: etwa der Persönlichkeit der Kinder oder von der häuslichen Situation und wie es den Eltern in diesen für alle belastenden Monaten geht. In der Pandemie hätten Kinder viel Frust. „Den Ärger leben sie bei den Menschen aus, wo sie es sich am ehesten leisten können. Geschwister bekommen die volle Breitseite ab, weil man weiß: Die verliert man nicht.“

Wertvoller Partner in der Krise

Trotz des hohen Konfliktpotenzials schafften es manche aber trotzdem, in Krisenzeiten besonders harmonisch miteinander umzugehen, glaubt Rohrmann. Sie entwickelten neue gemeinsame Interessen und merkten, dass der andere in dieser schwierigen Situation ein wertvoller Partner ist.

In Deutschland wächst die Mehrheit der Kinder mit Geschwistern auf. 2019 lebten laut Statistischem Bundesamt 82 Prozent aller Zehnjährigen mit einem Bruder oder einer Schwester in einem Haushalt. Die Quote ist seit langem weitgehend konstant. Auch eine Auswertung des Mikrozensus ergab, dass der Anteil der Einzelkinder in Deutschland nicht wächst.

„Das Besondere an der Geschwisterbeziehung ist das Schicksalhafte“, sagt Rohrmann. „Dass die Geschwister auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert sind.“ Anders als Freundschaften könne man eine Geschwisterbeziehung nicht aufkündigen, schon gar nicht in einer Zeit, in der man kaum die Wohnung verlassen kann.

Je größer der Altersunterschied, desto harmonischer

Als Faustregel gelte: Je größer der Altersunterschied, desto seltener seien Konflikte, „weil die Kinder nicht mehr so verbunden sind: Sie leben in eigenen Welten und da gibt es weder ein Miteinander noch ein Gegeneinander“. Am entspanntesten sei oft das Verhältnis zwischen gemischten Geschlechtern, zum Beispiel die Kombination großer Bruder, kleine Schwester, bei drei bis vier Jahren Altersunterschied.

Ein entscheidender Faktor, wie die Geschwister miteinander auskommen, seien die Eltern, sagt Rohrmann. Wenn Eltern dauernd Vergleiche anstellten („Schau mal, wie brav deine Schwester ist“), dann schüre das die Rivalität zwischen den Kindern. Besser sei es, die Individualität wahrzunehmen. Falls sich im Lockdown das Verhältnis der Kinder verschlechtert hat, müssen sich Eltern keine Sorgen machen, beruhigt Rohrmann: „Wenn der Alltag wieder einkehrt, wird sich das normalisieren“, glaubt sie.