Mund und Nase sind geschützt. Doch was ist mit den Augen?
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BerlinDas Coronavirus ist hoch infektiös. Man kann sich anstecken, wenn man Tröpfchen und Aerosole einatmet – also kleinste Schwebeteilchen in der Luft, vor allem in schlecht belüfteten Räumen. So sieht der gegenwärtige Stand der Erkenntnisse aus. Aber wie ist es mit anderen Übertragungswegen? Können sich Menschen auch über die Bindehaut oder Tränenflüssigkeit der Augen mit Sars-CoV-2 infizieren? Über diese Fragen haben Augenärzte jetzt auf der digitalen Plattform des Kongresses der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) vom 9. bis 11. Oktober diskutiert.

„Derartige Übertragungswege würden erhebliche Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben und weitere Schutzmaßnahmen notwendig machen“, sagte Clemens Lange, Oberarzt an der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg. Es gebe vereinzelt Studien, die auf eine solche Übertragungskette hinweisen, heißt es in einer Mitteilung der DOG.

Den Angaben zufolge hatten in Untersuchungen etwa sieben Prozent der Covid-19-Patienten subjektive Augenbeschwerden. Bei etwa einem Prozent wurden Zeichen einer Bindehautentzündung (Konjunktivitis) beobachtet. „Einige Studien postulieren, dass das Virus in diesen Fällen das Auge als Eintrittspforte genutzt habe“, sagte Lange. Auch der Tränenfilm werde als möglicher Überträger diskutiert, zum Beispiel wenn sich jemand die Augen mit Händen reibt, an denen sich Viren befinden.

„Betrachtet man abschließend die derzeitige Studienlage, weist jedoch nichts darauf hin, dass wir die Augen als bedeutsame Eintritts- oder Austrittspforte des Virus betrachten müssen“, stellte Lange fest. Was die bei Covid-19-Kranken beobachtete Bindehautentzündung betrifft, sagte er: „Es könnte sich auch um ein von Sars-CoV-2 unabhängiges Phänomen handeln, das zum Beispiel im Zuge einer intensivmedizinischen Behandlung oder der generalisierten Entzündungsreaktion im Körper von Covid-19-Patienten auftritt.“ Darüber hinaus sei noch nicht eindeutig geklärt, ob die Zellen der Augenoberfläche, wie zum Beispiel die der Bindehaut, Rezeptoren besitzen, die sie für eine Infektion anfällig machen. Klinische Untersuchungen hätten bisher dafür keinen Hinweis erbracht.

Auch sei der Übertragungsweg über die Tränenflüssigkeit eher unwahrscheinlich. „Der regelmäßige Lidschlag des Auges sowie die geringe Augenoberfläche dürften verhindern, dass ausreichend Viren ins Auge gelangen können“, so Lange. Und bei Patienten mit Covid-19 enthalte der Tränenfilm nur sehr selten Virus-RNA.

„Obwohl wir derzeit eher keine Infektion über das Auge befürchten müssen, sind weitere Untersuchungen notwendig, um Aufschluss über die tatsächliche Infektiosität und mögliche Orte der Virusvermehrung zu erhalten“, sagte Hans Hoerauf, Präsident der DOG und Direktor der Augenklinik der Universitätsmedizin Göttingen.