Pressekonferenz mit Minister Jens Spahn, dem Virologen Christian Drosten und dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler (v.r.n.l.).
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BerlinAm Montag saß Professor Drosten neben dem Bundesgesundheitsminister in der Bundespressekonferenz. Es ging um den möglichen Verzicht auf Fußballspiele und andere Großveranstaltungen, um die mögliche Verschiebung des CDU-Parteitages und andere Versuche, die Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu verlangsamen. Gegen Ende der Pressekonferenz fragte ein Journalist nach einer Einschätzung, wie schnell die Epidemie nun fortschreiten werde. Christian Drosten, Chef der Virologie an der Charité, antwortete mit unbewegter Miene: Nach derzeitigen Erkenntnissen verdoppele sich die Zahl der Erkrankungsfälle „alle sieben Tage“. Dann wurde wieder nach dem CDU-Parteitag gefragt.

Exponentielles Wachstum

Drostens Antwort hat es in sich. Aber erst allmählich dringt ihre Tragweite ins allgemeine Bewusstsein. Eine Verdopplung alle sieben Tage – das beschreibt ein sogenanntes exponentielles Wachstum. Und das ist etwas, das sich viele Menschen nur schwer vorstellen können. Wir sind lineares, manchmal auch sprunghaftes Wachstum gewöhnt. Etwa, wenn wir die Bleistiftmarkierungen betrachten, mit denen wir die Körpergröße unserer Kinder am Türrahmen dokumentiert haben.

Bei der Ausbreitung eines Virus haben wir es mit einer ganz anderen Dynamik zu tun. Zur Veranschaulichung: Als Drosten vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz saß, gab es in Deutschland gut tausend registrierte Infektionen mit Sars-CoV-2. Kommenden Montag sind es voraussichtlich 2000, eine Woche später 4000, Ende März 8000, Ende April 128.000. In dieser Modellrechnung werden sich bis Mitte, Ende Mai mehr als eine Million Menschen in Deutschland infiziert haben.

Jens Spahn: „Oberstes Ziel ist, die Ausbreitung einzudämmen“

Niemand weiß heute, ob es so kommt. „Oberstes Ziel ist und bleibt, die Ausbreitung einzudämmen und zu verlangsamen, um das Gesundheitssystem funktionsfähig zu halten“, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) immer wieder.

Das Gesundheitssystem steht unweigerlich vor einer schweren Prüfung, von der man nicht weiß, ob es sie bestehen kann. Nach den Erfahrungen in China lässt sich abschätzen, dass die Krankheit in rund 80 Prozent der Fälle einen leichten Verlauf nimmt. Etwa 15 Prozent der Kranken erleben einen schweren, fünf Prozent einen kritischen Verlauf. Kritisch heißt: schwere Lungenentzündung, Beatmung, ständige Überwachung – Intensivmedizin.

In Deutschland gibt es nach Spahns Angaben rund 28.000 Intensivbetten. Man kann jetzt relativ leicht ausrechnen, wann die alle mit Corona-Kranken belegt wären. Dazu muss eine gute halbe Million Menschen gleichzeitig krank sein. Nach der Sieben-Tage-Verdopplungsformel wäre das wohl Ende Mai, Anfang Juni (man muss aus der Statistik immer all die herausrechnen, die schon wieder gesund sind). Und eine Woche später hätte sich die Zahl der Erkrankten schon wieder verdoppelt.

Soziale Distanzierung

So soll es nicht kommen. Deswegen rufen jetzt weltweit alle „flatten the curve!“ – flach’ die Kurve ab! Die Dauer der Pandemie soll gestreckt werden, auf viele Monate, am besten so lange, bis es einen Impfstoff gibt. Die Höchstzahl der gleichzeitig Erkrankten muss unter die kritische Grenze gedrückt werden.

Die Maßnahmen, die dafür ergriffen wurden und werden, sind: Isolation von Erkrankten, Quarantäne für Kontaktpersonen, Absage von Großveranstaltungen, vorübergehende Schließung von Schulen, Kitas oder Betriebsteilen, Appelle an die Bevölkerung, sich unnötige Reisen oder Partybesuche zu verkneifen. Spahn sagt: „In einer ersten Stufe sollten wir verzichten, wo es leicht ist.“

Der zentrale Begriff in dieser Phase der Pandemie ist „soziale Distanzierung“: Abstand halten vom nächsten. Auch in diesem Prinzip steckt Mathematik – vielleicht sperrt es sich deswegen ein bisschen gegen die menschliche Einsicht.

Kein Impfstoff, keine wirksamen Medikamente

Wer viel mit Menschen zu tun hat, glaubt vielleicht, es komme auf ein paar mehr Kontakte nicht an. Aber genau darum geht es. Wer an einem Tag mit 200 Menschen zusammentrifft statt mit 20, weil er auf eine Party geht, verzehnfacht die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren oder andere anzustecken. Der einzelne ist – statistisch gesehen – nicht entscheidend. Wenn aber tausend, zehntausend oder eine Million Menschen darauf verzichten Tanzen zu gehen, fällt das durchaus ins Gewicht. Für die Verbreitungsgeschwindigkeit ist es sehr wohl entscheidend, ob wir alle die Zahl unserer Kontakte verringern.

Immer noch denken viele, Sars-CoV-2 sei wie eine Grippe, die Maßnahmen seien übertrieben, man werde schon nicht so schlimm erkranken. Es ist ein bisschen so, als stünde man am Strand, mit den Füßen im Wasser, am Horizont baut sich ein Tsunami auf, und man sagt: Ich weiß gar nicht, was ihr wollt. Hier ist es nur 20 Zentimeter tief. Die Pandemie entwickelt diese Dynamik, weil Sars-CoV-2 auf eine Weltbevölkerung trifft, die keine Immunität gegen den neuen Erreger aufbauen konnte. Das ist ein wichtiger Unterschied zur echten Grippe, die die Menschheit seit langem heimsucht. Außerdem gibt es keinen Impfstoff und bisher auch noch keine wirksamen Medikamente.

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Verzicht auf Dinge

Die Lage in Deutschland unterscheidet sich nicht von der in anderen Ländern. Italien ist in der Verbreitung nur ein paar Tage, vielleicht wenige Wochen voraus. Dort sind die Intensivstationen bereits überbelegt und Ärztinnen und Pfleger am Rande der Verzweiflung. Drosten schrieb auf Twitter: „Es wird auch bei uns so ablaufen, wenn wir weiter denken, dass ,Deutschland es besser macht’ und deswegen nichts tun.“

Er lässt offen, ob Spahns „Verzicht, der uns leicht fällt“ ausreicht. Wahrscheinlich nicht. Spahn wiederum lässt offen, wie nach der ersten Stufe die nächsten aussehen könnten. Schließung der Schulen wie in Japan, Reisebeschränkungen wie in Italien? Es fällt auf, dass Spahn keine Möglichkeit grundsätzlich ausschließt. Es könnte einen Verzicht auf Dinge geben, der uns schwer und schwerer fällt. Und bisher weiß wohl niemand, wie lange ein solcher Verzicht nötig sein wird.

Die Frage ist, wie man feststellen kann, ob die Verlangsamung wirkt. Ob eine  vielleicht unpopuläre Maßnahme Erfolg bringt. Und angesichts der Dynamik muss man schnell wissen, ob mehr nötig ist. Anhand der Infektions- und Erkrankungszahlen lässt sich die Geschwindigkeit immer  wieder neu bestimmen. Aber bei steigenden Fallzahlen stoßen irgendwann auch die Testkapazitäten an ihre Grenzen. Das Bild wird unscharf.

Virusgenom verändert sich

Tanja Stadler ist Mathematikerin, die sich mit der Statistik von Epidemien beschäftigt. Die Professorin an der ETH Zürich analysiert die kleinen Veränderungen in der Erbsubstanz eines Virus. Je länger eine Epidemie läuft, desto mehr kleine Mutationen im Virusgenom gibt es. Anhand dieser Veränderungen kann Stadler die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus bestimmen. Jetzt wartet sie auf Daten aus Italien, um zu sehen, wie die Abriegelung dort wirkt. „Wir können die Daten quasi in Echtzeit analysieren und Voraussagen treffen“, sagte die Expertin für Theoretische Biologie dem Züricher Tagesanzeiger. „Bei bisherigen Epidemien war das nicht vorstellbar.“

Welche Maßnahmen ergriffen werden können, welche durchsetzbar sind, wer die Kosten trägt – solche Fragen können Wissenschaftler nicht beantworten. „Das zu entscheiden“, sagt Stadler, „ist letztlich Aufgabe der Politik“.